• vom 03.06.2016, 16:40 Uhr

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Update: 03.06.2016, 17:45 Uhr

John Irving

Zwischen Komödie und Tragik




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Von Luitgard Koch

  • Star-Autor John Irving über seine Zeit in Wien, Ringkämpfe, halbwüchsige Romanhelden - und sein neues Buch.



John Irving bei einer Lesung in Löln.

John Irving bei einer Lesung in Löln.© Creative Commons - Elke Wetzig John Irving bei einer Lesung in Löln.© Creative Commons - Elke Wetzig

Wer das Süffige liebt, der weiß John Irvings Romane zu schätzen. Lebensprall bevölkern hellseherisch begabte Kinder, Bären, Zwerge, Artisten und andere Originale sein Schriftsteller-Universum. Auch in seinem neuen Roman "Straße der Wunder" über zwei mexikanische Müllhaldenkinder zeigt sich, was der "Garp"-Autor und ehemalige Ringer so perfekt beherrscht: die Mischung aus Humor und Empathie. Wien spielt im Leben des Oscar-Gewinners eine besondere Rolle. Dort lernte er nicht nur Deutsch, verdiente sich als Aktmodell an der Kunstakademie sein Geld, sondern begann während des Studiums auch mit dem Schreiben. Im Interview mit der "Wiener Zeitung" in München verspricht der Literatur-Weltstar, mit seinem nächsten Buch wieder in der Donaumetropole Station zu machen. Schließlich kennt der vitale 74-Jährige mit der vollen schlohweißen Mähne, wie er versichert, keine Schreibblockade und arbeitet immer an mehreren Büchern gleichzeitig.

"Wiener Zeitung":Wie war Ihr Leben in Wien Anfang der 60er Jahre?

John Irving: Ich war allein in einem fremden Land und fühlte mich einsam. Mehr als ich es sonst gewohnt war, denn ich war davor eigentlich immer mit meinen Freunden aus dem Ringer-Team zusammen. Das fehlte mir. Ich traf zwar ein paar Ringer, einen Russen und einen Israeli im Sportstudio, aber das war nicht dasselbe. Außerdem war Ringen, speziell mein Freistilringen mit seiner angelsächsischen Tradition, in Österreich nicht so populär.

"Der Tod, das muss ein Wiener sein", heißt es in einem Lied von Georg Kreisler. Spiegelt sich dieses besondere Verhältnis Wiens zum Morbiden in Ihrem Schreiben wider?

Ich glaube, das ist eher ein Klischee. Aber tatsächlich gibt es in meinem vierten Roman "Garp und wie er die Welt sah" eine Seite, in der Garp als aufstrebender Schriftsteller in Wien seine erste Erzählung "Die Pension Grillparzer" schreibt. Da die Hauptfigur der einzige Überlebende seiner Familie ist, erscheint ihm die Stadt melancholisch, voller Zeichen des Todes. Ich habe in Wien als 22-Jähriger mehr geschrieben als jemals zuvor. Meine Laufbahn als Schriftsteller begann eigentlich dort. Mein mittlerer Sohn ist da geboren.

Mit der "Blechtrommel", dem Debüt Ihres literarischen Freundes Günter Grass, sind Sie einst durch Wiener Cafés gezogen. Ist Lupe, die hellsichtige Schwester der Haupfigur Ihres neuen Romans, ein weiblicher Oskar Matzerath?

Nein, sie hat nichts damit zu tun. Aber Günter wusste immer, dass meine Hauptfigur Owen Meany dieselben Anfangsbuchstaben hat als Hommage an ihn und seinen Oskar Matzerath. Doch außer, dass beide Figuren kleinwüchsig sind, haben sie nichts miteinander gemeinsam.

In fast allen Ihren Romanen existiert ein prägender Moment im Leben eines jungen Menschen, in dem sich sein Schicksal entscheidet. Was fasziniert Sie daran?

Das funktioniert ähnlich wie in Charles Dickens’ Bildungsroman "Große Erwartungen" um die wechselvolle Lebensgeschichte des Waisenjungen Pip. Die noch kindliche Psyche ist in dieser Zeit besonders verletzlich. Beim Schreiben interessiert mich speziell dieses Dazwischen, vor dem Erwachsenwerden. Nehmen wir Lupe. Sie ist 13 und hat ihre Periode noch nicht. Das macht ihr Angst. Viele junge Mädchen sind in dieser Zeit sauer, dass sie ihre Periode, im Gegensatz zu ihren Freundinnen, noch nicht haben. Oder sie hassen die Vorstellung und wollen am liebsten gar nicht erwachsen werden.

Wieso wissen Sie so gut Bescheid über Mädchen, obwohl Sie nur Söhne haben?

Ich habe zwar nur drei Burschen, aber natürlich brachten die Freundinnen mit. Außerdem habe ich drei jüngere Schwestern und inzwischen schon drei Enkelinnen.

Eine große Familie . . .

Ich habe vier Brüder und drei Schwestern mit zwei verschiedenen Vätern und auch noch, ich weiß es gar nicht so genau, drei verschiedenen Müttern. Das Ganze ist sehr kompliziert. Es sind eigentlich zwei Familien. Einen meiner Brüder habe ich nie getroffen. Er will mich nicht sehen. Ich interessiere ihn nicht. Seine Kinder jedoch kenne ich. Wir sehen einander.

Das klingt wie die Eröffnung zu einer neuen, schicksalshaften Geschichte und erinnert an Ihr Buch "Bis ich dich finde" über eine Suche nach dem Vater.

Das war mein längster Roman. Ich schrieb daran sieben Jahre. Solange wie nie davor und danach. Der fehlende leibliche Vater hatte einen immensen Einfluss auf mich, ich habe ihn ja in vielen meiner Bücher immer wieder neu erfunden.

Wie in "Garp", "Witwe für ein Jahr" oder "Letzte Nacht in Twisted River" haben Sie erneut einen Roman über einen Autor geschrieben. Reizt Sie das Spiel mit dem vermeintlich Autobiografischen?

In vier meiner Bücher ist die Hauptfigur ein Schriftsteller. Aber nur in zwei davon trägt er tatsächlich Züge von mir. Speziell Danny in "Letzte Nacht in Twisted River" ähnelt mir in dem, was er schreibt. Genauso wie jetzt Juan Diego in meinem neuen Buch. Garp dagegen habe ich als Schriftsteller eher lächerlich gemacht. Viele meiner Freunde kritisierten damals, dass ich damit die Gefühle meiner Kollegen verletzt hätte, weil ich ihm eine Schreibblockade andichtete. Ich selbst weiß gar nicht, was das ist.


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John Irving, Interview

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-03 16:44:07
Letzte nderung am 2016-06-03 17:45:37



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