• vom 05.05.2016, 18:08 Uhr

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Update: 05.05.2016, 18:46 Uhr

Verschwörungen

Mythen vom Moloch




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Von Edwin Baumgartner

  • Der US-Geheimdienst CIA steht für Verschwörungen - manche davon sind sogar real.

WZ/Irma Tulek

WZ/Irma Tulek

Die Straßenbeleuchtung spiegelt sich im regennassen Pflaster. Professor Kveč drückt sich in den Durchlass zwischen den Häusern. Unter seinem Mantel verbirgt er eine Mappe mit Geheimpapieren. Von hinten tritt eine Gestalt an ihn heran, mehr Schatten als Körper. "Mister Johnson?", fragt Professor Kveč unsicher. "CIA", erwidert der Mann. "Kommen Sie mit." Kveč ergibt sich in sein Schicksal.

Und wir uns in das des Lesers von Spionageromanen und Thrillern. Die drei magischen Buchstaben sind ausgesprochen: CIA. Jetzt heißt‘s Verrat, Spionage, Gegenspionage, Zudecken von Geheimnissen, Aufdecken von Geheimnissen. Kann so natürlich auch in Film und Fernsehserie geschehen.

Wenige Institutionen strahlen allein durch ihr Kürzel diese Magie aus, allenfalls das FBI und das sowjetische Gegenstück zur CIA, der KGB. Der aber steht irgendwie für Brutalität, für Liquidation des politischen Gegners, weniger für Verschwörungstheorie.

Doch gerade im Fall der CIA scheint viel Realität dabei zu sein. So deckt Alfred W. McCoy in seinem Buch "Die CIA und das Heroin" auf, in welchem Ausmaß der US-Geheimdienst in den weltweiten Drogenhandel verstrickt ist, den er zugleich bekämpft. Das klingt wohl krude. Doch ein Blick in die Annalen der CIA stimmt nachdenklich.

Die Central Intelligence Agency wurde durch die Verabschiedung des National Security am 18. September 1947 gegründet. Ihr erster Chef war Admiral Roscoe H. Hillenkoetter, ihr derzeitiger Leiter ist John O. Brennan. 21.575 Personen sind laut Washington Post Mitarbeiter. Die tatsächliche Zahl unterliegt der Geheimhaltung. 14,8 Milliarden US-Dollar soll laut "Stern" ihr Haushaltsbudget sein. Die tatsächliche Höhe unterliegt der Geheimhaltung.

Mythos und Munkelei

So fängt ein Mythos an - und die Munkelei.

Aufgabe der CIA ist die Beschaffung von Informationen durch menschliche Quellen. Geduld, Dein Name ist Papier.

Zwar hat die CIA auch Informationen beschafft. Doch sie hat ganz klar an Verschwörungen und zweifelhafte Aktionen mitgewirkt. Ihre verdeckten Operationen in Laos, Kambodscha und Vietnam beinhalteten Morde. Wenn in Lateinamerika ein rechter Militarist gegen eine demokratisch gewählte linke Regierung putschte, war die CIA beteiligt. Ob sie, eigentlich eine harmlose Kleinigkeit im Vergleich, gegen die kommunistische Partei Italiens agierte oder US-amerikanische Bürgerrechtsbewegungen bespitzelte oder, schon ein anderes Kaliber, die Regierung Salvador Allendes in Chile destabilisierte und dem demokratisch gesinnten General René Schneider erfolgreich ein Killer-Kommando an den Hals hetzte, ob sie beim Sturz des iranischen Premierministers Mohammad Mossadegh die Fäden zog oder antisowjetische Mudschaheddin in Afghanistan mit Know-how und Waffen ausstattete: Der Geheimdienstkrake CIA streckte seine Fangarme ebenso danach aus, wie er sie in der Schweinebucht-Operation drin hatte, mit der dem kubanischen Diktator Fidel Castro ein Ende bereitet werden sollte. Die CIA heute: Vorwürfe, Ergebnisse mit Folter zu erzielen, Einsatz von Drohnen, Ignorieren von Recht und Gesetz. Menschenrechte werden klein geschrieben. Das sind Fakten.

Nicht alle Verschwörung ist Theorie.

Damit zurück zur CIA und ihrer von McCoy behaupteten Verstrickung in den Rauschgifthandel. Der Autor ist kein abgehobener Spinner. Im Gegenteil: Er lehrt südostasiatische Geschichte an der Universität von Wisconsin in Madison. 1972 löste er mit "The Politics of Heroin in Southeast Asia" einen Skandal aus. Widerlegt wurde das Buch bis jetzt freilich nicht. Heute gilt es als Klassiker - auf dem Sachbuch-, nicht auf dem Verschwörungstheorie-Sektor.

Die CIA, so McCoys Vorwurf, nützt Rauschgiftgeschäfte, um wirtschaftliche Abhängigkeiten zu schaffen. Geld aus dem Drogenschmuggel wird in politische Aktionen gepumpt. Der Kampf gegen den Kommunismus rechtfertigt jeden Bruch jeden moralischen Grundsatzes. Nicht einmal das Ende des Kalten Krieges stoppt den Drogenhandel der Bundesbehörde. An die Stelle des Kommunismus treten lediglich andere Bedrohungen. Notfalls kann die CIA sie in Eigenregie aufbauen. Die Welt braucht Heroin. Die CIA weckt den Bedarf und stillt ihn. Oder bekämpft ihn, je nachdem, was ins Konzept passt.

Fakten und Fiktion

Geht McCoy zu weit? Sieht er Ursachen, wo keine sind? Zieht er Verbindungslinien, die nur in seiner eigenen Geografie einen Sinn ergeben?

Für McCoy spricht, dass die CIA versuchte, das Erscheinen des Buchs zu verhindern. Glaubwürdig widerlegt ist McCoy bis jetzt nicht. Niemand konnte ihm grundlegende Irrtümer nachweisen.

Wie gesagt: Nicht alle Verschwörung ist Theorie.

Andererseits ist nicht alles eine Verschwörung, was wie eine Verschwörung aussieht.

Immerhin geben Verschwörungstheorie und CIA eine Mischung ab, von der Thriller- wie Sachbuch-Autoren zehren: An der Ermordung des US-amerikanischen Präsidenten J. F. Kennedy soll sie beteiligt gewesen sein, dubiose Verbindungen zwischen der Studentenverbindung Skull & Bones unterhalten, in die Terroranschläge vom 11. September 2001 verstrickt sein. Selbstverständlich ist es die CIA die sowohl den Absturz eines UFOs bei Roswell vertuscht als auch an der Fälschung der Mondlandung mitgewirkt hat.

Fakten wie Fiktion haben für den Mythos CIA den identischen Nährwert.

Möglicherweise ist es ja die Mega-Verschwörung der CIA, sich allen Verschwörungstheorien einzuschreiben, damit man am Ende nicht mehr unterscheiden kann, was wahr ist und was Erfindung, und woran vom Wahren sie wirklich beteiligt war.

Die Papiere des Professor Kveč hätten vielleicht alles aufgeklärt. Doch das stünde in einem Roman. Die Wirklichkeit hat mehr Geheimnis.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-05-05 16:14:06
Letzte ─nderung am 2016-05-05 18:46:24



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