• vom 17.02.2016, 14:37 Uhr

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Update: 17.02.2016, 15:54 Uhr

Autorenporträt

Imperialist mit Skrupeln




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Von Edwin Baumgartner

  • Zahlreiche Neuerscheinungen bringen Rudyard Kipling zurück ins Bewusstsein des deutschsprachigen Lesers.

Rudyard Kipling gilt als Barde des British Empire.

Rudyard Kipling gilt als Barde des British Empire.© wikipedia Rudyard Kipling gilt als Barde des British Empire.© wikipedia

Er hat der Welt das Wort "Dschungel" geschenkt. Das Hindi-Wort "Jamgal" für "Dickicht" anglisierte er zu "Jungle", und als seine Bücher in Riesenauflagen erschienen und übersetzt wurden, galt es, Äquivalente für die Neuprägung zu finden: Die Franzosen beließen es bei "jungle" und sprachen das Wort lediglich anders aus, im Deutschen wurde daraus "Dschungel", im Italienischen "giungla", im Russischen "dzhungli". Es war notwendig, denn es gab und gibt kaum eine Sprache, in die sein Hauptwerk nicht übersetzt wurde.

Dennoch: Fragt man jemanden, von wem das "Dschungelbuch" stammt, wird die Antwort in den meisten Fällen "Disney" sein und nicht Rudyard Kipling. Vielleicht ist gerade das ein Zeichen für Popularität: dass der Name des Autors hinter dem Werk verschwindet. Nicht jeder, der "Stille Nacht, heilige Nacht" singt, könnte Franz Xaver Gruber als Komponisten benennen, nicht jeder, der meint, Namen seien Schall und Rauch, weiß, dass er Goethe zitiert.

Information

Stefan Welz: Rudyard Kipling – Im Dschungel des Lebens
(Lambert Schneider, 272 Seiten, 29,95 Euro)


Ein Imperialist?
Im angloamerikanischen Sprachraum haben Kipling-Zitate Eingang in die Alltags-Redewendungen gefunden: "Worte sind die stärkste Droge der Menschheit", "wer alleine reist, reist am schnellsten", "der Himmel schenke uns Geduld mit einem Verliebten", "Gott konnte nicht überall sein, deshalb erschuf er Mütter". Die meisten Redewendungen der englischen Sprache soll, nach der Bibel, Kipling geprägt haben. Ich habe es nicht nachgezählt, aber die Behauptung wird in diversen Quellen beharrlich wiederholt.

Henri Rousseau schuf seine Urwald-Bilder wahrscheinlich unter dem Einfluss der Dschungelbücher Rudyard Kiplings.

Henri Rousseau schuf seine Urwald-Bilder wahrscheinlich unter dem Einfluss der Dschungelbücher Rudyard Kiplings.© wikimedia Henri Rousseau schuf seine Urwald-Bilder wahrscheinlich unter dem Einfluss der Dschungelbücher Rudyard Kiplings.© wikimedia

In Großbritannien sind die Jahre 2015 und 2016 längst zum Kipling-Doppeljahr ausgerufen: Am 30. Dezember 2015 jährte sich der Geburtstag zum 150. Mal, am 18. Jänner 2016 der Todestag zum 80. Mal. Grund genug, den ersten britischen Literaturnobelpreisträger (1907) zu ehren.

Im deutschsprachigen Raum reagiert der deutsche Anglist Stefan Welz mit einer Biographie; hinzu kommen Neuübersetzungen der beiden Dschungelbücher (bei Steidl), der "Genau so"-Geschichten (unter dem Titel "Wie der Leopard zu seinen Flecken kam" bei C. H. Beck), des Romans "Kim" (bei Hanser), Erstübersetzungen der späten Erzählungen (bei S. Fischer) und der Reiseberichte (unter dem Titel "Von Ozean zu Ozean" bei Mare), in einigen Verlagen erscheinen auch Neuauflagen vergriffener Übersetzungen.

Dennoch bekommt man diesen Rudyard Kipling schwer in den Griff. Denn der Name Kipling steht als Synonym für den britischen Imperialismus, dessen Hohelied er gesungen hat oder nicht gesungen hat. Je nachdem, wie man’s werten will, je nachdem, wie man die Erzählungen liest.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg im deutschen Sprachraum die Aufarbeitungsmaximen der eigenen allerjüngsten Vergangenheit allen Nationen ohne Rücksicht auf ihre Befindlichkeiten und Geschichte übergestülpt werden, trifft es auch Kipling. Mit einem Mal ist er nicht nur, verdächtig genug, der Barde des British Empire, sondern obendrein ein lupenreiner Rassist. Kipling - ein zweiter Cecil Rhodes? Wenn es so einfach nur wäre...

Bürde oder Verpflichtung?
Festgemacht wird das an einem Gedicht, in dem Kipling den Kolonialismus als "the burden of the white man" beschreibt. Wie degoutant, Inder oder Schwarzafrikaner "Bürde des weißen Mannes" zu nennen! Bloß ist diese Übersetzung im Zusammenhang Unfug. Wer das gesamte Gedicht liest, begreift schnell, worum es Kipling geht. Dann wird man, sollte man im Englischunterricht aufgepasst und erfahren haben, dass "white" auch "moralisch sauber" bedeutet, subtiler übersetzen, vielleicht mit "Verpflichtung der anständigen Menschen". Die besteht, so Kipling, darin, in den Kolonien menschenwürdige Zustände herzustellen. Im Prinzip formuliert er ein Entwicklungshilfeprogramm. Dass er dabei die Überlegenheit der westlichen Zivilisation, oder sagen wir es ehrlicher: die Überlegenheit Englands nicht anzweifelt, ist zeitimmanent und hängt nicht zuletzt mit Kiplings Biografie zusammen.

Kipling wird am 30. Dezember 1865 in Bombay als Sohn eines englischen Kolonialbeamten geboren. Über seine Mutter ist er mit dem Maler Edward Burne-Jones und mit dem Politiker Stanley Baldwin verwandt. Kipling wird von einem portugiesischen Kindermädchen und einem Hindu erzogen. Er erlebt als traumatisierend, als er, der Tradition der Anglo-Inder gemäß, im Alter von fünf Jahren zu Pflegeeltern nach England geschickt wird. Erst 1882 kehrt er nach Indien zurück. 1889 lässt er sich in London nieder und erlebt einen beispiellosen Höhenflug als Schriftsteller. Als er am 18. Januar 1936 in London stirbt, ist sein Ruhm am Verblassen: Die Leser kommen mit den düster gestimmten Geschichten der späten Jahre nicht mit, in denen sich von der optimistischen Abenteuerliteratur, von der Exotik und Buntheit, auch vom Witz der früheren Arbeiten kaum noch etwas findet.

Kiplings Blick auf Indien ist genau und unbestechlich, er verklärt weder die Inder noch die britische Kolonialmacht. Er ist widerborstig, lässt auch Rassisten zu Wort kommen - doch das ist Rollenprosa. Nicht Kiplings Selbst spricht, sondern die Personen, die er so bloßstellt. Der Imperialist zeigt Skrupel. In England wird das bisweilen so gut verstanden, dass man sich angewidert fühlt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-17 14:41:40
Letzte ─nderung am 2016-02-17 15:54:58



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