• vom 11.02.2016, 16:43 Uhr

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Update: 12.02.2016, 10:38 Uhr

Zeruya Shalev

Verwundbare Liebe, verletztes Leben




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Von Luitgard Koch

  • Die israelische Autorin Zeruya Shalev über ihr Buch "Schmerz", den Einfluss der Bibel und die Spiritualität von Jerusalem.

Zeruya Shalev wollte eigentlich nie über das Attentat schreiben, bei dem sie verletzt wurde. - © Heike Steinweg

Zeruya Shalev wollte eigentlich nie über das Attentat schreiben, bei dem sie verletzt wurde. © Heike Steinweg

Lange braune Haare, braungrüne Augen, eine grazile Gestalt, filigraner Schmuck, dezent geschminkte Lippen: Zeruya Shalev, die Grand Dame der israelischen Literatur wirkt elegant, aber nicht unnahbar. In ihrem jüngsten Buch "Schmerz", das als ihr persönlichster Roman gilt, lotet sie auf ihre charakteristische Weise die Untiefen der Liebe aus, schreibt über fatale Anziehung und den inneren Kampf von Vernunft gegen Leidenschaft. Die "Wiener Zeitung" traf die aufmerksame Schriftstellerin und Analystin auf ihrer Lesereise.

"Wiener Zeitung": In Ihrem neuen Roman beschreiben Sie die unterschiedlichen Facetten von Schmerz.

Zeruya Shalev: Ich denke, Schmerz gehört zur Liebe. Wenn man jemanden liebt, ist man verletzlicher. Derjenige, der dir am Herzen liegt, ist auch am ehesten in der Lage, dich zu verletzen.

Wie die Liebe hat auch der Schmerz verschiedene "Gesichter" in Ihrem Buch. Er kann schützen, aber auch zerstören.

Ja, der Schmerz weist dir den Weg. Manchmal lässt der Schmerz dich wachsen. Er verändert dich. Und ich liebe es, über Veränderung zu schreiben, meine Protagonisten reifen zu lassen. Der Roman nimmt zum Beispiel Bezug auf die biblische Geschichte von Joseph, der am Ende seinen Brüdern die Schmerzen verzeiht, die sie ihm zugefügt haben. Tatsache ist, dass der Schmerz Teil eines Schutzsystems des Körpers ist. Das ist sehr metaphorisch.

Im Zentrum steht Iris, Überlebende eines Attentats. Auch Sie wurden als Opfer eines Selbstmordanschlags schwer verletzt.

Es hat lange gedauert, bis ich darüber schreiben konnte. Eigentlich hatte ich mir fest versprochen, es nie zu tun. Ich wollte dieses Trauma unbedingt aus meinen Werken fernhalten. Doch dann kam es ganz spontan und intuitiv. Ich konnte nicht widerstehen. Da inzwischen jedoch über zehn Jahre vergangen sind, wurde es nun ihre Geschichte, nicht mehr meine. Iris geht auch mit dieser Erfahrung anders um als ich. Der Schmerz, den Iris empfindet, ist eine Wiederholung, er kommt in traumatischen Wellen, die zum Teil persönlicher Natur und zum Teil eng mit dem Leben in Israel verbunden sind.

Ein unverkennbares Merkmal Ihrer Romane sind Ihre rauschhaft, hypnotisch dahinströmenden Sätze. Woher kommt diese Art zu schreiben?

Jeder Satz soll so poetisch wie ein Gedicht sein. Ich schätze, dieser Stil spiegelt wider, dass ich zu Beginn meiner Karriere Lyrik verfasste. Mir geht es um die Liebe zu jedem einzelnen Wort. Ich höre den Takt der Sätze, lese sie mir laut vor - dabei entsteht gelegentlich eine traumartige Atmosphäre. Es ist, als wäre ich aus meinem eigenen Leben in eine alternative Existenz eingetreten. Schreiben ist wie Kochen, man benutzt viele verschiedene Zutaten, Erinnerungen, Geschichten, die ich gehört habe, die ich erfinde, Fantasie, Vorstellungskraft, das alles mische ich und so entsteht die Geschichte.

Beklagen sich Ihre Bekannten manchmal, dass Sie ihre privaten Geschichten verwerten?

Sie warnen mich vorher. Meine Freunde sagen mir immer: Ich muss dir etwas Wichtiges erzählen, aber versprich mir vorher, dass du nicht darüber schreibst.

Und das versprechen Sie?

In der Tat, und ich halte meine Versprechen. Wenn ich etwas aus meinem Umfeld verwende, dann nur auf indirekte Weise, so dass es niemand merkt außer mir. Trotzdem sind die Leute vorsichtig, was sie mir verraten.

Hat man in einem Staat wie Israel ein anderes Verhältnis zum Tod?

Die kleinen Tragödien des Alltags interessieren mich viel mehr. Wobei ich nicht bestreiten will, dass das Leben in Israel von Nervosität geprägt ist, diese Stimmung ist überall, du spürst sie schon in der Art und Weise, wie die Leute Auto fahren. Aber wenn du dem Tod so nahe bist, dann möchtest du das Leben richtig auskosten, du willst es in dich einsaugen. Die politische Situation mag bedrohlich sein, aber ich halte nicht nach Gefahren Ausschau.

Ihre Tochter aus erster Ehe ist nun 27. Erkennen Sie sich in ihr wieder?

Ich würde sagen, dass sie viel selbstbewusster, freier und unabhängiger ist als ich in dem Alter. Das ist zum einen eine Frage der Generation. Zu meiner Zeit besaßen Frauen in Israel noch nicht die Rechte wie heute - selbst wenn bei weitem noch nicht alles zum Besten steht und die Frauen der Ultraorthodoxen unterdrückt werden. Sexueller Missbrauch galt damals fast als Kavaliersdelikt. Ich wurde ganz anders erzogen, und deshalb war mein Weg schwieriger. Meine Tochter wurde so erzogen, dass sie dieses Selbstbewusstsein entwickeln konnte. Sie braucht niemand, der sich um sie kümmert. Ich selbst war stärker von Männern abhängig, heiratete auch früh. Für sie kommt so etwas nicht in Frage. Sie konzentriert sich mehr auf ihre akademische Karriere als Religionswissenschafterin.

Sie haben gesagt, ein Buch zu lesen ist wie einen Freund zu treffen oder einen Fremden. Literatur kann eine Begegnung sein, die dein Leben verändert. Was sind Ihre Lieblingsbücher?

Die Genesis, das 1. Buch Mose, erstes Buch des jüdischen Tanach und der christlichen Bibel. Denn wir funktionieren zwar in unserer modernen Welt, aber unsere Emotionen haben sich in den vergangenen 4000 Jahren nicht verändert - man findet solche Geschichten schon in der Bibel. Ich bin von der Bibel und ihrer literarischen Kraft so beeinflusst, dass sie zum Teil meiner literarischen Welt geworden ist.

Könnten Sie sich vorstellen, anderswo als in Israel zu leben?

Nein. Ich liebe die hebräische Sprache, und es gibt eine Verbindung zwischen mir und diesem Land, auch wenn ich viel zu kritisieren habe. Jerusalem, wo ich wohne, ist für mich ein besonderer Ort. Ich spüre diese Mischung aus Leid und Religiosität. Die spirituelle Atmosphäre inspiriert mich.

Information

Zeruya Shalev: "Schmerz"
(Berlin Verlag)
Am Freitag, 12.2., 19 Uhr, liest Shalev in der Wiener Hauptbücherei.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-11 16:47:05
Letzte ─nderung am 2016-02-12 10:38:22



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