• vom 28.01.2016, 16:17 Uhr

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Update: 12.04.2016, 17:12 Uhr

Literaturmagazin

"Zum Glück bin ich Multi-Milliardär"




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Von Klaus Stimeder

  • Dale Peck, Chefredakteur der legendären, 2016 neu erscheinenden US-Literaturzeitschrift "Evergreen Review", über Erwartungshaltungen, Geld und publizistische Notwendigkeiten.

Ein Cover der alten Version der "Evergreen Review".

Ein Cover der alten Version der "Evergreen Review".© ER Ein Cover der alten Version der "Evergreen Review".© ER

Das "Evergreen Review" (ER) gilt als eine der berühmtesten Literaturzeitschriften, die die USA je hervorgebracht haben. 1957 erstmals erschienen, reihten sich auf den Seiten des vom New Yorker Verleger Barney Rossett gegründeten Magazins über Jahrzehnte - zum Zeitpunkt ihrer Publikation oft noch unbekannte - Namen aneinander, die später Platz im Pantheon der Weltliteratur fanden: Jack Kerouac, William S. Burroughs, Edward Albee, um nur ein paar der bekanntesten zu nennen.

Zu den einheimischen Autoren gesellte sich im "ER" bis zu seiner Einstellung 1973 in regelmäßigen Abständen die Crème de la Crème der globalen Schriftstellerei: Samuel Beckett, Albert Camus, Jean-Paul Sartre, Octavio Paz, Kenzaburo Oe, Marguerite Duras, und, und, und. An diese Tradition - avantgardistische, subversive Literatur aus den USA, kombiniert mit ebendort noch nicht oder wenig bekannten internationalen Stimmen - will jetzt Dale Peck anschließen, den modernen Zeiten entsprechend online. Ab 2016 fungiert der bekannte Schriftsteller (zuletzt: "Visions and Revisions: Coming of Age in the age of Aids", SoHo Press) und berüchtigte Literaturkritiker (eine Anthologie seiner Buchbesprechungen trägt den programmatischen Namen "Hatchet Jobs") im wiederauferstandenen "ER" als Chefredakteur.


Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erzählt Peck erstmals über seine Pläne, wie er sich den Umgang mit dem Erbe des alten "ER" vorstellt und welche Leute für ihn als Autorinnen und Autoren in Frage kommen.

"Wiener Zeitung": Mr. Peck, was bedeutet der Begriff Gegenkultur im Jahr 2016, vor allem in Bezug auf Literatur?

Dale Peck: Das ist eine der Fragen, die ich mit dem neuen ER beantworten will. Der Kapitalismus hat sich als bemerkenswert elastisch dabei erwiesen, soziale Bewegungen oder Kulturen oder ganze Ethnien zu assimilieren, die bis vor kurzem noch unterdrückt wurden, mindestens aber marginalisiert. Marginalisiert sind sie immer noch. Aber heute sind sie auch zur Ware geworden. Was mich interessiert, ist, was es heißt, sich im Zeitalter des Internet und des komplett entfesselten freien Marktes außerhalb des Mainstreams zu stellen. Wie weit muss man dabei heute gehen? Oder repräsentieren Verbrecher - Mörder, Vergewaltiger, Pädophile - möglicherweise die einzige wirkliche Gegenkultur, die noch übrig ist? Ansonsten: Ich bin schon allein deshalb nervös, weil wir "Evergreen Review" heißen werden, aber niemand vom ursprünglichen "ER" beteiligt ist.

Wie lebt es sich außerhalb des Mainstreams? Dale Peck gelingt es ganz gut.

Wie lebt es sich außerhalb des Mainstreams? Dale Peck gelingt es ganz gut.© Johnny Perez Wie lebt es sich außerhalb des Mainstreams? Dale Peck gelingt es ganz gut.© Johnny Perez

Heute ein Literaturmagazin zu gründen, auch wenn es wie "ER" in einer großen Tradition steht, scheint im Zeitalter von Twitter, Instagram und Facebook eine hoffnungslos idealistische Angelegenheit.

