• vom 28.02.2016, 12:00 Uhr

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Literaturgeschichte

Mit Nadel und Faden




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Von Andrea Traxler

  • Der amerikanisch-europäische Schriftsteller Henry James, ein Meister subtiler Rück-, Saum- und Schlingstiche, ist vor hundert Jahren, am 28. Februar 1916, verstorben.



Der Autor vor seinem Haus in Rye, 1900.

Der Autor vor seinem Haus in Rye, 1900.© Kean Collection/Getty Images Der Autor vor seinem Haus in Rye, 1900.© Kean Collection/Getty Images

In seinem 1884 erschienenen Essay "The Art of Fiction" setzte Henry James die anmutige Metapher, er habe noch nie von einer Schneidergilde gehört, die den Gebrauch des Fadens ohne die Nadel, oder den der Nadel ohne den Faden empfohlen hätte. Dazu angeregt hatte ihn eine Passage in einer von Walter Besant im selben Jahr publizierten Vorlesung mit gleichlautendem Titel, da eine neue Schule erwähnt wird, die vorgibt, Romane brauchten keine Geschichten mehr zu beinhalten, denn alle seien schon erzählt. Diese ungenannt gebliebene Schule konnte James nicht gutheißen und breitete das Seine über sie: "The story and the novel, the idea and the form, are the needle and thread." Der Verlag Cupples & Hurd führte beide Texte noch 1884 in einem Band zusammen.

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AndreaTraxler, geboren 1962, Typographin, lebt als freie Lektorin in Wien

Henry James, zu diesem Zeitpunkt 41 Jahre alt, hatte nebst Rezensionen, Reiseskizzen, dem Essay-Band "French Poets and Novelists" und einer Biographie über Nathaniel Hawthorne bereits rund fünfzig Mal den Faden durchs Öhr gezogen und längst noch nicht alle Zwirne verbraucht. Der Vorgang des Auf- und Abspulens ist eindrücklich in seinen 1873 begonnenen "Notebooks" zu sehen. Darin festgehalten hat er Beobachtetes wie erzählt Bekommenes und Erörterungen dazu, ob die Stoffe brauchbar und wenn ja, wie sie zugeschnitten werden konnten, auch um sich Figuren zu verschaffen.

Dann entwarf er deren Biographien, positionierte sie in der Alten oder Neuen Welt (das Ansiedeln war immerzu von Bedeutung), durchdachte deren Verfassung (die wiederum mit dem Vorgenannten einherging) und versuchte - Meldrum, Adwick, Grunlus, Florimond, Shum - mögliche Namen.

Pädagogische Abenteuer

Am 15. April 1843 in New York geboren, wurde Henry James fast unmittelbar zum Weltreisenden. Sein Vater nämlich, Henry James sen., ein exzentrischer Spross einer betuchten Familie irischer Herkunft, setzte wenig Vertrauen in das amerikanische Bildungswesen, verordnete daher seiner Familie europäische Einsichten und legte seinen Nachwuchs in kosmopolitische Windeln. Er war Theologe und Philosoph, beschäftigte sich gründlich mit Emanuel Swedenborgs Visionen einer
Neuen Kirche, schrieb einige Bücher zu christlichen Fragestellungen und pflegte Kontakte etwa zu Ralph Waldo Emerson und Thomas Carlyle. Somit war ein Umfeld gegeben, da es intellektuell flirrte.

Die erste Überfahrt, in die Henry gemeinsam mit William, seinem vierzehn Monate älteren Bruder (dem späteren Psychologen und Philosophen) verwickelt war, begann bereits im Oktober 1843. Sie führte zunächst nach London, von dort im Jänner 1844 nach Paris, im April nach Windsor, im Jänner 1845 wieder nach Paris und im Juli zurück nach New York. Im September wurde in ein Haus in Albany gesiedelt, im Jänner 1846 zusätzlich ein Standort in New York eingerichtet und in der Folge einige Jahre hin- und hergefahren (240 km). In dieser Zeit wurden drei weitere Jameses geboren (Wilkinson, Robertson, Alice), Gouvernanten und Lehrer in epischem Ausmaß engagiert sowie Schulen und Schulmeister erwogen, um 1855 abermals überzusetzen und Lehrstätten in London, Paris und Genf zu probieren.

Im Sommer 1858 wurde wieder heimgefahren. Der Anlass war die Wirtschaftskrise von 1857, die auch der Familie James zusetzte. Sie siedelte sich also im weniger teuren Newport (Rhode Island) an, und als ein gerüttelt Maß Ruhe herrschte, rief der Senior im Oktober 1859 erneut zum Aufbruch, um noch einmal das Genfer Lehrangebot zu prüfen. Henry sollte eine Schule für Ingenieure und Architekten besuchen, konnte aber mit den arithmetischen Elementen nicht einig werden, weswegen er an der Universität Literaturkurse belegen durfte. Ab Juli 1860 wurde in Bonn weiterstudiert, wo er sich in Goethes Schriften vertiefte, und im September zurück nach Newport gezogen.

Dieser hier nur angedeutete Ausuferungsbetrieb war zwar aufreibend durchaus, hatte aber seine Vorzüge - so etwa in der Entfaltung auch sprachlicher Gewandtheiten. Henry James konnte sich neben Deutsch und Latein fließend das Französische und Italienische aneignen.

Derart konditioniert, wirkt es füglich, dass er, als er Herr seines Seins war, einerseits die irgendwie ruhelose Reisetätigkeit fortführte, und andererseits ab 1897 ein Haus in Rye, einem heute noch beschaulichen Ort in East Sussex, zu seinem Hauptwohnsitz erklärte. Bis es soweit war, hatte er aber noch seine schon seit langem rumorende Neigung zu begründen.

Druckerschwärze

Während eines zweisemestrigen Experiments Jus zu studieren, fasste Henry James den Entschluss, mit dem Schreiben (bis dahin im Verborgenen betrieben) sein Auslangen finden zu wollen. 1863, er war 20, ließ er der "Continental Monthly" seine Erzählung "A Tragedy of Error" zukommen und hatte Erfolg. Im Februar 1864 wurde sie, wenn auch anonym noch, gedruckt. Der Vater, vorerst irritiert, billigte schließlich seines Sohnes Ansinnen und förderte ihn - die Familie siedelte nach Boston (Mass.), dem Literaturbetrieb entgegen.

Nun hatte er seine Werkbank gefunden und begann zu produzieren. Im Oktober 1864 konnte er in "The North American Review" seine "Critical Notices" zu "Nassau W. Senior’s Essays on Fiction" publiziert sehen und erhielt dafür sein erstes Honorar (12 Dollar), im März 1865 mit Namensnennung "The Story of the Year" und im Juli seinen Aufsatz zu "Goethes Wilhelm Meister’s Apprenticeship and Travels", eine Besprechung der Neuauflage von Thomas Carlyles Übersetzung (1825).


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-26 13:17:09
Letzte ─nderung am 2016-02-26 13:30:34



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