• vom 04.03.2016, 16:33 Uhr

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Vorhölle Branntweiner




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Von Christina Böck

  • Heinz Strunks eklig-geniale Sozialstudie "Der goldene Handschuh" über einen wahren Kriminalfall.

Was bleibt vom Serienkiller-Opfer? Oft nur ein paar Schlapfen, wie hier Beweisstücke aus Fritz Honkas Wohnung.

Was bleibt vom Serienkiller-Opfer? Oft nur ein paar Schlapfen, wie hier Beweisstücke aus Fritz Honkas Wohnung.© Ullstein Bild Was bleibt vom Serienkiller-Opfer? Oft nur ein paar Schlapfen, wie hier Beweisstücke aus Fritz Honkas Wohnung.© Ullstein Bild

Es könnte sein, dass man nach der Lektüre von Heinz Strunks neuem Roman etwas länger keinen Gusto auf eine Knackwurst hat. Dass man das über das neue Buch des Autors von "Fleisch ist mein Gemüse" einmal sagen wird können, hat auch schon eine schöne Ironie. Obwohl, schön, naja. In Strunks neuem großen Wurf "Der goldene Handschuh" (Rowohlt) geht es um einen historischen deutschen Kriminalfall, der allerhöchstens schön schauerlich ist. Fritz Honka tötete in den 70er-Jahren in Hamburg vier Frauen, deren Leichen er dann in seiner Wohnung versteckt hat. Die Wohnung, in der er auch lebte. Eine der Leichen lag vier Jahre dort, den Verwesungsgestank übertünchte Honka notdürftig mittels Kloduft mit Fichtennote, der überall in der Wohnung aufgestellt war. Wenn sich jemand angewidert zeigte, versuchte er, davon zu überzeugen, dass die Kochgewohnheiten der ausländischen Nachbarn den Odeur verursachen. Scheint ganz gut funktioniert zu haben. Honka flog erst auf, als es einen Brand in seinem Haus gab. Ein Feuerwehrmann erinnerte sich noch Jahrzehnte später an den üblen Gestank, der offenbar sogar vom Brandgeruch nicht zu verjagen war.

Gammeln und schimmeln
Die Frauen, deren Leichenteile da so vehement gegen den Fichtenduft ankämpften, waren einsame, existenzgescheiterte Geschöpfe, so wie Honka auch. Sein entscheidender Unterschied und auch Vorteil: Er hatte eine Wohnung, die seine Opfer nicht hatten, weshalb es auch ein leichtes Spiel für ihn war, sie in seiner Stammkneipe - hier verbietet sich ausnahmsweise eine Einösterreicherung des deutschen Begriffs aus Gründen der Authentizität, weil: St. Pauli - abzuschleppen. Diese Kneipe hieß "Der goldene Handschuh" und heißt immer noch so. Heute nennt sie sich auch "Honka-Stube", denn: Gar nichts soll man haben von dem berühmtesten Stammgast von zweifelhaftem Ruhm?


Das Lokal ist bei Strunk das Magnetfeld, von dem alles ausgeht und wohin alles wieder zurückkehrt. Hier gelingen ihm erschütternd unterhaltsame Beschreibungen des körperlichen Abgrunds, der den seelischen spiegelt. Die hier beschriebenen Menschen werden vor dem geistigen Auge eine Mischung aus deformierten Picasso- und Deix-Figuren. In diesem Soziotop des Brachial-Alkoholismus zeigt sich schon, dass Verwesung nicht erst für Verblichene ein Thema ist. In einer Ecke der Absteige gammelt etwa eine Gruppe, deren Mitglieder schon ganz ungeniert die "Schimmligen" genannt werden. Ihre Körperbeherrschung ist am Nullpunkt. So schlimm steht es um Fiete, so wird Honka hier brüderlich genannt, noch nicht. Er ist dem "Schmiersuff" verfallen. Das ist ein toxikologisch induzierter Zustand, der "einem den ganzen Kopf und das ganze Denken zuschmiert und zukleistert". Herbeigeführt wird er durch Einnahme von Spezialsubstanzen wie Fako -Fanta mit Korn, Mischungsverhältnis 1:1.

Grauen? Vergessen!
Strunk schildert diesen Frauenmörder mit einem Humor, der nie herablassend wird und der bei allem Ekel - und davon gibt es genug in diesem Roman, siehe Knackwurst und Stichwort Sexualpraktik - eine distanzierte Empathie entstehen lässt. Die Morde passieren beiläufig und man vergisst zusammen mit Fiete, dass sich da etwas unter seiner Dachschräge mumifiziert. Dass Serienkiller Stoff für Folklore werden, ist ein bekanntes Phänomen. Strunk bedient aber nicht die Sensationslust der Jack-the-Ripperei. Fiete nimmt sich ja außerdem vor, sich zu bessern, als er einen Job als Nachtwächter ergattert. Eine Riesenchance für jemanden wie ihn, der nach Arbeitsunfällen, Zementallergie und Misshandlungen in seiner Jugend immer mit Schmerzen lebt und praktisch nicht arbeitsfähig ist für die Sachen, zu denen er intellektuell in der Lage ist. Was wiederum nicht viel ist.

Dann kommt halt wieder der Schmiersuff dazwischen. Und die Triebe natürlich. "Verlangen ist die Quelle aller Konflikte, aller Massaker, allen Leids, ein Feuer des Bösen", heißt es einmal. Nicht nur für Honka übrigens, sondern auch für die Mitglieder einer Reederfamilie in allerlei Turbulenzen - da sind die wirtschaftlichen noch die harmlosesten. Elegant lässt Strunk diese elitäre Parallelgesellschaft genauso in der Branntwein-Vorhölle "Goldener Handschuh" schmoren - beim Innerlich-Verwesen sind eben alle gleich.




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Dokument erstellt am 2016-03-04 16:38:11



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