• vom 27.01.2016, 16:13 Uhr

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Der Brückenbauer




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Von Edwin Baumgartner

  • Vor 150 Jahren starb Friedrich Rückert - der Dichter war ein Pionier der deutschen Orientalistik.

Denkmäler hat man Friedrich Rückert errichtet - bloß lesen tut man ihn kaum noch.

Denkmäler hat man Friedrich Rückert errichtet - bloß lesen tut man ihn kaum noch.© wikimedia/störfix Denkmäler hat man Friedrich Rückert errichtet - bloß lesen tut man ihn kaum noch.© wikimedia/störfix

Wer spricht schon Tschagataisch?

Nachsehen hab’ ich’s müssen, und Wikipedia wusste Rat: "Die tschagataische Sprache oder kurz Tschagataisch war eine osttürkische Sprache, die heute in den zentralasiatischen Sprachen Usbekisch und Uigurisch weiterlebt. Sie war eine bedeutende Verkehrs- und Literatursprache, die etwa vom Beginn des 15. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts im islamischen Zentralasien und darüber hinaus auch in weiteren Teilen Eurasiens verbreitet war."


Friedrich Rückert war des Tschagataischen kundig. Darüber hinaus sprach er auch Afghanisch, Arabisch, Armenisch, Altäthiopisch, Avestisch, Berberisch, Englisch, Französisch, Griechisch, Hebräisch, Kannada, Latein, Malaiisch, Malayalam, Persisch, Pali, Prakrit, Russisch, Samaritanisch, Sanskrit, Tamil und Türkisch, um nur die Hälfte jener 44 Sprachen aufzuzählen, die er beherrschte.

Rückert, am 16. Mai 1788 in Schweinfurt geboren und vor ziemlich genau 150 Jahren am
31. Jänner 1866 in Neuses (heute Coburg) gestorben: einer der Väter der Orientalistik im deutschsprachigen Raum - und ein Dichter von hohem, wenngleich vielleicht nicht allerersten Rang. Also kein Goethe, kein Hölderlin, kein Heine; aber gemessen an einem Hölty, einem Uhland oder an einem Körner - welch ein Gigant, dieser Rückert! Wobei Hölty, Uhland und Körner durchaus als Klassiker gelten, und zu Recht nicht als die übelsten.

Der entschwindende Klassiker
Noch dazu hat Rückert ein riesiges Werk hinterlassen: 12 Bände mit 6160 Seiten hat die Sauerländer-Ausgabe aus dem Jahr 1868. Leseausgaben, Prachtausgaben - bis an die Wende zum 20. Jahrhundert galt Rückert als eine Säule der deutschsprachigen Literatur. Danach entschwindet er allmählich dem Bewusstsein. Die heutige Situation: Die historisch-kritische Ausgabe ist nur für Bibliotheken, kaum für Privatpersonen leistbar. Sonst: ein paar ganz weniger Taschenbücher, zumeist mit Übersetzungen Rückerts aus dem Arabischen und Persischen und seine Übertragung des Koran. Rückert-Grundschulen, Rückert-Oberschulen, Rückert-Gymnasien gibt’s in Deutschland zuhauf, eine zuverlässige Edition einer Rückert-Gedichtauswahl ist hingegen Mangelware. Ein eklatantes Missverhältnis.

So scheint es, dass sich Rückert nur noch im Konzertsaal behauptet: Gustav Mahler hat ihn vertont - und wie! Durch die "Kindertotenlieder" und die "Rückert-Lieder" (mit dem überirdisch wunderbaren "Ich bin der Welt abhanden gekommen") geht dieser Dichter doch in die Ewigkeit ein; nicht durch sein eigenes Genie, sondern durch das Mahlers. Aber was tut’s? Ewigkeit ist Ewigkeit.

Dabei hat Rückert noch eine weitere Großtat gesetzt, die ihn für unsere Gegenwart interessant machen sollte: Er baute Brücken
zwischen dem islamischen Morgenland und dem christlichen Abendland.

Er war nicht der Allererste, aber er war einer der Pioniere. Es war eine Facette der Aufklärung, dass man das christliche Abendland immer weniger als Bollwerk gegen einen expansiven Islam verstand. Die Kriege, in denen die Türken die Aggressoren waren, lagen mehr als 100 Jahre zurück: 1683 hatten die Türken vor Wien eine vernichtende Niederlage erlitten. Im Frieden von Karlowitz 1699 verlor das Osmanische Reich Ungarn, Siebenbürgen, die Batschka, Podolien, Asow und den Peloponnes. Das Rückgrat des Osmanischen Reichs war gebrochen und heilte nicht mehr. Vom Angreifer wurde es in den noch folgenden kriegerischen Auseinandersetzungen zum Angegriffenen.

Neugier auf das Fremde
Diese nunmehrige Position der Stärke ermöglichte einen lockereren Umgang mit der Kultur der islamischen Nationen. Die Aufklärung setzte das Gebot der Vernunft an die Stelle des religiösen Konflikts. (Ist es Zufall, dass Rückert, wie auch Herder und Goethe, Freimaurer waren?) Man begann, die fremden Kulturen zu studieren - zweifellos auch, indem man sich ihre Kulturschätze einverleibte (um nicht zu sagen: sie plünderte), wovon vor allem der Louvre und das British Museum beredt zeugen.

Die Literatur geht da naturgemäß sanfter vor: Man übersetzt hier, was dort geschrieben und gedichtet worden war. Johann Gottfried Herder hatte es vorexerziert und Literatur aus allen Teilen der Welt übersetzt. Es herrschte Neugier und Aufbruchsstimmung. Man wollte das Fremde kennenlernen, um sich neue Möglichkeiten für das eigene Denken und Dichten zu erschließen.

Auch der Koran erfuhr nun zuverlässigere Übertragungen. Die erste deutsche Übersetzung war zwar schon 1616 in Nürnberg erschienen, doch unter dem als Omen zu nehmenden Titel "Der Türcken Alcoran, Religion und Aberglauben", und auf dieser Ebene blieb es vorerst, bis der österreichische Orientalist Josef von Hammer-Purgstall dem Koran die Würde zurückgab - und sein Schüler Rückert in seiner eigenen Übersetzung die Poesie (der er allerdings hin und wieder Teile der originalen Aussage opferte).

Hammer-Purgstall war es auch, der, neben anderer arabischer Literatur (wie den "Märchen aus 1001 Nacht") 1812 den Diwan des Hafis übersetzte. Das war die Initialzündung für Johann Wolfgang von Goethes "West-östlichen Diwan" und für Rückerts Dichtung.

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Dokument erstellt am 2016-01-27 16:17:06



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