• vom 30.01.2016, 15:00 Uhr

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Museum Gugging

"Der Dichter will die Lyrik nicht"




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Von Hermann Schlösser

  • Im "museum gugging" ist derzeit eine Ausstellung zu sehen, die Leben und Werk des schizophrenen Dichters Ernst Herbeck umfassend würdigt.



"Ich schaue in den Spiegel und sehe nichts" - Ernst Herbeck.

"Ich schaue in den Spiegel und sehe nichts" - Ernst Herbeck.© Heinz Bütler "Ich schaue in den Spiegel und sehe nichts" - Ernst Herbeck.© Heinz Bütler

Herbeck und Navratil sitzen zusammen an einem kleinen Tisch. Navratil legt Herbeck ein Blatt Papier hin, dann geschieht erst einmal nichts. Nachdem dieses Nichts vorüber ist, dreht sich Herbeck in ausführlichster Umständlichkeit eine Zigarette, dabei fallen einige Tabakbrösel auf die Tischplatte. Sorgfältig sammelt er die Ausreißer ein, verwahrt sie wieder im Tabaksbeutel. Während Navratil geduldig wartet, zündet Herbeck die Zigarette an, raucht genießerisch. (Eines seiner Gedichte heißt in einer nur ihm eigenen Orthographie: "Die Zigarette ist ein Monopol und muss / geraucht werden. Auf Dasssie / in Flammen aufgeht.") Nach der gemächlichen Vorbereitung greift Herbeck zum Stift und fängt in großer Ernsthaftigkeit an, das Blatt Papier, das vor ihm liegt, mit Buchstaben zu füllen.

Diese Szene aus Heinz Bütlers Dokumentarfilm "Zur Besserung der Person" zeigt kein einmaliges Ereignis, sondern ein Ritual: Ernst Herbeck, Insasse in der Niederösterreichischen Landeskrankenanstalt in Gugging, und Leo Navratil, Psychiater und Oberarzt dortselbst, waren seit den 1960er Jahren mit einem therapeutischen Langzeitprojekt beschäftigt: Der Arzt gab dem schizophrenen Patienten die Themen vor, worauf dieser bereitwillig kurze Texte dazu verfasste.

Krankheit und Kunst

Das arme Leben und das reiche Schaffen des Dichters Herbeck werden zurzeit in einer Ausstellung des "museum gugging" dokumentiert, die von Peter Karlhuber gestaltet und von Gisela Steinlechner kuratiert wurde.

Die Literaturwissenschafterin Steinlechner, die 1989 ihre Dissertation über Herbecks Lyrik veröffentlicht und 2013 einen Auswahlband seiner Gedichte herausgegeben hat, ist nicht nur eine genaue Kennerin dieses Werks, sondern auch eine feinfühlige Literatin, die vieles wahrnimmt, was ungeduldigere Geister ignorieren. Der Titel der Gugginger Ausstellung, "eine leise Sprache ist mir lieber", ist gewiss nicht nur auf Herbeck zu beziehen, sondern auch auf die Kuratorin. Wer sich für ihre überlegt konzipierte Ausstellung etwas Zeit nimmt, begegnet einem der berührendsten und rätselhaftesten österreichischen Dichter - und zwar in der Umgebung, in der er die längste Zeit seines Lebens verbracht hat.

Information

Die Ausstellung "ernst herbeck.! eine leise sprache ist mir lieber" ist noch bis 22. Mai 2016 im museum gugging zu sehen. Mehr unter: www.gugging.at

Hermann Schlösser,
geb. 1953, ist Literaturwissenschafter und "extra"-Redakteur.


Einige der kunst-affin weißen Räume des heutigen Museums wurden für die Dauer der Ausstellung vom Gestalter Karlhuber wieder mit der alten Spitalsfarbe Ockergelb eingefärbt; außerdem erinnern Kleiderhaken und andere Requisiten markant daran, dass sich Herbeck nicht in einem Literaturhaus zum Dichter entwickelte, sondern in der Tristesse einer "Landeskrankenanstalt".

Herbecks Manuskripte liegen heute in der Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, die Gugginger Ausstellung präsentiert eine Auswahl aus diesen Blättern.

Seiner seelischen Verfassung entsprechend, hielt sich Herbeck zuweilen an die übliche Orthographie, während er in anderen Stimmungen sehr willkürlich mit den Buchstaben und den Wörtern umsprang. Gelegentlich tauchen auch englische Vokabeln in seinen Gedichten auf. Wie in der Ausstellung zu erfahren ist, hatte Herbeck in der Schule Englisch gelernt und besaß ein deutsch-englisches Wörterbuch, das er sehr schätzte. Deshalb nahm er sich etwa die Freiheit, "ill" statt "krank" zu schreiben, zumal damit ein Reim auf einen bedeutsamen Namen gefunden war: "Herr Prim.Dr. Navratil / ich bin heute wirklich ill" (. . . ).

Auch Herbecks Handschrift ist stimmungsabhängig: Manche Texte erscheinen in der akkuraten Sütterlinschrift, die der 1920 Geborene in der Schule gelernt hat. Auf anderen Blättern holt der Schreiber wild aus, mischt Versalien mit Kleinschreibung, es wimmelt von Unterstreichungen und Umrandungen, und zuweilen sprengen kleine Zeichnungen den Rahmen der Schriftlichkeit.

Herbeck hat mehr als 500 Zeichnungen angefertigt, und in späteren Jahren fotografierte er auch. Die unspektakulären Fotos von seiner Gugginger Umgebung klebte er sorgsam in Alben ein. Auch diese Zeichnungen und Alben werden jetzt ausgestellt.

Texte, Bilder, Fotografien: Was wie eine geniale künstlerische Freiheit wirken mag, ist doch der Ausdruck einer schweren seelischen Störung. Ernst Herbeck kam mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte auf die Welt und konnte von Kindheit an nur mühsam sprechen. Obwohl er ein begabter und fleißiger Schüler war, wurde er in seinem Heimatort Stockerau wegen seiner "Hasenscharte" gehänselt und nicht für voll genommen. Das führte dazu, dass er sich schon in jungen Jahren in seine Halluzinationen zurückzog. Unter anderem litt er unter der Wahnvorstellung, ein ihm unbekanntes Mädchen befehle ihm, sich selbst zu ohrfeigen.

Nach mehreren psychiatrischen Behandlungen wurde Herbeck 1946 endgültig nach Gugging gebracht, wo er, von einer kurzen Unterbechung abgesehen, bis zu seinem Tod im Jahr 1991 ein schweigsames Leben führte.

Der ärztliche Anteil

Der Gugginger Arzt Leo Navratil, ein Jahr jünger als Herbeck, beschäftigte sich seit den 1960er Jahren mit den Themen "Schizophrenie und Kunst" bzw. "Schizophrenie und Sprache" - unter diesen Titeln sind auch seine zwei wichtigsten wissenschaftlichen Arbeiten erschienen. Darin zeigte Navratil, dass die Bilder und Texte der Schizophrenen zwar "zustandsgebunden" sind, also ihren Ausgang in der Krankheit haben, dass dabei aber dennoch Kunstwerke entstehen können, die über den Zustand des Kranken hinausweisen. In diesem künstlerischen Gelingen erkannte Navratil einen therapeutischen Effekt: Schizophrenie ist durch Malen oder Schreiben zwar nicht heilbar, aber die Kranken lernen, besser mit ihrer Krankheit umzugehen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-01-29 15:41:05
Letzte ─nderung am 2016-01-29 16:25:35



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