• vom 16.03.2016, 17:00 Uhr

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Update: 16.03.2016, 22:05 Uhr

Autorenporträt

Der wahre Mann von La Mancha




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Von Heiner Boberski

  • Vor 400 Jahren ging das abenteuerliche Leben des "Don Quijote"-Autors Miguel de Cervantes zu Ende.

"An einem Ort in der Mancha, ich will mich nicht an den Namen erinnern, lebte vor nicht langer Zeit ein Edelmann, ein Hidalgo, mit Lanze am Waffenhaken, alter Ledertasche, dürrem Gaul und flinkem Jagdhund." Mit diesem Satz beginnt ein Roman, den im Jahr 2002 in einer Umfrage des Osloer Nobelpreisinstituts 100 bekannte Schriftsteller zum "besten Buch der Welt" gewählt haben.

Spanien baute seinem Dichter Miguel de Cervantes wohl Denkmäler (wie hier in Madrid), übergeht jedoch den 400. Todestag des Autors von "Don Quijote".

Spanien baute seinem Dichter Miguel de Cervantes wohl Denkmäler (wie hier in Madrid), übergeht jedoch den 400. Todestag des Autors von "Don Quijote".© Ludovic Maisant/Hemis/Corbis Spanien baute seinem Dichter Miguel de Cervantes wohl Denkmäler (wie hier in Madrid), übergeht jedoch den 400. Todestag des Autors von "Don Quijote".© Ludovic Maisant/Hemis/Corbis

Dieses Werk, das 1605 in Spanien unter dem Titel "El ingenioso Hidalgo Don Quijote de la Mancha" (Der geistvolle Hidalgo Don Quijote von der Mancha) erschienen ist und 1615 mit einem zweiten Teil seinen Abschluss gefunden hat, erzielte in der Kulturgeschichte ungeheure Resonanz. Es hat auch den Namen seines Autors, Miguel de Cervantes, unsterblich gemacht, der vor 400 Jahren, in der Nacht auf den
23. April 1616, in Madrid gestorben ist. Man sollte meinen, dass Spanien das Cervantes-Jahr würdig begeht, doch im Jänner warfen spanische Intellektuelle der Madrider Regierung vor, sie habe für das Jubiläum kein offizielles Programm vorgestellt. "Wir sollten Cervantes lieber den Engländern überlassen", meinte damals der Schriftsteller und Historiker Javier Cercas mit bitterer Ironie in der Zeitung "El País": "Die Engländer würden ihn besser behandeln."

Der Vergleich im Jubilieren ist möglich, denn am 23. April 1616 starb auch William Shakespeare, scheinbar gleichzeitig mit Cervantes, aber in Wirklichkeit zehn Tage später, denn das vom Papst abgefallene England hatte damals noch nicht den Gregorianischen Kalender eingeführt. Während immer wieder angezweifelt wird, ob Shakespeare wirklich die ihm zugeschriebenen Dramen und Gedichte verfasst hat, ist bei Cervantes offensichtlich, wie sehr sein Leben und Werk zusammenhängen. Das bestätigt auch die neue Biografie des deutschen Romanisten und Germanisten Uwe Neumahr, "Miguel de Cervantes - Ein wildes Leben".

Das Leben wie ein Roman

Wenn nur die Hälfte dessen stimmt, was hier aus zahllosen Quellen rekonstruiert wird, so verlief das Leben des spanischen Literaten mindestens genauso abenteuerlich wie das fiktive seines Romanhelden, des "Ritters von der traurigen Gestalt". Im erfolgreichen Musical "Der Mann von La Mancha" ist Cervantes die Hauptrolle und sagt, als er auf
seine Beziehung zu seiner Figur Don Quijote angesprochen wird: "Wir sind beide Männer von La Mancha."

Im Nordosten dieser spanischen Landschaft, in Alcalá de Henares, wurde Miguel de Cervantes am 9. Oktober 1547 getauft, sein Vorname lässt vermuten, dass er am 29. September, dem Festtag des heiligen Michael, zur Welt gekommen ist. Sein Großvater Juan arbeitete als Jurist im Dienst der Inquisition, sein Vater Rodrigo schlug sich als stark schwerhöriger Wundarzt mehr schlecht als recht durchs Leben. Manches deutet darauf hin, dass Miguel von zum Christentum konvertierten Juden abstammte. Das war im intoleranten Spanien jener Zeit, das Juden und Muslime zur Taufe zwang oder aus dem Land trieb, ein Makel, den man besser verschleierte. Dass Miguel 1569 einen Reinblütigkeitsnachweis erhielt, überzeugt seinen kritischen Biografen Neumahr nicht ganz. Er fragt sich auch, ob die Familie zu Recht behauptete, seit Generationen dem niederen Adel anzugehören.

Auf jeden Fall gab es etwas damals Rares und Wertvolles im Haus Cervantes, wovon Miguel, der von Jugend an gestottert
haben dürfte, profitierte: Bücher. Es mangelte ihm sicher nicht an Belesenheit, wohl aber an universitärer Bildung, was ihm Konkurrenten wie etwa Lope de Vega später immer wieder vorwarfen.

Der Beginn des Dichters

1567 tritt Cervantes erstmals literarisch an die Öffentlichkeit - mit einem Sonett zur Geburt der Infantin Catalina Micaela. Im Jahr darauf findet man ihn am Estudio de la Villa in Madrid, wo ihn Juan López de Hoyos in Verskunst unterrichtete. Widersprüchlich sind die nächsten Nachrichten über ihn. Im Dezember 1568 soll er im Duell den Maurermeister Antonio de Sigura schwer verwundet haben. Als deshalb am 15. September 1569 ein königlicher Strafbefehl gegen einen Miguel Cervantes ausgestellt wird, hat sich der junge Mann bereits nach Rom abgesetzt. Um dort in die Dienste des jungen kunstsinnigen Prälaten Giulio Aquaviva, der bald darauf Kardinal wird, zu treten, benötigt er den bereits erwähnten Reinblütigkeitsnachweis.

Relativ rasch muss Cervantes der Rolle des Kammerdieners eines Kardinals überdrüssig und in Neapel, einer Stadt, nach der er später zeitlebens Sehnsucht hatte, Soldat im spanischen Heer geworden sein. In der Seeschlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571, als die christliche Flotte unter Juan d’Austria den sieggewohnten Osmanen die erste Niederlage beibringt, zeichnet sich Cervantes durch Tapferkeit aus, wird aber schwer verwundet. Seine linke Hand - der Strafbefehl von 1569 hätte vorgesehen, ihm die rechte Hand abzuhacken - bleibt verstümmelt.

Der nächste Schicksalsschlag trifft den "Einarmigen von Lepanto" 1575, als er nach Spanien heimkehren will. Sein Schiff wird von Korsaren gekapert, die folgenden fünf Jahre - laut Neumahr die am besten dokumentierten im sonst recht lückenhaften Lebenslauf von Cervantes - verbringt er als Sklave in Algier. Einen Übertritt zum Islam, der ihm die Freiheit und Aufstiegschancen bieten könnte, lehnt er kategorisch ab. Vier Fluchtversuche scheitern, 1580 wird er buchstäblich in letzter Minute vor dem Transport nach Istanbul von Spanien freigekauft.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-03-16 15:32:05
Letzte ─nderung am 2016-03-16 22:05:21



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