• vom 19.03.2016, 15:30 Uhr

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Szenarien der Auslöschung




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Von Uwe Schütte

  • Der deutsche Autor Juan S. Guse entwirft in seinem imposanten Debütroman die Vision eines anarchisch-gewalttätigen Zusammenbruchs der Gesellschaft.

Wenn bereits am Romananfang der liebenswerte Familienhund stirbt, ist das kein gutes Omen für alles Folgende. Und just mit der Vorahnung auf das finale Unglück, auf welches sich die Handlung von Kapitel zu Kapitel zubewegt, spielt der gelungene Debütroman des 1989 geborenen Juan S. Guse. "Lärm und Wälder" ist allein deshalb schon lesenswert, weil das Buch nicht an einem der allbe-kannten Handlungsorte deutschsprachiger Literatur, sondern in Südamerika spielt. Argentinien ist dabei deutlich erkennbar, doch geht es Guse weniger um lateinamerikanisches Lokalkolorit und Detailrealismus, als darum, einen Raum zwischen Vertrautem und Fremdem zu schaffen.

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20160318guse© S. Fischer 20160318guse© S. Fischer

Glück der Privilegierten

Und genau in dieser Grauzone erzählt das Buch vom Ehepaar Hector und Pelusa, die in einer Gated Community außerhalb der nur als Capital Federal bezeichneten Metropole leben. Über dem Glück der Privilegierten, das durch die Ausgrenzung der ärmeren Bevölkerungsschichten gewährleistet wird, schwebt bereits das Damoklesschwert der gewaltsamen Unruhen, die in den unterprivilegierten Stadtteilen schwelen. Oder ist alles nur die als Angst rückkehrende Einsicht, einen parasitären Lebensstil zu führen?

Angeleitet und befeuert durch einen im Sicherheitsdienst arbeitenden Bekannten, beginnt Hector, sich für den Ernstfall vorzubereiten; er kauft sich ein Gewehr, beschafft Essensvorräte und technische Gegenstände, die man für ein Überwintern in Krisenzeiten benötigt und betreibt Survivaltraining. Als die Unruhen schließlich die Grenzen der Community durchbrechen, beginnt er den Swimmingpool zum Sicherheitsbunker umzubauen. Doch seine Familie ist da schon über alle Berge. Anders als eine solche Zusammenfassung des Plots suggeriert, ist alles jedoch nicht so eindeutig, wie es vielleicht scheint.

"Lärm und Wälder" gelingt es in ausgezeichneter Weise, einen Unsicherheitsraum aufzumachen, in dem nicht nur die Figuren irritiert sind über das, was noch passieren könnte, sondern auch wir Leser nicht genau wissen, ob man den von Hector und anderen Protagonisten beschworenen Untergang der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung nicht besser als deren verquere Einbildung abtun sollte. Zugleich spielt der Text mit einem klammheimlichen Vergnügen an der heraufziehenden Katastrophe, in der den Privilegierten die gerechtfertigte Rechnung aufgemacht wird für ihren schmarotzenden Lebenswandel.

Guses mit Ambivalenzen spielendes Buch verbindet die aus Filmen wie "The Purge" bekannten Szenarien der Auslöschung von Mittelschichtfamilien mit Kalter-Krieg-Propaganda der 1950er Jahre, in welcher man sich ein gemütliches Leben in Schutzbunkern ausfantasierte.

Aufstand der Armen

Der Roman malt eine düstere Zukunftsvision vom Aufstand der Armen gegen die Reichen aus und ist zugleich in der Vergangenheit angesiedelt, denn statt sich Filme aus dem Internet zu streamen, schaut man diese noch von veralteten VHS-Kassetten. Dass der Roman in Lateinamerika spielt, ist jedoch insofern sinnig, weil Gated Communities dort bereits auf eine lange Geschichte zurückblicken angesichts des im Vergleich zu Europa weitaus verschärfteren sozialen Gefälles in den Metropolen.

Die Vision eines anarchisch-gewalttätigen Zusammenbruchs der Gesellschaft ist freilich auch in Europa auf lange Sicht nicht völlig abwegig, bedenkt man die gegenwärtige ökonomische wie soziale Entwicklung; probeweise konnte man das etwa 2011 bei den Ausschreitungen in London und Birmingham erleben. Juan Guse hat daher ein Buch geschrieben, das in vielerlei Hinsicht am Puls der Zeit ist - ein glänzendes Debüt.

Information

Juan S. Guse
Lärm und Wälder
Roman. S. Fischer, Frankfurt/M. 2015, 322 Seiten, 20,60 Euro.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-03-18 14:26:02
Letzte nderung am 2016-03-18 16:36:13



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