• vom 04.03.2016, 12:45 Uhr

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Update: 04.03.2016, 12:56 Uhr

Literatur

Auf "Abenteuerreise in die menschliche Seele"




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Von WZ Online, APA

  • Gerhard Roth erhält den Großen Österreichischen Staatspreis 2016.

Wien. Der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth erhält den Großen Österreichischen Staatspreis 2016. Die mit 30.000 Euro dotierte Auszeichnung wird dem 73-jährigen gebürtigen Grazer Anfang des Sommers verliehen. Der Kunstsenat würdigte Roth in einer Aussendung als "einen der bedeutendsten und international bekanntesten österreichischen Schriftsteller".

"In immer wieder neuen literarischen Formen umkreist er die Vergangenheit Österreichs und schreibt damit nicht nur eine etwas andere Geschichte unseres Landes, sondern unternimmt mit seiner Erinnerungsarbeit eine Abenteuerreise in die menschliche Seele", so Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ). Das umfangreiche Oeuvre Roths, der mit seinen Romanzyklen "Archive des Schweigens" und "Orkus" zwei zentrale Werke der österreichischen Nachkriegsliteratur geschaffen hat, ist in den vergangenen Jahren durch Bücher gewachsen, die die Vielseitigkeit seines Schaffens unterstreichen.

In dem Band "Portraits" wurden Essays versammelt, die Roth im Laufe der Jahrzehnte über Künstler und Politiker, Kollegen und Zeitgenossen geschrieben hat, in dem Fotobuch "Im Irrgarten der Bilder" ist eine Auswahl seiner Fotos der Gugginger Künstler erschienen. 2014 fügte er seinem Oeuvre mit dem Roman "Grundriss eines Rätsels" ein weiteres gewichtiges Werk hinzu.

Programmierer im Grazer Computerrechenzentrum

Gerhard Roth wurde am 24. Juni 1942 in Graz geboren. Nach dem Willen seines Vaters, eines Arztes, studierte er ab 1961 in seiner Heimatstadt Medizin, brach das Studium jedoch 1967 ab. 1966 bis 1977 arbeitete er als Programmierer und Organisationsleiter im Grazer Computerrechenzentrum, um neben seiner literarischen Tätigkeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ab den frühen 1970er-Jahren veröffentlichte er experimentelle Prosa (etwa 1972 "die autobiographie des albert einstein") und versuchte sich auch als Theaterautor ("Lichtenberg", "Sehnsucht", "Dämmerung").

Ein großzügiger Vorschuss des S.Fischer Verlags ermöglichte es Roth, sich ganz auf die Arbeit an den "Archiven des Schweigens" zu konzentrieren. 1980 erschien als erstes Buch "Der stille Ozean" (eine Verfilmung durch Xaver Schwarzenberger errang 1983 den Silbernen Bären der Berlinale). Mittelpunkt des aus den unterschiedlichsten literarischen Gattungen zusammengesetzten Zyklus, in dem Fiktion und (auch fotografische) Dokumentation ineinanderfließen, ist das 1984 erschienene 800-Seiten-Buch "Landläufiger Tod". 1991 wurde der Zyklus mit "Die Geschichte der Dunkelheit" abgeschlossen.

Mit "Der See", dem Auftakt-Roman seines Zyklus "Orkus", sorgte Roth 1995 für Aufregung in den Reihen der FPÖ, die in einem populistischen Politiker, auf den beinahe ein Attentat verübt wird, ihren damaligen Parteiobmann Jörg Haider wiedererkannte. Danach erweiterte Roth mit "Der Plan" (1998) und "Der Berg" (2000), "Der Strom" (2002) und "Das Labyrinth" (2005) seine Schauplätze um Japan, Griechenland, den Balkan, Ägypten, Wien, Madeira und Madrid. Es folgte der Essay-Band "Die Stadt", "Das Alphabet der Zeit" und schließlich 2011 mit "Orkus. Reise zu den Toten" ein großer Abschlussband, in dem Figuren und Motive aus beiden Zyklen verwoben, Erfundenes und Gefundenes, Dokumentarisches, Essayistisches und Fiktionales verschmolzen wurden.

Viele Auszeichnungen

Gerhard Roth ist für sein schriftstellerisches Werk wie auch für seine in Reportagen, Essays und Interviews eingenommene klare politische Haltung vielfach ausgezeichnet worden. "Gerhard Roth hat eine Art von Herzensbildung, die gar nicht anders kann, als Anteil zu nehmen an der körperlichen und geistigen Not anderer", sagte Laudator Andre Heller 2003 bei der Verleihung des "Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien" an Roth, der ein "Eichmeister der österreichischen Wirklichkeit" sei. "Das Schweigen der Lämmer, und sei es noch so friedlich, kann nicht der Maßstab für die Grenzen der Toleranz sein", meinte Roth selbst anlässlich der Verleihung des Toleranz-Preises des österreichischen Buchhandels 1994. Zuletzt kam zu seinen zahlreichen Preisen im Herbst 2015 der mit 15.000 Euro dotierte Jean-Paul-Preis dazu, im selben Jahr wurde ihm auch der Bremerhavener Literaturpreis zugesprochen. Seinen Vorlass hat er bereits vor Jahren an die Stadt Graz verkauft.





Schlagwörter

Literatur, Gerhard Roth

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-03-04 12:53:41
Letzte ńnderung am 2016-03-04 12:56:40



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