• vom 06.02.2016, 14:00 Uhr

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Update: 08.02.2016, 14:39 Uhr

Kunst

Stern des Dada-Cabarets




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Von Oliver Bentz

  • Emmy Hennings wird meist nur als Ehefrau des Dada-Mitbegründers Hugo Ball erwähnt, dabei hat die skandalumwitterte Autorin auch ein eigenes und eigenwilliges literarisches Werk geschaffen.

Schauspielerin einer Wandertruppe, Diseuse im Tingeltangel, Hausiererin, Muse junger Künstler, Drogensüchtige, Animiermädchen, Gelegenheitsprostituierte, religiöse Schwärmerin, Kriegsgegnerin, Mitbegründerin des Dadaismus in Zürich, feinnervige Dichterin: Das alles war Emmy Hennings. Heute allerdings kennt man die 1885 in Flensburg geborene Autorin - wenn überhaupt - nur noch als Emmy Ball-Hennings: Als Frau des Dichters und Dadaisten Hugo Ball. Dabei hat Emmy Hennings ein hochinteressantes eigenes literarisches Werk vorzuweisen. Zum hundertsten Jahrestag der Erfindung des Dadaismus erinnert man jetzt gleich mit mehreren Büchern auch an die Mitbegründerin von Dada und macht die Texte dieser außergewöhnlichen Frau und Künstlerin wieder zugänglich, die der Dichterkollege Klabund als "die reinste Inkarnation des weiblichen Vaganten" bezeichnete.

Diese Radierung von Rudolf Reinhold Junghanns zeigt die viel bewunderte Emmy Hennings im Jahr 1913.

Diese Radierung von Rudolf Reinhold Junghanns zeigt die viel bewunderte Emmy Hennings im Jahr 1913.© Archiv Bentz Diese Radierung von Rudolf Reinhold Junghanns zeigt die viel bewunderte Emmy Hennings im Jahr 1913.© Archiv Bentz

Maler und Modell

Es war der um ein Jahr ältere, in Zwickau geborene Maler und Radierer Rudolf Reinhold Junghanns, der aus Emmy Hennings eine Schriftstellerin machte. In München, wo sie ab 1911 im Kabarett "Simplicissimus" auftrat, lernte sie den jungen Künstler im Kreis der Schwabinger Bohème kennen. Sie stand Junghanns Modell - und schnell entwickelte sich eine leidenschaftliche Beziehung zu ihm, welcher der aus einfachem Elternhaus stammenden Emmy die Kunst nahebrachte. Vor dieser Begegnung glaubte sie, Kunst "sei etwas Überflüssiges, etwas was man entbehren kann", wie sie in ihren 1940 erschienenen Lebenserinnerungen "Das flüchtige Spiel" schildert.

Den Briefen an ihren Malerfreund legte Emmy Hennings "als kleine Dreingabe, in Ermangelung eines duftenden Rosenblattes", oft ein kleines selbstverfasstes Gedicht bei. Junghanns sammelte diese Gedichte und zeigte sie eines Tages dem Dichter Franz Werfel, damals als Lektor des Kurt Wolff Verlages tätig. Werfel war von der Ursprünglichkeit dieser Verse begeistert. Er schrieb Emmy Hennings, er sei "gerührt", sie "auf der Welt zu wissen", und gab 1913 als ihr erstes Werk in der heute berühmten Reihe "Der Jüngste Tag" des Kurt Wolff Verlages den Lyrikband "Die letzte Freude" heraus.

Die Gedichte des Bandes stehen, wie René Gass, einer ihrer Biographen, schrieb, "ganz im Banne frühexpressionistischer Lyrik, lassen aber darüber hinaus persönliche Töne anklingen, die einen Widerhall geben von den außerhalb jeder bürgerlichen Gleichgültigkeit und Saturiertheit gesammelten Lebenserfahrungen."

Lebenserfahrungen hatte die Tochter eines Werftarbeiters und einer Näherin in der Tat. Aus einer 1904 geschlossenen und nach wenigen Jahren als langweilig empfundenen Ehe brach sie aus und tingelte mit einer Wanderbühne, ehe sie in den Kreisen der literarischen Bohème Berlins und Münchens in den folgenden Jahren ein exzessives, von dauernder Geldnot, Drogenexzessen und sexuellen Ausschweifungen geprägtes Leben führte. Sie wurde Geliebte und Muse von Dichtern wie Georg Heym, Johannes R. Becher, Erich Mühsam oder Jakob van Hoddis, die Emmys "erotisches Genie", wie Mühsam es ausdrückte, auch in literarischen Werken zu würdigen wussten.

Auf ihren Debütband folgte ein Dutzend weiterer bemerkenswerter, aber heute weitgehend vergessener Lyrik- und Prosa-Bände. Etwa das teilweise kafkaeske Züge tragende Prosawerk "Das Gefängnis" (1919), das von der Schutzlosigkeit und dem Ausgeliefertsein in der Haft handelt, das Emmy Hennings auch selber, nachdem sie - wahrscheinlich wegen "Beischlafdiebstahls" und/oder Passfälschung - verurteilt worden war, am eigenen Leib erlebt hatte.

"Das Gefängnis" findet sich zusammen mit den beiden weiteren, Haft-Erfahrungen thematisierenden Texten "Das graue Haus" und "Das Haus im Schatten" im soeben erschienenen ersten Band einer Emmy Hennings-Werkausgabe wieder. In eindringlicher, expressiver Sprache seziert Hennings das Erlebnis der Inhaftierung bis in die sprachlichen Details hinein. Dem Leser wird mit existenzieller Dringlichkeit vorgeführt, was es bedeutet, ein Häftling zu sein.

Armut und Abenteuer

Für die weiteren Bände der Werkausgabe sind wohl noch einige Schätze zu heben, etwa das Buch "Das Brandmal. Ein Tagebuch", das erstmals 1920 in Berlin erschien und in dem Emmy Hennings über ihre frühen, harten und armen, aber auch an Abenteuern jeder Art reichen Vorkriegsjahre Auskunft gibt.

Dokumente von Emmy Hennings’ ausschweifendem Leben sind auch die graphischen Arbeiten, die ihr "literarischer Entdecker" Rudolf Reinhold Junghanns in zahlreichen künstlerischen Sitzungen von ihr anfertigte. Er veröffentlichte eine Folge dieser Bilder 1913 in einem Graphikzyklus mit neun pikanten Radierungen und zwei Lichtdrucken, der unter dem Titel "Variationen über ein weibliches Thema" im Kurt Wolff Verlag erschien. In den Blättern der Mappe zeigt er keine aufreizenden Aktdarstellungen, sondern kraftvolle Bilder einer von Schmerz und Leid verzerrten, von Morphium und Absinth gezeichneten, ausgezehrten nackten Frauengestalt mit tief eingefallenen Augen. "Lust, sofern man davon sprechen konnte", schreibt Hennings Nachlassverwalter Bernhard Echte, "war hier mehr Zerrissenheit und Sehnsucht."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-05 14:38:06
Letzte ńnderung am 2016-02-08 14:39:27



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