• vom 15.04.2016, 23:31 Uhr

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Update: 16.04.2016, 00:08 Uhr

Sachbuchkritik

Jiddische Beziehungen




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Von Edwin Baumgartner

  • Christoph Gutknecht untersucht die jiddischen Wörter der deutschen Alltagssprache.

"So ein Schlamassel. Zoff mit dem Chef und der Ehefrau am gleichen Tag. Ich weiß ja, dass er ein Gannef ist und dass sie jeden Tinnef kauft. Typisch, wer aus einer so betuchten Mischpoche kommt, allein der Herr Papa, dieser Großkotz... No, und der Herr Chef, der sitzt auf seinem Mammon und ist schofel, wie man nur schofel sein kann. Da hab’ ich keine Chance."

Merkwürdige Mischpoche: Der eine ständig pleite, der andere betucht und schofel - falls man die Oberhäupter der Familie Duck mit jiddischen Wörtern charakterisieren will.

Merkwürdige Mischpoche: Der eine ständig pleite, der andere betucht und schofel - falls man die Oberhäupter der Familie Duck mit jiddischen Wörtern charakterisieren will.© apa/Ehapa comic collection/GI Merkwürdige Mischpoche: Der eine ständig pleite, der andere betucht und schofel - falls man die Oberhäupter der Familie Duck mit jiddischen Wörtern charakterisieren will.© apa/Ehapa comic collection/GI

So sehr einem dieses Geseire, das man mit "Jammern" nur dann wiedergeben mag, wenn einem das treffendere Wort fehlt, auf den Geist gehen mag: Der gute Mann spricht Jiddisch. Schlamassel, Zoff, Gannef, Tinnef, betucht, Mischpoche, Großkotz, Mammon, schofel - sechs Sätze, neun Wörter aus dem Jiddischen. Der Mann braucht deshalb kein Jude zu sein. Denn die jiddische Sprache ist zwar, auch bei Juden, stark zurückgedrängt, aber einzelne Wörter haben in den deutschen Sprachgebrauch Eingang gefunden. Man verwendet sie, ohne auch nur zu ahnen, woher sie stammen. Diesen deutsch-jiddischen Wortbeziehungen spürt Christoph Gutknecht in seinem lesenswerten Buch "Gauner Großkotz, kesse Lola" nach.

Akribisch ausgeforscht

Nun gut, zugegeben, die Eingangstirade ist ein Konstrukt, um möglichst viele jiddische Wörter aus dem Alltagsgebrauch unterzubringen. Aber wer hat sich Wörter wie "pleite", "Tinnef" oder "Mammon" noch nie bedient? Und die Bezeichnung "Schmock" trifft auf einen Schmock besser zu als jede andere, aus der hervorginge, dass es sich um einen eitlen, gefallsüchtigen, irgendwie unguten, dabei aber doch gewandten Gesellschaftstiger handelt. Ein Schmock ist ein Schmock ist ein Schmock.

Gutknecht, 1939 in Hamburg geboren, war Professor für Anglistik und Amerikanistik an der Universität seiner Heimatstadt. Heute arbeitet er als Synchronsprecher, macht Radioserien über Sprache und schreibt unter anderem für die "Jüdische Allgemeine" und den "Schweizer Monat". Den wissenschaftlichen Hintergrund merkt man dem Autor auch in diesem eigentlich durch und durch launigen und gut zu lesenden Buch an: 54 eng bedruckte Seiten machen die Anmerkungen und die Bibliographie aus, die ihrerseits Fundgruben sind.

Vor allem sind da aber die Wortgeschichten selbst. Dann entdeckt man, dass lieb gewordene Wörter, meist jene, in denen schon im Sprachklang viel von ihrem Inhalt steckt, aus dem Jiddischen kommen. Beim "Schnorrer" klingt das Ärmliche mit, in "schofel" das Miese, und das "Zores" etwas Unangenehmes sind, merkt man selbst, wenn man das Wort nicht etymologisch ableiten kann. Zugleich verwurzeln diese Wörter das heutige Deutsch tief in der Sprachgeschichte. Bis zurück ins Mittelalter gehen die Ursprünge des Jiddischen. Welch eine Lebenskraft!

Information

Gauner, Großkotz, kesse Lola
Deutsch-Jiddische Wortgeschichten von Christoph Gutknecht
 edition q im be.bra verlag, 256 Seiten, 14 Euro





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-15 16:26:06
Letzte ─nderung am 2016-04-16 00:08:06



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