• vom 24.04.2016, 13:00 Uhr

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Literatur

Im Mahlstrom des Erzählens




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Von Oliver vom Hove

  • William Faulkners Meisterwerk "Absalom, Absalom!" ist erstmals in einer adäquaten deutschen Übersetzung erschienen.



William Faulkner, der passionierte Reiter...

William Faulkner, der passionierte Reiter...© Bettman/Corbis William Faulkner, der passionierte Reiter...© Bettman/Corbis

Achtundzwanzig Jahre alt war William Faulkner, als er daranging, wie ein literarischer Landvermesser seinen Erzähl-Claim abzustecken. Sherwood Anderson, der große alte Mann der amerikanischen Literatur-Moderne, hatte ihm den Rat gegeben, den "kleinen Flecken da oben in Missis-
sippi, wo du herkommst", zu einer epischen Region umzuformen. Der "kleine Flecken", Faulkners Heimatort Oxford, wurde in seinem Romanwerk fortan zur Kreisstadt Jefferson - und das ganze umliegende nördliche Mississippi-Delta zum Erzählland Yoknapatawpha County.

Hier siedelte der "Homer der Baumwollfelder" seine mit den Erzählmitteln der Familiensaga, der Kriminalgeschichte, der aus antiken Mythen umgeformten Schicksalstragödie entworfenen, verwobenen und auseinanderlaufenden Provinzgeschichten an. Seine imaginierte ländliche Historie enthält gleichsam in Briefmarkenform den globalen historischen und gesellschaftlichen Konflikt von Faulkners Zeitalter: die endgültige Überwältigung der Naturalwirtschaft durch die aggressive, rücksichtslos alle natürlichen Lebensgrundlagen vernichtende Geldwirtschaft.



Entwurzelung

In diesem Mikrokosmos einer Provinz, die Amerika repräsentiert, vollzieht sich unter dem Zugriff des Materialismus gleichsam wie bei angehaltenen Uhren die Auslöschung der individualistischen Struktur einer Gesellschaftsordnung, ihres Zeit- und Kulturbegriffs.

Die Figuren in Faulkners Yoknapatawpha County sind allesamt Entwurzelte, bindungslos Gemachte: Schwankend zwischen der als inhuman entlarvten Tradition der alten patriarchalischen Farmer-Aristokratie und einer vom Raubbau beherrschten, raffgierigen Verschleißideologie, entlädt sich ihre innere Ziellosigkeit in Aggression.

Information

William Faulkner: "Absalom, Absalom!". Roman. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2015, 478 Seiten, 25,70 Euro.

Diese schweifende Gewalttätigkeit findet ihre Opfer in direkter Konfrontation, in Mord, Vergewaltigung, Rassenhetze, Lynchjustiz - oder sie implodiert als selbstzerstörerische Kraft, die den einzelnen, aber auch ganze Familien-Clans ins Verderben stürzt.

Faulkner selbst war zeitlebens vergeblich auf der Flucht vor dieser implodierenden Aggression - in den Alkohol, in Macho-Allüren, in die Einsamkeit. Er tischte unglaubliche Lügengeschichten auf, um dem vom amerikanischen Mythos geforderten Haudegen-Mut Tribut zollen zu können. Als Sportflieger und Querfeldein-Reiter setzte sich der schmächtige Mann jedem Risiko aus.

Doch seine Kraftmeierei wie seine Trunksucht kamen, so paradox das anmutet, seinem schriftstellerischen Programm zugute: Sie beschleunigten, indem sie das Vergessen der Wirklichkeit vorbereiteten, die Suche nach Verankerung der wahren Existenz im Fiktiven, fachten Faulkners immer manischer werdende Schreibsucht an.

Freilich meinte der Autor, der in seiner Nobelpreisrede 1950 sein künstlerisches Credo einer bedingungslosen Wahrheitssuche auf die gesamte menschliche Existenz bezogen hatte, vorzugsweise die Wahrheit über das schriftstellerische Dasein, über die Täuschungsmittel der Kunst.

Die feinen Verbindungslinien, die zwischen der Biographie des Autors und jedem Stück von Faulkners Prosa zu finden sind, umgrenzen gleichsam einen neuen Wirklichkeitsraum des Rollenspiels, in dem die Figuren des Erzählers - hin- und hergerissen zwischen ihren frei schwebenden Gedanken und einer unbeherrschbaren Triebwelt - einer existenziellen Maskerade verfallen sind, die tragisch grundiert ist. Zwischen Mythos und tatsächlicher Lebenswelt agieren sie wie Schlafwandler - sie zu wecken, würde bedeuten, sie der verzehrenden Macht der Erinnerung zu überantworten.

Erinnerungsflucht als Triebkraft des Schreibens, als Widerstandsmittel - das ist immerhin eine biographische Perspektive, aus der eine zusammenfassende Sicht auf Faulkners literarische Gestalt erkenntnis- und überraschungsreich sein kann.

Aufsteigergeschichten

Eine Hochzeit unter Wurfgeschoßen und Unmutsrufen: so lässt der Autor im Roman "Absalom, Absalom!" seine weitgespannte Familiengeschichte des Aufsteigers Thomas Sutpen beginnen. Aus einer zwielichtigen Vergangenheit taucht dieser Haudegen Sutpen eines Tages unvermittelt in dem Städtchen Jefferson, Mississippi, auf, mit nichts als zwei Colts und einem Silberdollar, um sich in Windeseile sesshaft zu machen, ein Herrenhaus zu bauen und anschließend ohne viel Federlesens, zum Missfallen vieler, die junge, aus einer alteingesessenen Familie stammende Kaufmannstochter Ellen Coldfield zu ehelichen. Umgeben ist er von einer Gruppe schwarzer Sklaven, die er wie eine Leibgarde hält und mit denen er nachts blutige Zweikämpfe ausficht.

Sein Leumund in der Umgebung ist aus Achtung und Furcht gemischt: "Wenn die Gelegenheit besteht und es sein muss, kann und wird dieser Mann alles tun", heißt es bald. Sutpen selbst schert sich wenig um seine Reputation. Die Freunde und Zechkumpane, die er um sich schart, bringt er selber von weither mit. Im Übrigen kniet er sich tief hinein in sein um sich greifendes Erwerbsleben.

Der aus Schläue und Rücksichtslosigkeit geformte Erfolg Sutpens macht Neider wie Spötter in Jefferson und darüber hinaus mundtot. "Er war mittlerweile der größte Landbesitzer und Baumwollpflanzer im County - ein Status, den er der gleichen Taktik verdankte, mit der er auch sein Haus gebaut hatte - der gleichen unermüdlichen, zielstrebigen Anstrengung und völligen Gleichgültigkeit gegenüber dem, wie die Stadt seine Handlungen, soweit sie sichtbar waren, beurteilen mochte und wie ihr die bloß geahnten, die sie nicht sehen konnte, erscheinen mussten."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-21 22:23:15
Letzte nderung am 2016-04-22 16:38:50



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