• vom 30.01.2016, 14:30 Uhr

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Update: 30.01.2016, 16:35 Uhr

Literatur

Hochprozentiges Familiendrama








Von Irene Prugger

  • Der Schweizer Autor Linus Reichlin beschreibt die katastrophalen Auswirkungen der Alkoholsucht.

Luis ist in eine wohlhabende Familie hineingeboren, aber durchlebt eine Kindheit und Jugend, wie niemand sie durchleben will: Seine Eltern streiten sich oft und es fliegen nicht nur die Fetzen, sondern mitunter auch die Whiskygläser. Der ständig betrunkene Vater macht ihm Angst, die ebenfalls suchtgefährdete Mutter schafft es nicht, dem kleinen Kind ausreichend Hilfestellung und Halt zu geben. So kann Luis nicht jenes Urvertrauen entwickeln, das nötig ist, um sichere Bindungen aufzubauen.



Die Mutter trinkt am liebsten auf einer sonnigen Anhöhe, wo sie auf einer Bank ausreichend Wärme und Weißwein genießt. Eines Tages schafft sie am Nachhauseweg mit ihrem Mini Cooper die Kurve nicht, schießt über die Böschung, wird ein Pflegefall und ist fortan mehr tot als lebendig. Der Vater entzieht sich mit noch mehr Alkohol der Verantwortung, vernachlässigt seinen Beruf und schafft es an vielen Tagen höchstens noch bis zum Fernseher. "Ich traute ihm nichts mehr zu. Nicht einmal mehr den Willen zum Trinken. Ich war sicher, er trank, weil das Trinken einfach geschah. Der Whiskey trank ihn, der Fernseher schaute ihn an. (. . .) Der Morgenmantel trug ihn, die Lederpantoffeln benötigten Füße, also steckte mein Vater sie hinein."

Diese Sätze schreibt der erwachsene Luis, der sich an die traumatischen Ereignisse seiner Kindheit erinnert und inzwischen die Erfahrung gemacht hat, dass die Essenz der Erinnerung sich nicht verdünnt, sondern hochprozentig im ganzen späteren Leben mitmischt. Wie damit umgehen? Wie das innere Kind besänftigen oder trösten, wenn die alten Ängste in neuen Situationen hochkommen? Wie nicht selber in eine Suchtkarriere schlittern? Wie Vertrauen in die Liebe fassen? Luis weiß es nicht, er kann die Fragen höchstens verdrängen, bis ihn eines Tages ein von ihm gemaltes Bild in einer Auslage mit der Vergangenheit konfrontiert.

Linus Reichlin, der in seinen bisherigen Büchern auf Spannung und Abenteuer setzte, dabei aber nie Psychologie und Poesie zu kurz kommen ließ, wendet sich in seinem neuen Roman einem Familiendrama zu, das trotz der häufigen elterlichen Auseinandersetzungen und der späteren Konflikte des Protagonisten leiser, aber nicht minder aufwühlend ist.

Wie er ohne Wehleidigkeit die Verzweiflung des Kindes und Jugendlichen nachvollzieht und den Kampf des erwachsenen Mannes gegen die inneren Dämonen beschreibt, ist erstklassig. Zwar weist der Handlungsstrang, der u.a. von einem gefälschten Bild handelt, auch Krimielemente auf, wobei das eine oder andere Detail zu hinterfragen wäre. Zum Beispiel, ob das handwerkliche Können eines minderjährigen Bilderfälschers dabei nicht zu hoch gehandelt wird.

Aber die eigentliche Spannung liegt bei dieser Lektüre ohnedies nicht in der Konstruktion des Plots, sondern in der scharfen Beobachtungsgabe und den gelungenen Beschreibungen über die Auswirkungen der Sucht, die mitunter so intensiv sind, dass man beim Lesen den Atem anhält.

Linus Reichlin

In einem anderen Leben

Roman. Galiani Verlag, Berlin 2015, 380 Seiten, 20,60 Euro.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-01-29 15:53:11
Letzte Änderung am 2016-01-30 16:35:15



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