• vom 27.03.2016, 09:00 Uhr

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Update: 27.03.2016, 10:52 Uhr

Literatur

Intergalaktischer Pessimist




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Von Piotr Dobrowolski

  • Vor zehn Jahren starb mit Stanisław Lem einer der bekanntesten polnischen Schriftsteller und meistgelesenen Science-Fiction-Autoren Europas.

Nicht immer war Stanislaw Lem derart heiter gestimmt - weder was die Zukunft unseres Planeten, noch was die eigene Kritikfähigkeit anbelangte. . .

Nicht immer war Stanislaw Lem derart heiter gestimmt - weder was die Zukunft unseres Planeten, noch was die eigene Kritikfähigkeit anbelangte. . .© dpa/Forum/B3565 Forum Krzysztof Wojcik Nicht immer war Stanislaw Lem derart heiter gestimmt - weder was die Zukunft unseres Planeten, noch was die eigene Kritikfähigkeit anbelangte. . .© dpa/Forum/B3565 Forum Krzysztof Wojcik

Ein wenig sah er selbst wie ein Außerirdischer aus. Was wohl an den großen Augen, die sich hinter dicken Brillengläsern verbargen, lag, der hohen Stirn und den auffällig abstehenden Ohren. Und auch daran, dass ihm die irdische Kleiderordnung eher egal war. Ausgebeulte Hosen, die notdürftig von zerschlissenen Hosenträgern an ihrem Platz gehalten wurden, fadenscheinige Hemden unklarer Provenienz - so kleidete sich Stanisław Lem am liebsten.

Neben unzähligen Erzählungen und Romanen, die fast alle ins Deutsche übersetzt wurden, verdanken wir dem Mann mit den ausgebeulten Hosen auch Tarkowskis Kultfilm "Solaris", der auf Lems gleichnamigem Roman basiert. Lem selbst mochte die Verfilmung allerdings nie besonders gern. Zu viel Science Fiction, zu wenig Kunst, lautete sein verheerendes Urteil. Das Remake mit George Clooney in der Hauptrolle beurteilte er ein wenig milder.


Gegen das Etikett, ein Science-Fiction-Autor zu sein, wehrte sich Lem allerdings zeit seines Lebens. Denn er sah sich selbst als einen Philosophen, noch dazu einen mit unendlich breit gestreuten Neigungen und Interessen: "Ich betrachte mich als einen freien Menschen, deshalb beschäftige ich mich mit allem, womit ich will. Phantastische Literatur, fliegende Untertassen, Hunde, die hellseherische Fähigkeiten haben, Bermudadreiecke, das kommt mir ziemlich dumm und sehr langweilig vor", sagte er 2001. Da hatte er allerdings seit zwölf Jahren keinen Roman mehr verfasst und sich zur Gänze auf technikkritische Publizistik verlegt.

Erdnahe Kritik
Als Lem vor zehn Jahren, am 27. März 2006 im Alter von 85 Jahren stirbt, hinterlässt er dennoch ein Werk, das - in mehr als vierzig Sprachen übersetzt - zum Kanon der von ihm so abschätzig kommentierten SF-Gattung gehört. Dass er dabei nicht eine Zukunft zeichnete, in der Technik dem Menschen zu einem besseren Dasein verhilft, tut dieser Einordnung keinen Abbruch. Denn gerade die osteuropäische SF-Literatur hat sich - ein gutes Beispiel dafür sind auch die Strugatzki-Brüder - sehr bald vom amtlich-sozialistisch verordneten Zukunftsoptimismus verabschiedet und auf die Schilderung von intergalaktischen Dystopien verlegt. Die entpuppten sich freilich bei genauerem Hinsehen oft genug als überaus erdnahe Kritik an der kommunistischen Wirklichkeit.

Bei dem bekennenden Misan-thropen Lem kommt zur mehr oder minder offenen Kritik am System auch noch eine recht deutlich formulierte Ablehnung des Menschen an sich hinzu. Eine Haltung, die der im Umgang mit Freunden dennoch durchaus gesellige Lem sein Leben lang pflegte. "Die Welt ist so schlecht eingerichtet, dass ich es bevorzuge, daran zu glauben, dass sie von niemand erschaffen wurde", bekannte er einmal, nach seiner Haltung zu Gott befragt.

Noch deutlicher wird Lems Unglaube an den Menschen in der jahrelangen Korrespondenz, die er mit dem zweiten großen grantelnden Altmeister der polnischen Literatur führte, mit Sławomir Mrozek. Der schreibt: "Niemand kümmert sich um das Bevölkerungswachstum. Mich erschreckt es aber, dass die Zahl der Idioten mit jeder Sekunde zunimmt". Worauf Lem antwortet: "Mit Kretinismus hat noch niemand gewonnen", um dann eine Tirade gegen seine laut Radio hörenden Nachbarn und deren verdummte Kinder loszulassen. Zukunftsfrohe Zuversicht liest sich anders.

Düsteres "Solaris"
Und so liefert auch der bekannteste Lem-Roman, "Solaris", am Ende eine reichlich düstere Beschreibung der Menschheit und ihrer Unfähigkeit, die Welt, geschweige denn den Kosmos zu verstehen. In dem Roman trifft der Psychologe Kris Kelvin auf dem Planeten Solaris auf eine Wiedergängerin von Harey, seiner Freundin, die Suizid begangen hatte. Kris fühlt sich an Hareys Tod mitschuldig, weil er sie nicht ernst nahm. Auf Solaris erkennt er schon bald, dass die Harey-Wiedergängerin, die ihm begegnet, eine Art dreidimensionaler Erinnerung ist, die aber dennoch ein eigenes Bewusstsein besitzt. Im Laufe der Handlung wird auch klar, dass der Planet bei jedem, der ihn besucht, solche Erinnerungen produziert.

Eine Zeit lang bemühen sich Kris und die Wiedergängerin, so zu tun, als wäre die Situation normal, doch ihr Zusammenleben gestaltet sich immer quälender: Für Kelvin, weil er immer wieder erfährt, dass die Wiedergängerin die Tote ja doch nicht lebendig machen kann, für die Wiedergängerin, weil sie trotz ihrer eigener Gefühle weiß, dass sie nur ein Produkt von Kelvins Vergangenheit ist. Als alle Versuche der Wiedergängerin, sich das Leben zu nehmen, scheitern, weil sie als Erinnerung unauslöschbar ist, unterstützt sie heimlich die beiden anderen auf Solaris lebenden Wissenschafter darin, durch ein destruktives Experiment sämtliche von dem Planeten erzeugten Erinnerungen zu zerstören - auch sie. Das Experiment gelingt.

Das Ende des Textes mündet in absolute Perspektivlosigkeit: Weder ist der Mensch in der Lage, das Weltall zu verstehen, noch seine Hilflosigkeit im Zusammenleben mit anderen zu überwinden. Er kann nicht vor seinen Erinnerungen davonlaufen, und er kann sich auch nicht von seinen Gewissensbissen befreien, so sehr er sich auch bemüht. Kurzum: Ob Erde oder Solaris - das Dasein ist ein Jammertal.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-03-25 16:59:06
Letzte ─nderung am 2016-03-27 10:52:05



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