Ich bin mir nicht sicher, ob es nicht mehr ein anachronistischer als ein idealistischer Akt ist. Die besten neuen Magazine haben alle die Unmittelbarkeit von Social Media. Dort reden ja Menschen mit sich selber, oder es schreien sich Gruppen von Menschen an, die sich selber gegenseitig ausgesucht haben. Genau das hat etwa die Anziehungskraft eines Mediums wie HTMLGiant (htmlgiant.com) ausgemacht, das leider 2014 eingestellt wurde.

Das ist aber nichts, was man einfach so kreieren kann. Man kann nur den Raum dafür bereitstellen und dann hoffen, dass die Leute anfangen, miteinander zu reden. Prinzipiell glaube ich, dass es immer eine Nachfrage nach einem kuratierten literarischen Umfeld geben wird. Heute kann jeder jederzeit alles lesen, was er will. Aber wenn man mit unbegrenzten Entscheidungen konfrontiert ist, sehnt man sich nach einer Richtung, nach einer Sensibilität, der man vertrauen kann. Wenn Sie heute Medien oder Magazine wie "Gawker" oder das "Three Penny Review" aufschlagen, wissen Sie, was Sie erwartet. Das will ich auch mit dem neuen "ER" erreichen.

Es gibt keine Geschichte über das "ER" unter Barney Rosset, die ohne den Verweis darauf auskommt, dass es selbst zu seinen Hochzeiten mit Auflagen von 100.000 Stück praktisch ohne finanzielle Mittel produziert wurde. Wer bezahlt die Rechnungen des neuen "ER"? Wie sieht das Geschäftsmodell aus?

(lacht.) Zum Glück bin ich Multi-Milliardär und bezahle die ganze Sache selbst. Ich werde einfach ein paar von meinen Facebook-Aktien verkaufen und schon sind wir im Rennen.

In den vergangenen fünfzehn Jahren gab es in den USA einen wahren Boom von Literaturzeitschriften: In New York zum Beispiel "n+1", "The American Reader", "The Jacobin", "The New Inquiry", um nur einige zu nennen, in Los Angeles das "Los Angeles Review of Books" (LARB). Davon abgesehen, dass viele dieser Publikationen an einer extrem ausgeprägten Tendenz zur Nabelschau leiden: Wie passt das neue "ER" in dieses Umfeld?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie jede gute Literaturzeitschrift zu einem bestimmten Zeitpunkt der Nabelschau bezichtigen können. Die braucht es halt manchmal, um eine Identität zu formen und in der Folge aufrechtzuerhalten. Mir selber geht es weniger darum, den Leser intellektuell herauszufordern oder zu provozieren, als darum, zu publizieren, was meiner Meinung nach notwendig ist, gelesen werden muss. Wenn es in der heutigen Literaturlandschaft ein Problem gibt, dann ist es das, dass fast alles, was heute veröffentlicht wird, von Dingen erzählt, die ich schon weiß, und die von Leuten offenbar nur deswegen geschrieben wurden, damit sie sich Schriftsteller oder Schriftstellerin nennen dürfen. Es sind Stoffe, die jeder kennt und die zu Schlüssen kommen, auf die sich alle einigen können. Das funktioniert für ein Magazin wie den "New Yorker", der vor allem anderen dazu da ist, der liberalen Bourgeoisie das Gefühl zu geben, dass sie im Recht ist. Aber es ist traurig, wenn man dieselben Antworten von angeblich unabhängigen oder alternativen Publikationen bekommt. Der einzige Unterschied zwischen dem "New Yorker" und denen ist, dass sie nicht so gut geschrieben und lektoriert sind.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-01-28 16:20:07
Letzte nderung am 2016-04-12 17:12:48



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