• vom 28.03.2016, 15:25 Uhr

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Update: 28.03.2016, 17:05 Uhr

Autoreninterview

"Wir haben nicht für den Frieden geplant"




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Von Teresa Reiter

  • Aus dem Irak-Krieg auf die Bestsellerlisten: der Karriereweg des US-Schriftstellers Phil Klay.

Unter den gegebenen Umständen das Beste tun - das war das Schicksal von US-Soldaten im Irak-Krieg 2005. - © reuters/Faleh Kheiber

Unter den gegebenen Umständen das Beste tun - das war das Schicksal von US-Soldaten im Irak-Krieg 2005. © reuters/Faleh Kheiber


© Teresa Reiter © Teresa Reiter

Phil Klay, ehemaliger Soldat des US Marine Corps, zeichnet mit seiner Kurzgeschichtensammlung "Redeployment" ein vielseitiges Porträt der US-Kriegserfahrung im Irak. Die "Wiener Zeitung" traf ihn am Rande des Internationalen Literaturfestivals Erich Fried Tage im Literaturhaus in Wien.

"Wiener Zeitung": Wieso haben Sie sich dafür entschieden, Ihre Kriegserfahrung belletristisch wiederzugeben und nicht als Autobiografie?


Phil Klay: Ein Vorteil war, dass ich vermeiden konnte, die Wahrheit durch Fakten zu zerstören. Ich sage mit meinem Buch nicht: So war der Krieg. Stattdessen habe ich zwölf sehr unterschiedliche Figuren erschaffen. Der Leser kann sich in ihre Köpfe hineindenken und verschiedene Erfahrungen nachempfinden, während man bei einem biografischen Text nur eine Person zur Verfügung hat.

Sie schildern teils grausame Szenen, die man als Zivilist sonst nicht erfahren würde. Was war Ihre Intention dabei?

Man will nie grotesk sein, nur um grotesk zu sein. Eine Geschichte beginnt mit einem Mann, der eine Lüge erzählt, eine grauenhafte Pointe. Wenn man groteske Dinge gesehen hat, verlassen diese einen nicht und man ist gezwungen, sich immer wieder mit ihnen auseinanderzusetzen. Die Beziehung, die der erste Erzähler zum Töten hat, ist anders als jene des letzten Erzählers. Der letzte sieht die Leichen nie, aber möchte es. Nicht aus Voyeurismus, aber weil er weiß, dass es um eine moralische Beziehung geht, die er haben sollte, aber die sehr abstrakt für ihn ist. Man zeigt diese Szenen nicht nur für den Effekt, sondern weil man die Dinge dahinter behandeln möchte.

Was steckt denn dahinter?

Ich habe einen Veteranen getroffen, der mir sagte, dass er keine Kriegsgeschichten erzählt, weil die Leute immer nur von den schlimmsten Dingen hören wollen, die ihm passiert sind, und nicht von den Freunden, die er gewonnen hat, den Kollegen, die er geliebt hat, den größten Ratten, die er in Baracken gesehen hat. Es war nicht immer alles schlecht und die Erfahrung ist vielschichtig. Heimzukehren ist Teil davon. Karl Marlantes schrieb einmal: Frag einen 20-jährigen Vietnam-Veteranen an der Tankstelle, wie es ist, Menschen zu töten. Seine wahrscheinlich wütende Antwort wird sein, dass er verdammt noch einmal gar nichts dabei gespürt hat. Frag ihn 40 Jahre später noch einmal, und die Antwort wird eine sehr andere sein. Wie sie sich unterscheidet, hängt auch von der Gesellschaft ab, in der er lebt.

Verliert die Bevölkerung westlicher Staaten wie der USA zunehmend das Bewusstsein, dass ihre Länder in kriegerische Handlungen verwickelt sind?

Die Art, in der wir heutzutage militärische Mittel einsetzen, ist sehr limitiert. In den USA und auch in den meisten anderen Staaten, die etwa in Afghanistan involviert sind, gibt es ein Berufsheer. Das bedeutet, dass nur ein Bruchteil der Bevölkerung tatsächlich persönlich betroffen ist. Unser Einsatz im Nahen Osten zieht sich unheimlich in die Länge und wenn wir beginnen, über Drohnen zu sprechen oder Spezialeinheiten, dann ist das eine noch kleinere Gruppe an Menschen, die damit zu tun hat. Es ist sehr leicht, einfach nicht über den Krieg nachzudenken. Die jetzige Situation hat viel verändert. Ich glaube, dass etwa der Durchschnittsösterreicher momentan sehr genau weiß, was im Nahen Osten passiert. Ein Weg für mich, über den Krieg zu sprechen, ist, das Werkzeug für nuancierte Gespräche darüber zu bieten, wie wir mit Macht umgehen. Eine Strategie, die geheim und abseits von öffentlicher Kontrolle und Kritik entwickelt kann nicht zu guten Resultaten führen. Ich bin kein Pazifist. Ich glaube, dass es definitiv einen Platz für den Einsatz von militärischen Mitteln gibt, aber wenn wir sie benutzen, dann müssen wir das mit offenen Augen und einer Menge Kontrollmechanismen tun und sicher sein, dass wir einen nachhaltigen Plan haben.

Wie hat Sie die Kritik am Irak-Krieg persönlich beeinflusst?

Ich bin 2005 eingerückt, da war schon ziemlich klar, dass die Bush-Regierung viele Dinge massiv vermasselt hatte. Ich dachte damals nicht, dass der Krieg ein Erfolg war, im Gegenteil. Donald Rumsfeld war ein katastrophaler Verteidigungsminister und im Irak herrschte ein Chaos mit enormen Verlusten. Und ja, ich weiß, dass es Dinge wie Folter gab, die ich absolut ablehne. Als Bürger habe ich die Pflicht, darüber zu sprechen. Aber das ändert nicht, wie ich über meinen eigenen Dienst denke. Man geht da rein und tut sein Bestes unter den gegebenen Umständen.

In einer Ihrer Geschichten erzählen Sie von Wirtschafts- und Sozialprojekten der Amerikaner im Irak, die auf Förderungsanträgen gut klingen, letztendlich aber zum Teil vollkommen sinnlos sind...

Diese Geschichte ist zwar eine der lustigeren, jedoch hat mich die Recherche dafür wahnsinnig wütend gemacht. Vieles was darin vorkommt, ist tatsächlich so passiert. Mittel wurden einfach verschwendet. Auch da braucht es viel mehr Kontrolle. Als wir in den Irak einmarschiert sind, haben wir nicht oder nur sehr marginal für den Frieden geplant. Es gab eine Menge bürokratischer Probleme, die weiter metastasiert sind, während wir versuchten, sie in den Griff zu kriegen. In Hinblick auf den Wiederaufbau eines Landes stimmt es wohl, dass viele Menschen, besessen von Radikalismus und ergriffen von Angst vor dem IS, denken: Wieso können wir sie dort nicht einfach rausbomben?

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-03-28 15:29:06
Letzte nderung am 2016-03-28 17:05:06



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