• vom 19.03.2016, 16:00 Uhr

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Die feine englische Art




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Von Katharina Wappel

  • Die britische Autorin Jane Gardam erweist sich mit ihren feinsinnigen Beschreibungen und einem stets unaufdringlichen Stil als eine Grande Dame der Erzählkunst.

Mit der Höflichkeit ist es so eine Sache. Natürlich nimmt man sie wohlwollend entgegen, weil sie doch das Leben um ein Vielfaches angenehmer gestaltet. Dennoch stellt sich auch immer die Frage nach der Authentizität: Wie viele aggressive Gefühle muss man unterdrücken, um diese freundlichen Fassade zu zeigen, welche dunklen Seiten verbergen sich hinter der hellen Sonnenseite? Ob Höflichkeit quasi als der potemkinsche Effekt des Menschen anzusehen ist?

Mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet: Jane Gardam.

Mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet: Jane Gardam.© Colin McPherson/Corbis Mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet: Jane Gardam.© Colin McPherson/Corbis

Vorzeigeland in Sachen Höflichkeit ist wohl, zumindest auf europäischem Boden, Großbritannien. Aus diesem Land kommt nun bereits der zweite Roman herein, der sich just mit dieser Thematik auseinandersetzt. Jane Gardam heißt die Autorin, die man letztes Jahr erst im deutschsprachigen Raum entdeckt hat. "Ein untadeliger Mann" heißt ihr 2015 erschienener Roman, und man braucht kein sonderlich erfahrener Leser zu sein, um zu verstehen, dass der Mann, um den es in dem Buch geht, wohl so untadelig nicht ist, wie der Titel es verspricht. Mit dem nun erschienenen zweiten Teil der Trilogie - er trägt den ebenso verheißungsvollen Titel "Eine treue Frau" - verhält es sich ähnlich.

Altengland

Das erste Buch von Jane Gardam wurde bereits 1999 ins Deutsche übersetzt und ob des geringen Anklangs sofort wieder vergessen. Leider, wie man nun feststellen muss, denn der deutschsprachigen Leserschaft ist mit der heute 87-jährigen Britin eine besonders feine Autorin vorenthalten worden.

"Ein untadeliger Mann" erzählt von einem Herren namens Old Filth, wie er liebevoll von seinen Kollegen der Anwaltschaft genannt wird. "Filth" bedeutet "Schmutz" und ist zugleich ein Akronym, das für "Failed in London try Hongkong" steht. Filth also ist ein Richter im Ruhestand, der sich mit seiner Frau Betty nach einer großen Karriere in Hongkong, nachdem dieses an China fällt, im südenglischen Dorset niederlässt.

Seine Karriere ist ebenso glanzvoll verlaufen wie seine Schuhe es stets sind, und überhaupt ist der Mann, der "Schmutz" heißt, immer wie aus dem Ei gepellt: "Er war sagenhaft sauber. Geradezu ostentativ sauber. Der Rand seiner alten Fingernägel war reinweiß. Die wenigen Haare unter seinen Fingerknöcheln waren immer noch golden und wirkten stets wie frisch schamponiert, ebenso wie sein lockiges, immer noch rötlich braunes Haupthaar. Seine Schuhe glänzten wie Kastanien." Dieser Mann also macht sich nach der Beerdigung seiner Frau Betty auf durch ganz England, um seiner Vergangenheit nachzuspüren.

Nach und nach spulen sich nun die Kindheit, Jugend und Karriere in Hongkong von Edward Filth in rückblickenden Einschüben ab. Gleichzeitig mit diesen Rückblenden wird noch einmal ein wenig Abschied genommen von einem England, das es in dieser Form nicht mehr gibt. "Hätte ich England jemals geliebt, dachte er, dann würde ich jetzt um es weinen."

Der stolze Glanz des imperialistischen Altengland haftet dennoch seinen Erinnerungen an: "Der Lärm Hongkongs erhob sich, die kleinen Fähren fuhren hin und her, wir waren stolz auf diese Stadt. Wir hatten es geschafft. Wir wussten, wie es ging. Wir waren verantwortlich für die Stadt. Britisch."

Desillusionierung

Gardam zeichnet sich durch besonders feinsinnige Beschreibungen aus. Die 1928 in North Yorkshire geborene Autorin erachtet die kleinen wie die großen Un- und Annehmlichkeiten des Lebens als wert, betrachtet zu werden. Etwa den Schmerz über den Verlust seiner Frau, den Filth erleben muss und der ihn in den kleinen unscheinbaren Momenten überrumpelt, völlig unangekündigt: "Plötzlich vermisste er Betty. Sehnte sich nach ihr. Hatte das Gefühl, wenn er sich jetzt schnell umdrehte, wäre sie da." Um in einem ernüchternden Nachsatz hinzuzufügen: "War sie aber nicht." Gardam versteht es, das Unerträgliche und die desillusionierte Gleichgültigkeit nebeneinander zu stellen.

Inhaltlich zurückführen lässt sich dies auf Filths früh erlernte, permanente Selbstbeherrschung, die sein ganzes Leben bestimmt und den Roman durchdringt. Gleichzeitig wird jedoch klar, dass das Leben, auch wenn man sich wappnen möchte, einen unweigerlich prägt: "Nach ihrer Beerdigung saß Filth, der inzwischen so alt war wie die Zeit, wieder am Schreibtisch."

Man kehrt zurück zum Alltag, alles scheint wie zuvor, nur dass eben alles ganz anders ist. Ganz offensichtlich ist, dass hier eine erfahrene Dame weiß, wovon sie spricht - und über das Alt-Sein keine Vermutungen anstellt, sondern aus Erlebtem schöpft.

Feingefühl, aber auch viel Witz schlägt einem in diesem Roman entgegen. Die humorvolle Darbietung etwa jener Szene, in der der 80-jährige verdatterte Filth in seinem ewig nicht mehr benutzten Auto über die neumoderne Autobahn rollt, ist köstlich. "Ich bin ein guter Autofahrer", versichert er sich wieder und wieder, während wild gestikulierende LKW-Fahrer an ihm vorbeibrausen.

Gezügelte Gefühle

Es ist hier das Leben eines Mannes gezeichnet, der gelernt hat, seine Gefühle um des Erfolgs Willen in Zaum zu halten. Sexualität hat er nicht notwendig, Stabilität ist ihm wichtiger. Und so scheint ihm die Ehe mit einer Frau, die er zwar liebt, aber nicht begehrt, genau das Richtige, und das keineswegs in einem ironischen Sinn.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-03-18 14:14:05
Letzte ńnderung am 2016-03-18 16:38:17



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