• vom 30.04.2016, 12:00 Uhr

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Literaturgeschichte

Eine Oper im Geiste




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Von Otto A. Böhmer

  • Dichter, Komponist, Zeichner und Kammergerichtsrat: E. T. A. Hoffmann und sein "entzweites Ich".

- © ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com (nachkoloriert)

© ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com (nachkoloriert)

Manchmal hat ein Dichter nicht nur Talent zum Dichten, sondern er ist auch noch begabt in anderen Disziplinen; dann hat er womöglich ein Problem: Er kann sich nicht recht entscheiden, welchen von seinen Begabungen er nachgehen will, und darüber kann man schon trübsinnig werden oder gar verzweifeln.

E. T. A. Hoffmann war ein solches Mehrfachtalent; er studierte die Rechtswissenschaften, war Musiker und Zeichner und wurde schließlich als Dichter bekannt, der seinen Lesern alles Mögliche zumutete, nur keine einfachen Wahrheiten. Der Mensch ist ein mehrfach gebrochenes und begabtes Wesen, erfährt der Leser aus Hoffmanns Erzählungen (die sich schließlich sogar zum Titel einer vielgespielten Oper summieren); nie lässt er sich auf eine Eigenart, einen Charakter reduzieren, er hat eine Tag- und eine Nachtseite und viele Gesichter.

Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, der 1809 seinen dritten Vornamen Wilhelm, Mozart zu Ehren, durch Amadeus ersetzt, ehe dann, der künstlerischen Einprägsamkeit wegen, das Kürzel
E. T. A. zur Anwendung kommt, wächst - 1776 in Königsberg geboren - in nicht ganz unkomplizierten Verhältnissen auf.

Der Vater ist von Haus aus Jurist, wäre aber lieber Musiker geworden, die Mutter neigt zu Depressionen. Die Ehe der Eltern wird früh geschieden; ein penibler Onkel, ebenfalls Jurist, tritt an die Stelle des Vaters. Am besten versteht sich das Kind Ernst Theodor mit der jüngsten Tante Charlotte, die zur Laute singt und ihn zum Träumen bringt.

Lust und Wehmut

Hoffmann hat sie später als "Tante Füßchen" in seiner Erzählung "Lebensansichten des Katers Murr" verewigt. "Manchmal geschah es, dass die Schwester eine Arie sang. Ach, wie freute ich mich immer darauf! Ich liebte sie sehr; sie gab sich viel mit mir ab und sang mir oft mit ihrer schönen Stimme, die so recht in mein Innerstes drang, eine Menge herrlicher Lieder vor, die ich so in Sinn und Gedanken trage, dass ich sie noch leise für mich zu singen vermag. [. . .] Schon wenn sie die Einleitung spielten und meine Tante noch nicht angefangen zu singen, klopfte mir das Herz, und ein ganz wunderbares Gefühl von Lust und Wehmut durchdrang mich, so dass ich mich kaum zu fassen wusste."

Er glich "einem gespenstischen Wesen": So beschrieb Schriftstellerin Helmina von Chézy ihren Kollegen E. T. A. Hoffmann, hier dargestellt von Hugo Steiner, 1923.

Er glich "einem gespenstischen Wesen": So beschrieb Schriftstellerin Helmina von Chézy ihren Kollegen E. T. A. Hoffmann, hier dargestellt von Hugo Steiner, 1923.© Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk.com (nachkoloriert) Er glich "einem gespenstischen Wesen": So beschrieb Schriftstellerin Helmina von Chézy ihren Kollegen E. T. A. Hoffmann, hier dargestellt von Hugo Steiner, 1923.© Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk.com (nachkoloriert)

Auch die zeitlos schöne Welt der Musik ist jedoch nicht unangreifbar, sie zerbricht, wenn ein Ereignis eintritt, das für Kinder um so unbegreiflicher anmutet, je mehr sich die Erwachsenen um Haltung bemühen. Als die Tante erst krank wird und dann stirbt, ist nichts mehr so, wie es war:

Information

Otto A. Böhmer, geboren 1949, lebt als Schriftsteller in der Nähe von Frankfurt am Main.

