• vom 15.02.2016, 16:20 Uhr

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Update: 15.02.2016, 16:33 Uhr

Sachbuch

Rosig sieht anders aus




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Von Judith Belfkih

  • "Der neue Klassenkampf": Philosoph Slavoj Žižek und die "wahren Gründe für Flucht und Terror".

Ein optimistischer Blick in die Zukunft sieht anders aus. Doch das macht Slavoj Žižeks Analyse so treffend. Zumal es ein Blick in den Spiegel ist. Ein recht grausamer, selbstkritischer. Alles andere als rosig. Denn was Europa in diesem Spiegelbild erblickt, ist eine gierige Fratze, die sich hinter der Maske des Fremdenhasses der sich bedroht fühlenden Rechten und der überbordenden Solidarität der liberalen Linken versteckt.

Den globalen Kapitalismus ortet Žižek als den wahren Auslöser für Flucht und Terror.

Den globalen Kapitalismus ortet Žižek als den wahren Auslöser für Flucht und Terror.© ap/Petros Giannakouris Den globalen Kapitalismus ortet Žižek als den wahren Auslöser für Flucht und Terror.© ap/Petros Giannakouris

In seinem jüngsten Essay "Der neue Klassenkampf. Die wahren Gründe für Flucht und Terror" geht Žižek der aktuellen Flüchtlingskrise auf den Grund. Seine Spurensuche führt ihn nicht in den Nahen oder Mittleren Osten. Er sucht vor der eigenen Haustüre. Und sieht den aktuellen Flüchtlingsstrom und die daraus resultierenden gesellschaftlichen Herausforderungen als zutiefst europäisches, also hausgemacht westliches Problem. Für ihn sind Flüchtlinge der Preis der globalen Wirtschaft. Ein Preis, den sich dieser Kapitalismus nicht unendlich lange wird leisten können. Der titelgebende "neue Klassenkampf" ist daher auch ein globaler. Mehr noch: Žižek sieht uns auf eine "neue Ära der Apartheid zusteuern, in der abgeschottete Teile der Welt einen Überschuss an Nahrung und Energie besitzen, während sich in den restlichen, separierten Teilen Chaos, Hunger und anhaltende Kriege ausbreiten". Ethnische Konflikte sind vor diesem Hintergrund lediglich eine Fassade des Wirkens des globalen Kapitalismus und der postkolonialistischen Abhängigkeit.

Zunächst räumt Žižek im eigenen Lager auf: Die Kritik am Islam muss auch links der Mitte möglich sein, fordert er etwa, um dem wachsenden Lager rechts davon nicht das Feld zu überlassen. Auch mit Integration als oberstem Ziel räumt er auf. Dabei geht es ihm weniger um die Frage, wie wir Zuwanderer besser integrieren können, als darum, ob sie das denn eigentlich wollen? Ihre Lebensweise ändern? Oder ob sie einfach nur (zu Recht) auch ein Stück vom Kuchen haben wollen?

Demaskierte Dankbarkeit

Auch die erwartete Dankbarkeit der Flüchtlinge für die Hilfe Europas und die Aufnahme in einem der Mitgliedstaaten demaskiert er als Wunschdenken. Schließlich sei in den Augen vieler Flüchtlinge Europa verantwortlich für ihre Misere. Für sie ist der liberale Westen das Symbol für Ausbeutung und Gewaltherrschaft, der "diese brutale Realität wie zum Hohn als ihr genaues Gegenteil verkleidet, nämlich als Freiheit und Demokratie". Das wahre Problem ortet Žižek "nicht in den Fremden, sondern es ist unsere eigene (europäische) Identität". Die erst durch die (post)kolonialistische Ausbeutung eines Großteils der Welt zu eben dieser geworden ist.

Auch wenn die Analyse des slowenischen Denkers nicht die rosigste ist, so stellt sie doch einen profunden Blick von der Metaebene aus dar. Ein Blick, der versucht, die vielen Schauplätze zu einer großen Entwicklung zusammen zu führen. Ein beunruhigend beruhigender Überblick. Denn so stringent seine Argumentation ist, so fern ist sie von jeglicher Realpolitik. Denn dort wird einer seiner Schlüsse wohl nie ankommen: Die Flüchtlinge sind ein Symptom, Europa aber ist das Problem.

Auch Žižeks Lösung für diese Misere ist so einfach wie unmöglich: Respektiert die anderen nicht nur, fordert er, sondern bietet ihnen einen gemeinsamen Kampf an, zur Lösung der gemeinsamen Probleme. Auch wenn man sich seiner Forderung nicht anschließen kann, den Klassenkampf auf die Tagesordnung zu setzen, ist seine Analyse schlüssig. Worauf er letztlich abzielt, ist eine globale Solidarität mit den Ausgebeuteten und Unterdrückten. Folglich einen radikalen ökonomischen Wandel, der die Verhältnisse abschaffen sollte, die zu Flüchtlinsströmen führen. Gemeinsamen, gesamteuropäisch, koordiniert. So weit die Theorie.

"Vielleicht", schließt Žižek, "ist so eine Solidarität Utopie. Doch wenn wir nichts tun, dann sind wir wirklich verloren- und verdienen es, verloren zu sein."

Information

Sachbuch
Der neue Klassenkampf
Slavoj Žižek
Ullstein 2015, 96 Seiten, 8,30





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-15 16:23:05
Letzte Änderung am 2016-02-15 16:33:19



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