• vom 02.04.2016, 10:30 Uhr

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Update: 02.04.2016, 11:17 Uhr

Literatur

Schriftsteller und Spion




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Von Michael Rohrwasser

  • Am 3. April 1991 starb Graham Greene, der Meister des politischen und zeitkritischen Romans.



Graham Greene in Antibes im Jahr 1982.

Graham Greene in Antibes im Jahr 1982.© Gerard Pilon/Sygma/Corbis Graham Greene in Antibes im Jahr 1982.© Gerard Pilon/Sygma/Corbis

In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg war Graham Greene einer der großen Autoren der Weltliteratur. Im deutschsprachigen Raum war er populär geworden durch die auflagenstarken rororo-Bände der frühen Fünfziger, aber weil er viele Verlage und viele Übersetzer hatte - nicht immer die besten -, war der Greene-Kult hier eher verhalten. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich der Zsolnay Verlag mit Neuübersetzungen der großen Romane Greenes verdient gemacht - heuer erschien der von Nikolaus Stingl kongenial neu übersetzte Kurzroman "Der dritte Mann".

In England galt der 1904 geborene Greene als einer der Größten, rangierte knapp hinter Charles Dickens, brachte es auf eine (von ihm nicht sehr geschätzte) Wortschöpfung, Greeneland, mit der er Einzug ins "Oxford English Dictionary" hielt. Er hatte einen Hofbiographen, Norman Sherry, und dazu noch einen Skandalbiographen, Michael Sheldon, der alle Gerüchte versammelt hat. Leider ist nur letzteres Buch ins Deutsche übertragen. Es sei eine Form von "literarischem Terrorismus", so urteilte Norman Sherry, was ja vielleicht verlockend klingt, aber: Sheldons Buch ist gehässig, und zudem schlampig geschrieben.





Einprägsame Titel

In den knapp 60 Jahren seiner schriftstellerischen Laufbahn hat Greene ein beeindruckendes Werk geschaffen, mit 29 Romanen und 10 Drehbüchern, einer Reihe von Reiseberichten, Erzählungen, Kinderbüchern und Essays; hinzu kommen einige autobiographische Versuche, in denen der Autor sich wenig schont. Greene war der Meister der einprägsamen Titel, von denen es viele in unser kollektives Gedächtnis geschafft haben: "The Power and the Glory" (1940, nach dem Krieg übersetzt von Veza Canetti, unter dem Titel "Die Kraft und die Herrlichkeit"), "Der stille Amerikaner" (1955), "Unser Mann in Havanna" (1958), "Die Stunde der Komödianten" (1966, übersetzt von Hilde Spiel) und "Der menschliche Faktor" (1978).

Information

Graham Greene

Der dritte Mann

Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Nachwort von Hanns Zischler. Zsolnay Verlag, Wien 2016, 160 Seiten, 19,50 Euro.

Siehe auch Artikel über das Wiener "Dritter Mann"-Museum in der "Wiener Zeitung".



Zur Erfolgsbilanz von Greene gehören auch zahlreiche Verfilmungen, und kein anderer Autor hat mehr Nominierungen für den Nobelpreis gesammelt (1961 war er immerhin auf den zweiten Platz gelangt). Aber für diese Auszeichnung war er letztlich zu populär und zu erfolgreich (wie Astrid Lindgren oder Georges Simenon).

Sein Bild hat sich im Lauf der Jahrzehnte gewandelt. Anfangs war er der Unterhaltungsschriftsteller, der mit dem Genre spielte und souverän die Perspektiven verschob (z.B. im "Orientexpress" von 1932); dann, nach seiner Konversion, galt er eine Zeitlang als katholischer Autor, aber schon da zeichnete sich ab, dass er es nicht auf ordentliche Helden abgesehen hatte - der Armenpriester in "Die Kraft und die Herrlichkeit" hat in die Dunkelheit geblickt und sich, wie viele der kommenden Helden Greenes, dem Whisky ergeben.

Auf einmal war Graham Greene einer der großen politischen Autoren des Jahrhunderts geworden, einer, der sich den Mächtigen verhasst machte - zum Beispiel François "Papa Doc" Duvalier, dem Diktator von Haiti, der sich in Greenes Romanen als Bluthund wiederfand. Aber auch die CIA hatte ihn seit "Der stille Amerikaner" im Visier.

Rückblickend betrachtet, bewies Greene ein erstaunliches Talent, seine Romane termingerecht in den (post-)kolonialen Krisengebieten anzusiedeln, wo sich am Rand der Vulkane charakterlose Opportunisten und zynische Geheimdienstbürokraten herumtrieben, kleine Ganoven, die unfreiwillig in die Rolle von Helden schlüpften, oder Feiglinge, die plötzlich Mut zeigten. So detailgenau die politischen Skizzen waren, so deutlich war doch, dass Greene mehr daran interessiert war, was diese Krisen und Vulkanausbrüche aus den Menschen machten: Wie wird man zum Verräter oder gar zum Mörder? Wie zerbricht oder verwandelt sich ein Glaube, und wie viel Whisky brauchen Weltschmerz und Schwermut? Fast immer galt Greenes Interesse den Erniedrigten, Einsamen und Gestrauchelten. Häufiger als in Grand Hotels trieben sich seine Helden in Bordellen und düsteren Absteigen herum, einem nicht nobelpreisfähigen Ambiente.

Greene war der Großneffe von Robert Louis Stevenson, über den er nach dem Krieg eine Biographie verfassen wollte, aber die Schriftsteller, die er am meisten verehrte, waren Henry James, E.M. Forster und Joseph Conrad.

Im Geheimdienst

Die CIA, die Greene bis an sein Lebensende observierte, verdächtigte ihn der kommunistischen Umtriebe. Tatsächlich war er ein paar Wochen lang Parteimitglied, weil er hoffte, sich damit eine Moskau-Reise organisieren zu können. Als dieser Plan sich zerschlug, trat er wieder aus, und einige Jahre später fand er das "ideale Reisebüro", den britischen Auslandsgeheimdienst, für den er in der Kriegszeit und vielleicht auch noch später (wie Sheldon insinuiert) auf Reisen war.

Greene hat betont, dass Spionage und Schreiben verwandt sind. Schon in seinem frühen Roman "Orientexpress" meldet eine englische Journalistin am Wiener Westbahnhof ihrer Redaktion: "Ein Romanschriftsteller ist so etwas wie ein Spion".




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-01 16:17:06
Letzte ─nderung am 2016-04-02 11:17:19



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