• vom 31.03.2016, 13:23 Uhr

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Schicksale eines Schicksallosen




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Von Edwin Baumgartner

  • Literaturnobelpreisträger Imre Kertész ist gestorben - der Holocaust steht im Zentrum seines Werks.



Budapest/Wien. Imre Kertész, der in Budapest geboren wurde, von seinem Wohnsitz Berlin nach Budapest zurückkehrte, jetzt in Budapest gestorben ist und stets in ungarischer Sprache geschrieben hat, empfand sich nicht als ungarischer Autor. Nicht in der Tradition der ungarischen Literatur positionierte er sich, sondern in der internationalen. Franz Kafka nannte er als Bezugspunkt und Paul Celan.

Gerade zum Lyriker Celan empfand der Prosaautor Kertész Verbindungslinien, vielleicht, weil Celan als einer der ersten Autoren wagte, die Konzentrationslager und die Verbrechen der Nationalsozialisten in einer nicht-dokumentarischen ästhetischen Form zu behandeln. "Einzig die ästhetische Einbildungskraft vermittelt eine relevante Vorstellung vom Holocaust" - das war das zentrale Bekenntnis des Imre Kertész.


Der Überlebende
Der Ermordung in der Schoah entgeht der am 9. November 1929 geborene Kertész nur knapp: Da er Jude ist, wird er 1944 in das KZ Buchenwald verschleppt. Er überlebt, macht den Schulabschluss, arbeitet als Journalist, bis die Kommunisten das Blatt übernehmen. Als Schriftsteller kann er jetzt auch nicht mehr unbehelligt arbeiten, die Kommunisten ziehen den Veröffentlichungen enge Grenzen. So schlägt er sich als Übersetzer von Nietzsche, Hofmannsthal, Schnitzler, Freud, Wittgenstein und Canetti durch.

1960 schreibt Kertész seinen ersten großen Roman: Der "Roman eines Schicksallosen" thematisiert den Holocaust. Er orientiert sich an der Kompositionstechnik Arnold Schönbergs und entwirft eine "atonale Sprache", mit einer der Handlung übergeordneten Struktur. Die Verlage winken ab. Erst 1975 wird das Buch gedruckt - und totgeschwiegen. Im Westen weiß man noch nichts von Kertész.

Erst mit der Wende 1989 setzt die Rezeption ein, und nun ist sie stürmisch. Kertész wird als einer der wesentlichen Autoren der Gegenwart erkannt, der "Roman eines Schicksallosen", durch "Fiasko", "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind" und "Liquidation" zur "Tetralogie der Schicksallosigkeit" angewachsen, als zentrales Werk der internationalen Literatur.

Kertész freilich hadert mittlerweile mit Ungarn. Er spürt, dass der Antisemitismus wieder im Wachsen ist. Das Sensorium des Künstlers warnt vor politischen Zuständen, in denen Unwohlsein vorprogrammiert ist. 2001 verlässt er seine Heimat und siedelt sich in Berlin an. Im Jahr darauf erhält er den Literatur-Nobelpreis.

Bereits 1992 begann Kertész mit dem "Galeerentagebuch" ein umfangreiches autobiografisches Werk, das zum Wesentlichsten seines Schaffens gehört. "Meine einzige Identität ist die des Schreibens", sagt Kertész in "Ich - ein anderer". Konsequent verweigert er sich jeder kollektiven Identität, auch der als Jude. Er will sich nicht zu einem Kompendium zusammenfassen lassen, als gehörten seine Kennzeichen zu einer "nicht allzu komplizierten Tierrasse": "Schon seit langem suche ich weder Heimat noch Identität. Ich bin anders als sie, anders als die anderen, anders als ich."

Eine Art Heimkehr
Jetzt verschlechtert sich seine Gesundheit. Er erhält die Diagnose Parkinson, muss allmählich aus physischen Gründen neue Schreibtechniken lernen.

2012 kehrt er mit seiner zweiten Frau Magda Ambrus-Sass, die er 1996 nach dem Tod seiner ersten Frau, Albina Vas, geheiratet hatte, nach Budapest zurück.

Der Literaturnobelpreisträger wird nun auch in seiner Heimat, in der er so lange so wenig gegolten hat, als bedeutender Autor empfangen. Spannender Moment im Jahr 2014: Viktor Orbán nominiert Kertész für den Sankt Stephans-Orden, die höchste Auszeichnung des ungarischen Staates. Wird Kertész annehmen? Gerade ihm müsste die Gefahr zu groß sein, sich von Orbán für dessen Populismus vereinnahmen zu lassen.

Doch Kertész akzeptiert. Er sieht den größeren Zusammenhang, nämlich die Notwendigkeit, in Ungarn einen Konsens herzustellen. Der Individualist Kertész, der sich außerhalb der ungarischen literarischen Tradition fühlt, als Symbol eines nationalen Schulterschlusses? Vielleicht ist es eine Geste der Sehnsucht. Vielleicht auch das Zugeständnis, eben doch auch für die Nation bedeutend zu sein.

Am Donnerstag ist Imre Kertész in Budapest gestorben.




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Dokument erstellt am 2016-03-31 13:29:05



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