• vom 12.03.2016, 15:00 Uhr

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"Hallo, das bin ja ich!"




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Von Piotr Dobrowolski und Gerald Schmickl

  • Der Schriftsteller Stefan Slupetzky über seinen neuen Roman, die Rolle des Chronisten in der zweiten Nachkriegsgeneration, die Lust am Krimi - und über seine Passion für Schüttelreime.

- © Peter Jungwirth

© Peter Jungwirth

"Wiener Zeitung": Herr Slupetzky, mit dem gerade erschienenen Roman "Der letzte große Trost" haben Sie erstmals das Krimi-Genre verlassen. Wie ist es dazu gekommen?

Slupetzky im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Slupetzky im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".© Peter Jungwirth Slupetzky im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".© Peter Jungwirth

Stefan Slupetzky: Es ist nicht dazu gekommen, es hat mich überkommen. Ich habe mich schon immer ein bisschen unter Druck gefühlt, etwas über meine Großeltern schreiben zu müssen, ein ernstes Buch, das mit den Dramen der Kriegszeit zu tun hat. Und zugleich habe ich zunehmend mit dem klassischen Pro-blem der Schriftsteller der zweiten Nachkriegsgeneration gehadert, die glauben, ihre Geschichten seien nicht erzählenswert, weil sie in eine Zeit des Friedens hineingeboren wurden. Und deshalb bedienen wir uns immer noch im Fundus der Kriegszeit, denn dort wurden die wirklich großen, tragischen Geschichten geschrieben.

Das neue Buch nimmt diesen Widerspruch auf. Es erzählt die Geschichte der kriegsgeprüften jüdischen Großeltern, die ihrerseits den Hintergrund für die Geschichte von Daniel bildet. Da-niel ist ein Mann aus der zweiten Nachkriegsgeneration, der unter dem Verlust seines Vaters leidet, sich aber zugleich fragt, ob sein Leiden angesichts des viel dramatischeren Leids der Großeltern überhaupt eine Berechtigung hat.

Dass ich den Roman so angelegt habe, kam eben aus der Erkenntnis heraus, dass wir als Schriftsteller der zweiten Nachkriegsgeneration dazu verdammt sind, die Chronisten unserer Großeltern zu sein. Ich habe mich dann auch gefragt, was einen Menschen am Ende erzählenswert macht: Ist es wirklich die Zeit, in die er hineingeboren wurde, oder ist es der Mensch an sich? Denn, wenn das so ist, dann bin ich ja genauso erzählenswert wie meine Großmutter. Das war der Ausgangspunkt, in diesen Zwiespalt habe ich dieses Buch hineingeschrieben.

Wobei der Zwiespalt ja nur dann entsteht, wenn man meint, Literatur müsse stets historisch Relevantes erzählen. Ohne diese Vorannahme ist die Depression einer Hausfrau im Jahr 1940 genauso erzählenswert wie die Depression einer Hausfrau im Jahr 2016.


© Peter Jungwirth © Peter Jungwirth

Information

Stefan Slupetzky wurde 1962 in Wien geboren, schrieb und illustrierte über ein Dutzend Kinder- und Jugendbücher, bevor er sich vorwiegend der Literatur für Erwachsene widmete und seitdem Bühnenstücke, Kurzgeschichten und Romane verfasst. Bekannt wurde er vor allem für seine (vier) Krimis um den Antihelden Leopold Wallisch vulgo "Lemming". Für "Der Fall des Lemming" erhielt er 2005 den Glauser-Preis, für "Lemmings Himmelfahrt" den Burgdorfer Krimipreis; "Lemmings Zorn" wurde 2010 mit dem Leo-Perutz-Preis ausgezeichnet. 2013 erschien der Kriminalroman "Polivka hat einen Traum".

Soeben ist Stefan Slupetzkys neues Buch, der Roman "Der letzte große Trost", erschienen (Rowohlt, 253 Seiten, 20,60 Euro). Darin geht es in fiktionalisierter Form um seine Familiengeschichte, um drei Generationen, in welchen sich u.a. väterlicherseits NS-Verbrecher, mütterlicherseits Holocaust-Opfer finden. Daniel Kowalski, Hauptfigur der Geschichte, begibt sich vor allem auf die Spuren seines früh verstorbenen Vaters, aus dessen Tagebuch er den Eindruck gewonnen hat, dass jener eventuell ein zweites Leben geführt haben könnte . . .

