• vom 21.02.2016, 10:30 Uhr

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Ein liberaler Europäer




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Von Oliver vom Hove

  • Der russische Schriftsteller Iwan Turgenjew - ein Meister der feinsinnigen, illusionslosen Erzählkunst - war für seine West-Orientierung in proslawischen Kreisen verpönt.

Iwan Turgenjew (1818-1883) sensibilisiert dafür, was russische soziale Verhältnisse bis heute bestimmt (Portrait von Ilja Repin, 1874). - © Wikimedia/public domain

Iwan Turgenjew (1818-1883) sensibilisiert dafür, was russische soziale Verhältnisse bis heute bestimmt (Portrait von Ilja Repin, 1874). © Wikimedia/public domain

Im Dreigestirn der großen russischen Epiker des 19. Jahrhunderts leuchtet Iwan Turgenjew neben dem Moralisten Tolstoi und dem slawophilen Nationalisten Dostojewski als der liberale, dem Fortschritt und der Moderne zugewandte Europäer. Das hat ihm nicht unbedingt zum Vorteil gereicht: Die russischen Imperialisten aller Generationen und Ideologien schimpften ihn stets einen Vaterlandsverräter.



Doch auch die internationalen Literaturfreunde weltweit lohnten ihm seine Treue zum Westen nicht nachhaltig genug. Mit Ausnahme der Autoren: Für sie galt seine feinsinnige, illusionslose Erzählkunst immer als großes Vorbild, mögen sie Flaubert, Maupassant, Joseph Conrad, Henry James oder Hemingway heißen.

Liberale Haltung

Seine entschieden liberale Haltung, die er in dem bis heute tobenden innerrussischen Kampf der Slawophilen gegen die Prowestler eingenommen hatte, legte Turgenjew 1867 in der Exilgeschichte "Rauch" seiner Romangestalt Potugin in den Mund: "Ich bin Europa oder, genauer gesagt, der Zivilisation ergeben. (. . .) Dieses Wort ist rein und heilig, während andere Wörter, zum Beispiel ‚Volk‘ oder (. . .) ,Ruhm‘, nach Blut riechen. . ."

Nach Blut riecht der Gebrauch von Geschichte als Kriegsgrund, der den mörderischen Kreislauf nationaler Unterdrückung und revanchistischer Rache in Gang hält, am Balkan, im Kaukasus, in der Ukraine oder anderswo. 1860 hatte Turgenjew im Roman "Vorabend" die außenpolitische Lage Russlands, das gerade den Krimkrieg entfesselt und verloren hatte, in die Handlung einbezogen.

Seine Schilderung klingt wie eine Berichterstattung der gegenwärtigen Lage im Ukraine-Konflikt: "Die Ereignisse im Osten entwickelten sich rasch. Die Besetzung der Fürstentümer durch russische Truppen erregte alle Gemüter. Ein Gewitter zog sich zusammen, schon zeigten sich die ersten Vorboten eines unvermeidlichen Krieges. Ringsum züngelten die Flammen empor, und niemand vermochte zu sagen, wohin das Feuer sich ausbreiten und wo es haltmachen würde. Einst erlittene Unbill, alte Hoffnungen - alles lebte wieder auf. Insarows Herz klopfte heftig, denn auch seine Hoffnungen waren im Begriff, sich zu erfüllen."

Just einen Bulgaren, keinen Russen, hatte der Autor in der tragischen Gestalt des gefühlsstarken, liebesfähigen Freiheitskämpfers Insarow geschaffen, der zwar den Kampfeinsatz gegen die türkische Besetzung seiner Heimat verliert, aber Liebe und Hingabe einer ihm an Mut mindestens ebenbürtigen Russin gewinnt.

Turgenjews Frauen, das zeigen auch seine zahlreichen Novellen, wissen um den Wert der Liebe als Ausnahmefall. So ist denn in seinem der russischen Wirklichkeit entnommenen Erzählrealismus die tatkräftige Frau jene Heldin, die sich aus eigener Kraft dem überkommenen patriarchalischen System zu entwinden weiß. Immerhin begannen die Frauen in Russland bereits 1860 an der Universität zu studieren - ein Jahr vor Abschaffung der Leibeigenschaft.

Mit den Novellenskizzen "Aufzeichnungen eines Jägers", die vehement die Leibeigenschaft bekämpften und damit erstmals den versklavten Bauern ein Stimmrecht in der russischen Literatur verschafften, hatte der 34-Jährige 1852 schlagartig seinen Ruf als gesellschaftskritischer Autor errungen. Das Buch wurde in Russland so wirkungsmächtig wie "Onkel Toms Hütte" in Amerika. Novellen blieben Turgejews Stärke, bis zuletzt.

Generationenablöse

In seinem Hauptwerk "Väter und Söhne" hat Turgenjew 1862 nicht ohne epische Skepsis den Zwiespalt einer Generationenablöse dargestellt, bei der die junge Kraft mit rücksichtsloser Verve dem positivistischen Fortschritt das Wort redet. Hauptgestalt ist der nihilistische Zyniker Basarow, der sich ganz dem Kehraus der überkommenen Werte kultivierter Lebensführung verschrieben hat.

Insbesondere Literatur und Kunst scheinen unter den neuen Verhältnissen von kraftmeiernder Dynamik überflüssig geworden. "Ein guter Chemiker", gibt Basarow provokant zum Besten, "ist zwanzigmal nützlicher als jeder Poet." Die bewegenden Stoffe, die eine Beschäftigung lohnen, sind jetzt naturwissenschaftliche Forschung, technische Nützlichkeit und materielle Propaganda. Weshalb der angehende Mediziner seine Nachmittage am liebsten mit dem Sezieren von Fröschen zubringt. Doch Basarow, der als schneidiger Materialist auftritt, kennt sich selbst am wenigsten. In Gestalt einer verführerischen Frau wird ihm eine Lehre verpasst, die ihn wegführt von jenem kalten intellektuellen Rationalismus, den er als Zeitgeist von der Universität mitbringt.

Was wurde Turgenjew nicht gescholten, ja mit Hass und Verachtung verfolgt wegen dieses Protagonisten: von den Linken, die ihren revolutionären Furor darin verraten fanden, und von den Rechten, denen Basarow in dem Erzählwerk noch immer zu viel Licht, der abdankende Adel dagegen zuviel Schatten erhielt.

Der verstörte Autor verließ daraufhin Russland endgültig, um sich nicht mehr nur als wohlhabender Reisender, sondern als Sesshafter zuerst nach Deutschland, dann nach Frankreich zu begeben, wo er bis zu seinem Tod, am 3. September 1883 im Alter von 65 Jahren, lebte.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-18 17:38:07
Letzte nderung am 2016-02-18 18:02:59



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