• vom 14.02.2016, 20:00 Uhr

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Der heilige Alfred, der Große




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Von Jochen Jung

  • Alfred Kolleritsch prägt die heimische Gegenwartsliteratur als engagierter Lyriker und Prosaist - und als Instanz des Literaturbetriebs. Am 16. Februar wird er 85.

Sie werden schon sehen: Beides ist nicht übertrieben. Ich bin Protestant und Demokrat und weiß, was ich sage, wenn ich einen heiligen König ins Spiel bringe: Alfred Kolleritsch ist eine der wenigen wirklich großen Gestalten der österreichischen Nachkriegsliteratur, die ja inzwischen nicht nur historische Dimensionen hat, sondern auch im Verhältnis zu früherem unkontrolliertem Lobgesang auf alles, was aus Graz kam oder im Residenz Verlag erschienen war, einigen der Autoren, die damals in aller Munde waren, Bestand zugesichert hat und andere nicht einmal mehr vermisst. Und einige wenige haben immer noch nicht den Ruf, den sie haben sollten.

Fredy war immer schon zehn Jahre älter als ich (und sobald er Geburtstag hat, sind es elf). Als ich ihn zum ersten Mal traf, war das anlässlich eines Autorentreffens in Graz, da war Angelika Reitzer noch im Kindergarten und Thomas Stangl Volksschüler, von Clemens Setz ganz zu schweigen. Das Treffen galt der Feier der 50. Nummer der "manuskripte", jener damals schon sagenumwobenen Literaturzeitschrift, die Kolleritsch redigierte und leitete, und ich war seit ein paar Monaten Lektor des jedenfalls in Deutschland jedenfalls bei Literaturfreunden jedenfalls den Jüngeren neugierig beobachteten Residenz Verlags, mit dessen Hilfe damals das ganze Österreich einen endlich zeitgenössischen Auftritt zu haben schien.

Dabei gab es schon damals neben Bernhard und Handke, Artmann und Achleitner, Frischmuth, Rosei, Okopenko und Amanshauser auch andere, ich nenne nur Wolfgang Bauer, Gunter Falk, Alois Hergouth und Gerhard Roth.

Man feierte also die gerühmte Zeitschrift, und mir, dem damals erst vor wenigen Monaten in den Residenz Verlag geratenen Lektor aus Deutschland, fiel zur Feier des Tages nichts Besseres ein, als dem Herausgeber zu empfehlen, die "manuskripte" sofort zu schließen: Besser könnten sie nicht mehr werden, schlechter allerdings wie alles richtig Gute ziemlich gewiss.

Man fuhr mit einem Bus zum Weingut Kolleritsch, ich saß still für mich auf einer Bank und schielte nach den Autoren in der Hoffnung, den einen oder anderen zu erkennen. Da setzte Fredy sich zu mir, "ich bin der Alfred Kolleritsch, wir können Du sagen", redete heiter über meinen nicht erfüllbaren Vorschlag und machte mich in Kürze mit etlichen auch von mir still Verehrten bekannt: Es wurde eine lustige und, wie damals noch üblich, auch durch ordentliche Schnäpse befeuerte Weinseligkeit. Von da an wurde mindestens zwanzig Jahre lang im Residenz Verlag Kolleritschwein getrunken (pardon, dass sich das Wort so seltsam liest!).

Talenteförderer

Er machte mich gleich auf ein paar seiner Schützlinge aufmerksam, die noch keinen Verlag hatten, während ich auf weitere Empfehlungen verzichtete. Die hatte Kolleritsch auch wirklich nicht nötig: Schließlich hatte er schon jahrelang gezeigt, dass er sehr wohl wusste, welche Texte eine aufgeschlossene Leserschaft verdient hatten und welche nicht. Und dafür hatte er - und das ist es, was ihn in meinen Augen zum Heiligen macht - sein eigenes Schreiben lange Zeit im Hintergrund gehalten und einen Großteil seiner Energie dem literarischen Vorankommen anderer gewidmet. Natürlich war das auch eine gar nicht so kleine Machtposition im Literaturbetrieb, die dem eigenen Ego aufhalf, aber auf einen, den man kurzfristig glücklich macht, kommen hundert Abgelehnte, die einem das ein Leben lang nachtragen. Dieses Dilemma hält man nur aus, wenn man einen klaren und entschiedenen Begriff hat von der Literatur und der eigenen Aufgabe. Und da die Literatur nie am Ende ist - so wie nie am Anfang -, braucht sie richtungweisende Unterstützung, um nicht zu sagen: Rat und Tat.

Wie man sich dieser selbstlosen Aufgabe unterziehen konnte, wo es einen doch eigentlich immer zum eigenen Schreibtisch zog, ist mir ein ebensolches Rätsel wie der Großmut, den es braucht, um die Reaktionen der Möchtegerns und Esauchverdienthabenden zu verkraften. Denn es geht bei der Redaktionsarbeit ja nicht nur um Texte und Karrieren, es geht um unser Selbstverständnis als auf Kunst Angewiesene, es geht, wenn man schon die Literatur ernst nimmt, um den Begriff vom Menschsein und nicht weniger. Dazu hat Alfred Kolleritsch nicht nur das Seine, sondern das Unseraller beigetragen.

Kunst & Pflicht

Ich sehe da einen Menschen vor mir, der ins Büro wandert und noch im Gehen die auf ihn zukommenden Pflichten zu sortieren versucht, der dann im Büro die Post durchsieht, in der ja nicht immer ein paar Seiten von Peter Handke liegen, und der sich zwischendurch überlegt, wie sich ein weiterer Bogen im nächsten Heft finanzieren ließe, wie man überhaupt der Politik etwas von den durch die Beschäftigung mit Kunst gewonnenen Erkenntnissen beibringen könnte. Und dazwischen melden sich die unfertigen Zeilen des Gedichts, an dem es gerade in ihm arbeitet - und auf einmal hat er die Formulierung gefunden, die gut klingt und es sich trotzdem nicht zu einfach macht, und er sitzt da so glücklich, als hätte er einen guten neuen Autor entdeckt, und sei es, dass er der selber ist.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-11 18:05:10
Letzte nderung am 2016-02-12 10:33:13



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