2010 gründete Slupetzky zusammen mit seinem Bruder Thomas Slupetzky und Martin Zrost die Wienerliedcombo "Trio Lepschi", mit der er bisher vier Alben einspielte und als Texter und Sänger durch die Lande tourt.

Stefan Slupetzky ist Vater zweier Kinder und lebt mit seiner Familie in Wien.

www.stefanslupetzky.at
www.triolepschi.at

Piotr Dobrowolski, geboren 1965, war u.a. Außenpolitik-Chef bei "Format" und ist nun als freier Journalist tätig. Gerald Schmickl, geboren 1961, ist redaktioneller Leiter der "extra"-Beilage.

Das mag schon sein. Andererseits ist es ja wirklich so, dass meine Generation die dramaturgisch starken Geschichten, die die Menschen in der Kriegszeit permanent erlebt haben, nur sehr beschränkt erlebt hat.

Ihr Roman wird im Klappentext als die Geschichte Ihrer eigenen Familie ausgewiesen. Wie exakt entspricht diese Geschichte der historischen Realität?

Sie mäandert um diese Realität herum. Den Großvater, der im Krieg mit Zyklon B großes Geld gemacht hat und ein überzeugter Nazi war, gab es tatsächlich. Aber in Wirklichkeit war er nicht mein Großvater, sondern mein Großonkel. Sehr viele Geschichten stammen wieder aus der jüdischen Familie meiner Großmutter. Der Roman entspricht also über weite Strecken der historischen Realität, diese ist aber im Text zum Teil verfremdet, verdichtet und stringenter gemacht.

Den Schluss, dass Daniel Ihr literarisches Alter Ego ist und Daniels Vater Ihr Vater, darf man aber schon ziehen?

Viele Geschichten, die ich Daniel zuschreibe, und viele Geschichten, die ich seinem Vater zuschreibe, sind in meinem Leben so nicht passiert. Der Lebensweg, den Daniel geht, ist auch ein anderer als der, den ich gegangen bin. Aber am Ende steht diese Daniel-Figur so da, dass ich, würde ich ihr in der Realität begegnen, sagen müsste: Hallo, das bin ja ich! Daniels Vater, der stirbt, als Daniel 22 Jahre alt ist, habe ich so beschrieben, wie ich meinen Vater in Erinnerung habe, der auch starb, als ich so jung war. Und trotzdem stimmen natürlich nicht alle biografischen Details überein. Es ist aber so, dass ich genau wie Daniel diesen Verlust nie wirklich verwunden habe, auch heute nicht, obwohl ich inzwischen länger ohne meinen Vater auf der Welt bin als ich es mit ihm war.

An einem bestimmten Punkt des Romans kommt Daniel die Idee, sein Vater könnte den Herzinfarkt, den er erlitten hat, überlebt haben und irgendwo unter einem anderen Namen weiterleben, als sein eigener Doppelgänger. Hatten auch Sie solche Fantasien?

Nein, nicht so konkret. Mir ist es aber noch viele Jahre nach dem Tod meines Vaters so gegangen, dass es mir auf der Straße auf einmal einen Stich gegeben hat, weil jemand die gleiche Statur wie er hatte, einen ähnlichen Hinterkopf, und ich dann für einen Moment gedacht habe: Er ist es wirklich! Ich glaube, das sind Rettungsfantasien, die gar nicht so ungewöhnlich sind, wenn man jemanden vermisst, der einem sehr viel bedeutet hat.

So berührend das Buch dort ist, wo es um Daniel und seinen Vater geht, so ärgerlich könnte man es an anderen Stellen empfinden: etwa dann, wenn ausgerechnet der Obernazi, der mit Zyklon B ein Riesengeschäft macht, den polnischen Familiennamen Kowalski trägt.

Warum? Meine Vorfahren väterlicherseits sind zur Zeit Prinz Eugens aus Polen nach Österreich gekommen. Dass meine Familie polnischstämmig ist, musste sich daher im Namen des Protagonisten niederschlagen. Slupetzky ist ja auch ein polnischer Name.

Ja, aber er ist eingedeutscht. Kowalski hingegen ist der prototypische, der klassische polnische Name, so wie Müller oder Mayer prototypisch deutsche Namen sind. Wenn nun der Obernazi ausgerechnet Kowalski heißt, wird damit symbolisch die historische Realität verdreht. Denn in der Realität waren die Müllers und Mayers die Täter - und die Kowalskis, nach den Rubinsteins und Levis, die Opfer.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-03-11 14:29:12
Letzte ─nderung am 2016-03-11 14:47:15



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