• vom 31.01.2016, 13:00 Uhr

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Psychoanalyse

Medizinische Lehrjahre




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Von Johannes Reichmayr

  • Zurzeit entsteht eine neue Gesamtausgabe der Schriften Sigmund Freuds. Fünf Bände dieser eindrucksvollen Edition sind bereits erschienen. Sie enthalten die Frühschriften des Psychologen.



Sigmund Freud in den 1880er Jahren.

Sigmund Freud in den 1880er Jahren.© Wilhelm Engel/Corbis Sigmund Freud in den 1880er Jahren.© Wilhelm Engel/Corbis

Wir haben uns daran gewöhnt, beim Lesen der Schriften von Sigmund Freud zwischen einer in den 1940er Jahren erschienenen chronologisch gegliederten Ausgabe, einer thematisch gegliederten Studienausgabe und der englischen "Standard Edition" hin und her zu pendeln oder auch zu einer Taschenbuchausgabe zu greifen - ein manchmal zeitaufwändiges Unternehmen.

Und es ist eigentlich unglaublich, dass bis heute keine Gesamtausgabe der Schriften Sigmund Freuds in deutscher Sprache vorliegt. Ebenso schwer ist zu glauben, dass es 75 Jahre dauern musste, bis eine Gesamtausgabe möglich wurde. Erst mit dem Ablauf des Copyrights 2014 und einer neuen Generation von Wissenschaftshistorikern, die sich auf die Freud-Biographik und die Geschichte der psychoanalytischen Bewegung spezialisierten und ihr Selbstverständnis über die Wissenschaftsgeschichte, und nicht aus ihrer Nähe zur psychoanalytischen Zunft definieren, konnte dieser historische Makel nun endlich beseitigt werden.

Das Verdienst gebührt dem Psychosozial-Verlag in Gießen, namentlich den Verlegern Hans-Jürgen und Johann Wirth, die sich diesem Projekt gestellt haben und mit Christfried Tögel unter Mitarbeit von Urban Zerfaß zwei Fachleute gewinnen konnten, die in der Lage waren, dieses Unternehmen auch umzusetzen.

Eingespielte Muster

Information

Sigmund Freud Gesamtausgabe in 23 Bänden.Herausgegeben von Christfried Tögel unter Mitarbeit von Urban Zerfaß. Bisher erschienen: Band I bis V. Psychosozial-Verlag Gießen 2015/ 2016. Band VI ist für Juni 2016 angekündigt.

Johannes Reichmayr
, Univ.-Prof. Dr. phil., Psychoanalytiker und Psychologe, ist Professor für Psychologie mit besonderer Berücksichtigung der Psychoanalyse an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien.


Psychoanalysen brauchen ihre Zeit - und Veränderungen im psychischen Bereich gehen nur langsam vonstatten. Die eingespielten und unbewusst determinierten Muster nehmen sich Wiederholungen und Verkleidungen zu Hilfe, um Veränderungen zu widerstehen. Das kann sich auch auf Generationen ausdehnen.

Wer die Geschichte der deutschsprachigen Freud-Ausgaben auch nur in groben Zügen kennt, möchte meinen, dass derartige Mechanismen auch dabei wirksam sind. Auf die 12 Bände der "Gesammelten Schriften", die von 1924 bis 1934 im "Internationalen Psychoanalytischen Verlag" produziert wurden, folgten in den 1940er Jahren die "Gesammelten Werke" in 17 Bänden, erschienen im Verlag "Imago Publishing" in London. Sie wurden vom Fischer Verlag in Frankfurt am Main als fotomechanischer Nachdruck übernommen und - 1989 um einen Ergänzungsband erweitert - herausgegeben. Eine thematisch geordnete Studienausgabe und die Neuedition einer in den 1950er Jahren begonnenen Taschenbuchausgabe kamen als editorischer Kompromiss hinzu.

