• vom 22.02.2016, 17:32 Uhr

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Update: 22.02.2016, 17:33 Uhr

Nachruf

Der Herr der sprechenden Bücher




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Von Edwin Baumgartner

  • Umberto Eco, der 84-jährig gestorben ist, galt als Meister des intelligenten Bestsellers und führender Semiotiker.

- © apa/afp/Giuseppe Cacace

© apa/afp/Giuseppe Cacace

Mailand/Wien. Am 12. Februar 1990 wurde im "Literarischen Quartett" der erste jener unterstellungsgesättigten Wortkämpfe ausgetragen, die für die bis heute zumindest unterhaltsamste Literatursendung des deutschsprachigen Fernsehens charakteristisch wurden. Marcel Reich-Ranicki hatte unter dem Buch unsäglich gelitten, Hellmuth Karasek hatte Sigrid Löffler verflucht dafür, es vorgeschlagen zu haben, Jurek Becker, Autor von "Jakob der Lügner", hatte das Buch gar nicht erst gelesen, weil er mit der Lektüre eines anderen Romans bereits genug Lebenszeit in den Autor investiert hatte. Sigrid Löffler stand allein und auf verlorenem Posten bei der Verteidigung von Umberto Ecos "Das Foucaultsche Pendel".

Postmoderne Spiele

Die Diskussion war symptomatisch für die Auseinandersetzung mit dem italienischen Autor. Eco hatte ganz postmodern zwischen zwei Stühlen Platz genommen, und das passte nicht so recht ins Kategorisierungsdenken, das der literaturaffine Mensch des deutschsprachigen Raums mit den Mutterbuchstaben einliest.

Eco geht von der These aus, dass es genügt, eine Verschwörung theoretisch zu erfinden, um diese mehr oder minder real in die Welt zu setzen. Der Roman scheint gehobene Unterhaltungsliteratur aus der verschwörungstheoretischen Ecke zu sein, warnt indessen gleichzeitig vor den verqueren Theorien, geht ihnen dabei freilich, vielleicht sogar willentlich, auch auf den Leim, und unterläuft mit seiner labyrinthischen Anlage die thrillerartige Lesbarkeit.

Es ist eine müßige Überlegung, wie Dan Browns Verschwörungsromane aussähen, hätte Eco nicht "Das Foucaultsche Pendel" geschrieben - es ist wohl auch kein Zufall, dass Eco Semiotiker ist und eine von Browns Hauptfiguren, Robert Langdon, Symbol-Forscher.

Im "Foucaultschen Pendel" hatte es Eco geschafft, einen Bestseller zu schreiben, der sich in nichts dem Bestsellertypus anbiederte. Das machte den Autor verdächtig.

Zumal er es zuvor schon einmal gemacht hatte. Eines Morgens war Eco, so sagte er selbst einmal, aufgewacht mit dem Bedürfnis, einen Mönch zu ermorden. Daraus wurde sein Roman-Debüt "Der Name der Rose", scheinbar ein Mittelalter-Krimi. Doch gleichzeitig ist es ein Buch über Bücher. Nicht zufällig hütet der alte und blinde Mönch Jorge von Burgos die Bibliothek. Es könnte eine Bibliothek von Babel sein, die Anspielung auf den blinden argentinischen Literaturgiganten Jorge Luis Borges und seine Bibliothek aller möglichen Bücher ist überdeutlich. Unter der spannenden Handlung des Eco-Romans verbergen sich Subtexte. Im Gewand des historischen Romans wird die Geschichtsschreibung selbst zum Thema. In der Verfilmung mit Sean Connery in der Haupt- und Helmut Qualtinger in einer Nebenrolle hielt sich der französische Regisseur Jean-Jacques Annaud an die Handlungsoberfläche. Eco war verstimmt und ließ keine weiteren Verfilmungen seiner Bücher zu.

Wissenschaftlicher Hintergrund

Dabei hatte Annaud lediglich das getan, was auch zahlreiche Autoren gemacht hatten: In der Mittelalterkrimi-Welle, die der "Name der Rose" auslöste, ließen sie Kriminalfälle in lange zurückliegenden Zeiten spielen und kümmerten sich nicht um Ecos eigentlichen literarischen Ansatz: "Bisher hatte ich immer gedacht, die Bücher sprächen nur von den menschlichen oder göttlichen Dingen, die sich außerhalb der Bücher befinden. Nun ging mir plötzlich auf, dass die Bücher nicht selten von anderen Büchern sprechen, ja, dass es mitunter so ist, als sprächen sie miteinander", heißt es im "Namen der Rose". Das Buch als Vernetzung der Gedanken, die in Summe neue Gedanken erzeugen?

Das klingt nach Wissenschaftstheorie. Tatsächlich besitzt der Autor einen wissenschaftlichen Hintergrund: Immerhin ist der am 5. Januar 1932 in Alessandria (Piemont) geborene Eco für die universitäre Welt der führende Semiotiker der Gegenwart. An der Universität von Bologna erhält er, der ein abgeschlossenes Philosophie- und Literaturwissenschaftsstudium aufweist, über die Ästhetik bei Thomas von Aquin dissertiert hat und als Kunsttheoretiker hervorgetreten ist, 1975 einen Lehrstuhl für Semiotik, der Lehre von der Bedeutung der Zeichen. Ecos Spezialgebiet ist die Literatursemiotik.

Seine Grundthese ist, dass der literarische Text einerseits eine Struktur aufweisen müsse, da es sonst keine Kommunikation mit dem Leser gäbe, sondern lediglich dessen Reaktionen zufällig stimuliere; andererseits entscheidet der Leser, welche Codes er auf den Text anwendet und damit, welche Bedeutungen er aus dem Text herausliest. Damit tritt er der These von Roland Bartès entgegen, derzufolge Texte in ihrer Bedeutung grenzenlos offen wären.

Den Romanlesern indessen waren Ecos Theorien weitgehend gleichgültig, sie warteten auf den nächsten Roman - und wurden enttäuscht. Denn "Die Insel des vorigen Tages" ist mit ihrer barocken Sprache und den Perspektivwechseln schwer zu lesen. Fast scheint es, als errichte Eco mit Absicht Schwellen, um eine ungehemmte Lektüre aus Gründen der Spannung zu unterlaufen. Vielleicht wird sich "Die Insel des vorigen Tages" aber gerade wegen ihrer Vielschichtigkeit und ihrer Skepsis gegenüber Bestsellern irgendwann einmal als wichtigster Roman Ecos erweisen.




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Nachruf, Umberto Eco

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-22 17:05:12
Letzte nderung am 2016-02-22 17:33:27



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