• vom 01.05.2016, 14:00 Uhr

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Literaturgeschichte

Riesen-Appetit auf die Welt




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Von Oliver vom Hove

  • Das grandiose Werk "Gargantua und Pantagruel" von Rabelais erzählt von grotesken Giganten in einer dämonischen Umgebung. Jetzt ist der französische Renaissance-Roman neu übersetzt worden.

Lachen heilt. Das wussten sie schon im Mittelalter. Und wenn ein umfassend gelehrter Autor auch noch Arzt war, wusste er es umso besser. Aber nicht zur Stärkung seiner Heilmittel ließ der Mediziner François Rabelais seine übermächtige Erzählphantasie schweifen, sondern spürbar zum eigenen Vergnügen. Um einen heiteren Sieg über die finsteren Ansichten einer von Bosheit, List und Betrug erfüllten Welt zu feiern.

Eine der klassischen Illustrationen von Gustave Doré zu "Gargantua und Pantagruel".

Eine der klassischen Illustrationen von Gustave Doré zu "Gargantua und Pantagruel".© Stefano Bianchetti/Corbis Eine der klassischen Illustrationen von Gustave Doré zu "Gargantua und Pantagruel".© Stefano Bianchetti/Corbis

Lachen vertreibt die Angst. Mit der wurde zu Rabelais’ Zeit, am Beginn der Renaissance, viel Macht begründet: Macht der Kirche durch die Angst vor Tod und sündigem Verderben. Macht der Feudalherren über Untertanen, die mit vielerlei Schrecknissen niedergehalten wurden. Macht der vom Geist Luthers und Calvins wachgerüttelten Glaubenskämpfer um Einfluss, Proselyten, Seelenheil. Und Macht der weltlichen Herrscher in fortwährenden Kriegen um nationale Größe, Reichtum, Landgewinn.

Zu Rabelais’ Zeiten begannen religiös fanatisierte Mörderbanden aus dem Nahen Osten, das Land zu durchpflügen und mit Gräueltaten Angst und Schrecken zu verbreiten. Die Gegenwehr des Erzählers war die Umwandlung der Furcht in unbändige dichterische Freiheit und Erfindungsgabe. Er führt sie auf alle Weideflächen der Vorstellungskraft: auf die der Wirklichkeitsnähe ebenso wie jene der Überlieferung von Philosophie, Naturwissenschaft, Volksdichtung.

Wortmächtige Parodie

"Die schrecklichen und furchterregenden Abenteuer und Heldentaten des hochberühmten Panta-gruel, König der Dipsoden, Sohn des großen Riesen Gargantua" hieß 1532 der erste Band über Pantagruel, dem zwei Jahre später der nächste über den Vater Gargantua folgte. Im Lauf der Jahre erweiterte Rabelais "Gargantua und Pantagruel", seine wortmächtige Parodie auf die Artussage und die Ritterromane, auf einen fünfbändigen Romanzyklus; der letzte Band erschien posthum 1564.

Lachen ist das Attest des Humanen. So ist dieser Erzähler denn auch in geräumigem Ausmaß ein Herold des neu aufbrechenden Humanismus. Sein Vertrauen in die neu entdeckte Souveränität des Individuums, in eine Harmonie von Natur und menschlicher Vernunft ist grundlegend für seine lebensbejahende Heiterkeit. Rabelais’ Satire fällt ihr grimmiges Urteil stets über naturwidrige Umstände, die der friedfertigen Entfaltung des Humanums entgegenstehen.

So stark gewürzt ist nie zuvor erzählt worden. Ein Wildbach aus Eloquenz und Einfallsreichtum ergießt sich über den Leser. Der Quell von deftigem Humor und ergötzlicher Scharlatanerie versiegt nie, und die dem Volk vom Mund abgelesene Schlauheit, der Fürwitz und die Schlitzohrigkeit eines mit allen klaren wie trüben Wassern von Gelehrsamkeit und Alltagsweisheit gewaschenen Erzählers fließt unerschöpflich über.

Es kommen wilde Geschichten darin vor. Verrückte Einsiedler und verruchte Pfaffen, heimtückische Wilddiebe und zerlumpte Vaganten, käufliche Richter und ehrsinnige Gelehrte, bei deren scholastischen Haarspaltereien sich die hohen Herren der Universität Sorbonne zu Recht verspottet fühlen durften. Vor allem gibt es: Riesen. Eine ganze Familie samt Entourage macht sich in den Geschichten breit.

Riesen in der Literatur, vorzüglich in der Volksdichtung, hat es seit jeher gegeben. Ihre titanischen Umtriebe haben die Fantasie der Erzähler immer wieder entzündet: von Homer über Swift bis zu Pirandello und Tolkien.

Rabelais hat sich eine alte keltische Riesen-Sage zueigen gemacht. Was seine Giganten auszeichnet, ist das elementar Vitale. Damit gehen sie ebenso großmächtig wie friedfertig um. Selbst als sie in einen Verteidigungskrieg gezwungen werden, behandeln sie als Sieger ihre Gegner human.

Übermächtig sind Rabelais’ Riesen in ihrem Welt-Appetit: lauter energische Naturen, aber in der Liebe, in ihren erotischen (Zu-)Neigungen blass. Weibliche Hingabe ist ohnehin nirgends vorgesehen, geschweige denn: Liebe. Stattdessen: Spottlust über die Ehescheuen.

Von dem Leitspruch des Augustinus, "Liebe - und tu was du willst", übernahm Rabelais nur den zweiten Teil und ließ die Liebe weg. Wie überhaupt eine gewisse Misogynie spürbar wird. Panurge, den liederlichen Freund Pantagruels, treibt der Wunsch nach Heirat um, doch seine unaufhörlichen Bedenken, das Hin- und Herwälzen von Für und Wider, vereiteln alles.

Ein Fest des Lebens

Der Roman zelebriert mit allen Ingredienzien der Genusssucht und der entgrenzten Völlerei ein Fest des Lebens. Rabelais zieht die platonischen Gedanken- und metaphysischen Höhenflüge der antiken wie der mittelalterlichen Überlieferung aus den schwindelnden Himmeln der Abstrak-
tion kraftvoll auf die irdische Ebene somatischer Erfahrung herab und braut aus dem Widerspiel von Körper und Geist eine ebenso sinnreiche wie bekömmliche Leibspeise der Erzählkunst.

Das Aroma seiner Literatur enthält alle Geschmäcker und Gerüche des tätigen Lebens, auch die der tierischen und menschlichen Ausscheidungen, der Gedärme, Ställe, Latrinen und Kloaken. "Ich hasse das Wort Eingeweide", schrieb Swift. Bei Rabelais ist es genau umgekehrt: ihn treibt eine anarchische Lust am fäkalischen Humor. Berüchtigt ist die Szene in Gargantua, wie der fressende und saufende Titelheld von der Kathedrale Notre-Dame auf Paris herab uriniert und 260.418 Einwohner auf der Stelle zugrundegehen, Frauen und Kinder gar nicht mitgerechnet.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-29 13:20:06
Letzte ─nderung am 2016-04-29 16:40:18



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