Mehr als zwei Generationen lang änderte sich an dieser Lage fast nichts, die Gralshüter konnten gemeinsam mit dem gut daran verdienenden Fischer Verlag ihren Veränderungsunwillen durchsetzen und begnügten sich mit diesen Ausgaben. Wie in der Geschichtsschreibung der Psychoanalyse mit der dreibändigen Freud-Biographie von Ernest Jones lange Zeit die Heldengeschichtsschreibung als Mainstream befestigt und aufrechterhalten werden konnte, dauerte es auch im Bereich der Edition sehr lange, bis die Tradition eines Provisoriums zu Ende ging und es gelang, die erste Gesamtausgabe der Schriften Freuds zu verlegen.

Der Neurologe Jean-Martin Charcot, ein Lehrer Freuds.Die Karte trägt eine Widmung Charcots an Freud. 

Der Neurologe Jean-Martin Charcot, ein Lehrer Freuds.Die Karte trägt eine Widmung Charcots an Freud. © Psychosozial Verlag Der Neurologe Jean-Martin Charcot, ein Lehrer Freuds.Die Karte trägt eine Widmung Charcots an Freud. © Psychosozial Verlag



Die ersten fünf Bände der neuen Sigmund Freud Gesamtausgabe (SFG) in 23 Bänden liegen bis dato vor. Sie beinhalten den Zeitraum von 1877 bis 1896, also die sogenannten "voranalytischen Schriften" bis hin zu den 1896 auf Französisch veröffentlichten Arbeiten, in denen Freud zum ersten Mal den Terminus "Psychoanalyse" benutzt. Die Ausgabe beginnt mit zoologischen Arbeiten über Aal und Flusskrebs, dann folgen Schriften über Kokain, die Monographien über Aphasien und Kinderlähmung sowie Texte in weit gestreuten Gebieten, von der Hirnanatomie über die Ko-kainforschung bis zur Neuropathologie und Psychiatrie.

Erstmals werden rund 200 Rezensionen zusammengestellt, die Freud in den Jahren 1877 bis 1890 verfasste, ebenso seine Beiträge zu medizinischen Handwörterbüchern und Lexika. Auch für nicht auf Freud spezialisierte Forscher eine imposante und interessante Quelle.

Jeder Freud-Forscher oder -Interessierte, der nach einer bestimmten Schrift in diesem Zeitraum auf die Suche gehen musste, weiß, wie viel Zeit und manchmal auch Geld investiert werden musste, um an die oft schwer zugänglichen Materialien heranzukommen. Allein dafür gebührt dem Herausgeber, dem Mitarbeiter und den Verlegern Dank - und allein damit hat sich das Projekt bzw. der Erwerb der Bände schon bezahlt gemacht. Endlich kann der Autor und werdende Wissenschafter Freud im Licht seiner Arbeiten wirklich in Erscheinung treten.

Die Bedeutung von Freuds voranalytischen Schriften und damit die Bedeutung vor allem auch der ersten Bände der SFG werden in der Einleitung zum ersten Band deutlich gemacht. Tögel zitiert dort seinen Mentor und Doyen der Freud-Biographik, den 2012 verstorbenen Tübinger Medizinhistoriker Gerhard Fichtner, der nachdrücklich darauf hingewiesen hat, dass eine Zusammenschau von Freuds neuropathologischen und psychoanalytischen Arbeiten "für ein angemessenes Verständnis von Freuds Werk" unbedingt notwendig ist.

Hysterie-Forschung

Der Übergang, der durch die Begegnung Freuds mit Jean-Martin Charcot 1885/86 angestoßen und mit Freuds Kritik an der zeitgenössischen Hirnforschung und Lokalisationstheorie fortgesetzt wurde, kann mit den Bänden II bis V deutlicher als bisher nachvollzogen werden. Band IV enthält die gemeinsam mit Josef Breuer verfasste und 1893 veröffentlichte berühmte "Vorläufige Mitteilung" ("Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene"), die in das "Urbuch der Psychoanalyse" (Ilse Grubrich-Simitis), die "Studien über Hysterie", "als die zu illustrierende und zu erweisende These" übernommen wurde.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-01-29 14:20:07
Letzte ─nderung am 2016-01-29 16:24:22



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