• vom 02.04.2016, 11:00 Uhr

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Update: 02.04.2016, 16:16 Uhr

Interview

"Wir finanzieren die Gewalt"




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Von Luitgard Koch

  • Bestseller-Krimiautor Don Winslow im Gespräch über Drogenkrieg und eine beschämende Präsidentenwahl.

Ist mit seinem Detektiv nun im Rotlichtmilieu gelandet: Don Winslow.

Ist mit seinem Detektiv nun im Rotlichtmilieu gelandet: Don Winslow.© Susie Knoll Ist mit seinem Detektiv nun im Rotlichtmilieu gelandet: Don Winslow.© Susie Knoll

Bevor der gebürtige New Yorker Don Winslow bekannt wurde, schlug sich der Meister der Krimipoesie als Safarileiter, Kinomanager und Privatdetektiv durchs Leben. In seinen Thrillern beleuchtet der 62-Jährige die Abgründe des amerikanischen Traums. Mit seinem neuen Roman "Germany" wendet sich der kalifornische Bestsellerautor einer weiteren Schattenwirtschaft zu: dem Sexgewerbe. Er lässt seinen Helden, den Ex-Polizisten Frank Decker, im Rotlichtmilieu zwischen München, Berlin und Hamburg ermitteln. Die "Wiener Zeitung" traf den sensiblen Meister der Hard-boiled-Schule auf seiner Lesereise.

"Wiener Zeitung": Sie waren früher Privatdetektiv. Haben Sie auch Vermisste aufgespürt wie Ihr neuer Serienheld Frank Decker?


Don Winslow: Am Anfang habe ich in New Yorker Kinos nach Taschendieben Ausschau gehalten. Später wurde ich auf vermisste Personen angesetzt - jedoch nichts Dramatisches, ich war ein kleiner Hund, dem man zurief: Such, fass! Ich musste während der Observierungen eine Menge Zeit totschlagen, wenn ich etwa in irgendeinem Motelzimmer saß. Ich habe damals jede Menge Krimis gelesen. Zuletzt habe ich in Kalifornien an Fällen von Versicherungsbetrug, Brandstiftung, Industriespionage oder Mord gearbeitet.

Hatten Sie eine Waffe?

Gelegentlich. Ich habe sie aber nie benutzt. Gott sei Dank. Einmal hat jemand auf mich gezielt, das war unheimlich.

Was haben Sie als Schriftsteller vom Privatdetektiv gelernt?

Heute besteht etwa 40 Prozent dessen, was ich mache, aus Recherche. Als Privatdetektiv sind es hundert Prozent. Ich lernte, Fragen zu stellen und widersprüchliche Aussagen einzuordnen, um die Wahrheit herauszufinden. Tausende Dokumente auszuwerten, sich unterschiedlicher Quellen zu bedienen, skeptisch gegenüber dem zu sein, was man zu hören und zu lesen bekommt, schließlich eine plausible Rekonstruktion des Tathergangs zu erstellen. Das beherrsche ich seit meiner Zeit als Privatdetektiv. Außerdem glaubt man nach einer gewissen Zeit, dass jeder jederzeit lügt.

Sie sind bekannt für Ihren knappen Stakkato Stil.

Es gibt einen Spruch aus der Kampfkunst: Wie schnitze ich einen Tiger? Antwort: Nimm einen Block Holz und schneide alles weg, was kein Tiger ist. Ich mag es sparsam und schlank. Ein, zwei Wörter, die davon umgeben sind, wie auf einem Gemälde. Das klingt jetzt verrückt, aber ich trete manchmal im wörtlichen Sinn zurück, damit ich die Form der Sätze auf der Seite sehen kann. Sieht es nach dem aus, was ich beabsichtige? Wenn ich zum Beispiel in einer Action-Szene den Leser fesseln will, sollte es dicht aussehen. Sonst muss ich es umarbeiten.

Sie sind ein Meister überraschender, unerwarteter Wendungen. Planen Sie das bereits, wenn Sie mit dem Schreiben beginnen?

Nein, das ergibt sich. Ich bin oft selbst erstaunt. Es ist eher wie beim Jazz. Du improvisierst, um dann wieder zur Melodie zurückzufinden. Das habe ich begriffen, als ich mich an den Jazz-Saxophonisten Sonny Stitt, der ähnlich wie Charlie Parker klang, erinnerte. Und zwar wie er "Everything Happens to Me", ein Standardstück, interpretierte. Man weiß, auf welchen Akkorden das Stück enden muss. Doch dazwischen ist alles möglich. Was Musik betrifft, bin ich ziemlich vielseitig. Einerseits bin ich ein großer Springsteen- und Jackson-Browne-Fan, andererseits höre ich Jazz aus den 50ern.

Haben Sie je so wie Hemingway gedacht, Sie müssten bestimmte Erfahrungen machen, um darüber schreiben zu können?

Als Jugendlicher habe ich natürlich Hemingway gelesen. Der Koch auf meinen ersten Safaris war als kleiner Junge bei den Safaris dabei, von denen Hemingway in "Die grünen Hügel Afrikas" schreibt. Ein Mann namens Katoja, der zwei Worte Englisch sprach: Jonny Walker!

Ex-Privatdetektiv Frank Decker landet auf der Suche nach einer vermissten Frau in deutschen Bordellen. Gehen Frauenhandel und Drogengeschäfte Hand in Hand?

Die Sex-Mafia ist auf dem Vormarsch. Je mehr Menschen auf der Flucht sind, sei es vor Krieg oder vor Armut, desto leichter kann der Einzelne zum Opfer moderner Sklaverei werden. Gerade Frauen, die kein soziales Umfeld haben, das sie schützt, können zur Prostitution gezwungen werden. Wenn man ein Kilo Drogen verkauft, ist es weg. Frauen sind hingegen, zynisch gesprochen, eine erneuerbare Ressource. In diesem Geschäft steckt viel Gewalt.

Ihre Mammutwerke "Tage der Toten" und "Das Kartell" wirken wie ein Schwarzbuch über 40 Jahre mexikanischen Drogenkrieg. Sind Sie für eine Legalisierung?

Unbedingt. Das ist die einzige Antwort. Amerika führt den sogenannten "Krieg gegen Drogen" nun seit 40 Jahren und hat damit alles nur schlimmer gemacht. Die südamerikanischen und mexikanischen Kartelle wurden dadurch erst erschaffen. Milliarden von Dollars wurden ausgegeben. Damit leistete man den mexikanischen Kartellen Starthilfe, ohne dass sich der Konsum verringert hätte. Außerdem benutzten die CIA und das National Security Council der USA die mexikanischen Drogen-Kartelle Mitte der Achtzigerjahre, um die Contras in Nicaragua zu finanzieren. Durch die Legalisierung entzieht man dem Drogenhandel jedoch die Grundlage und hat die Kontrolle. Legalisierung ist der ultimative Alptraum der Kartelle. Wir sprechen immer vom mexikanischen Drogenproblem - das ist falsch: Es handelt sich um ein amerikanisches. Wir finanzieren die Gewalt. Ich möchte wirklich nicht mit dem Finger Richtung Süden zeigen und Mexiko anprangern. Der Süden hätte allen Grund, auf uns zu zeigen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-01 16:41:05
Letzte ─nderung am 2016-04-02 16:16:10



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