"Ich weinte, ich schrie, ich wollte zu Tante Füßchen. Sowie ich in jenes Zimmer gekommen, trippelte ich hin an das Bett, in dem Tante Füßchen gelegen, und zog die Gardinen auseinander. Das Bett war leer, und eine Person, die nun wieder eine Tante von mir war, sagte, indem ihr die Tränen aus den Augen stürzten: ‚Du findest sie nicht mehr, sie ist gestorben und liegt unter der Erde.’ Ich weiß wohl, dass ich den Sinn solcher Worte nicht verstehen konnte, aber noch jetzt, jenes Augenblicks gedenkend, erbebe ich in dem namenlosen Gefühl, das mich damals erfasste. Der Tod selbst presste mich hinein in seinen Eispanzer, seine Schauer drangen in mein Innerstes, und vor ihnen erstarrte alle Lust der ersten Knabenjahre."

Neben der Musik sind es Bücher, die inspirierend auf den jungen Hoffmann wirken. Dabei kommt seinem Ersatzvater, dem bereits erwähnten Onkel, der seine Familie mit krausen Lebensregularien und Diätvorschriften traktiert, eine tragende Rolle zu; er sorgt dafür, dass die frühen Lektüreerfahrungen seines Neffen schließlich zur schlagenden Einsicht werden.

Vorbild Rousseau

"Der Oheim hatte eine ziemlich starke Bibliothek, in der ich nach Gefallen stöbern und lesen durfte, was ich wollte; mir fielen Rousseaus Bekenntnisse in der deutschen Übersetzung in die Hände. Ich verschlang das Buch [. . .] Gleich elektrischen Schlägen traf mich nämlich die Erzählung, wie der Knabe Rousseau, von dem mächtigen Geist seiner inneren Musik getrieben, sonst aber ohne alle Kenntnis der Harmonik des Kontrapunktes, [. . .] sich entschließt, eine Oper zu komponieren, wie er die Vorhänge des Zimmers herablässt, wie er sich aufs Bett wirft, um sich ganz der Inspiration seiner Einbildungskraft hinzugeben, wie ihm nun sein Werk aufgeht, gleich einem herrlichen Traum!"

Der Knabe Hoffmann beschließt, es dem Knaben Rousseau gleichzutun: "Ich kam dahin, es meinem Vorbilde nachmachen zu wollen. Als nämlich an einem stürmischen Herbstabend der Oheim wider seine Gewohnheit das Haus verlassen, ließ ich sofort die Vorhänge herab und warf mich auf des Oheims Bett, um, wie Rousseau, eine Oper im Geiste zu empfangen. So vortrefflich aber die Anstalten waren, so sehr ich mich abmühte, den dichterischen Geist heranzulocken, doch blieb er in störrischem Eigensinn davon."

Der dichterische Geist will sich nicht einstellen, dafür gehen Hoffmann diverse Melodien durch den Kopf, die allesamt in einem einfältigen Refrain enden, der nicht werkfördernd, sondern einschläfernd ist. "Mich weckten laute Stimmen, indem ein unerträglicher Geruch mir in die Nase fuhr und den Atem versetzte! Das ganze Zimmer war von dickem Rauch erfüllt, und in dem Gewölk stand der Oheim und trat die Reste der flammenden Gardine, die den Kleiderschrank verbarg, nieder. Der Rauch zog langsam durch die Fenster. ‚Wo ist nur der Unglücksvogel?’ fragte der Oheim, indem er im Zimmer umherleuchtete. Ich wusste wohl, welchen Vogel er meinte, und blieb mäuschenstill im Bette, bis der Oheim herantrat und mit einem zornigen: ‚Will er wohl gleich heraus!’ auf die Beine half."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-29 13:17:07
Letzte ─nderung am 2016-04-29 14:20:27



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