• vom 06.06.2016, 15:54 Uhr

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Update: 07.06.2016, 14:08 Uhr

Sachbuchkritik

Lustvolles Zugrundegehen




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Von Oliver vom Hove

  • Johannes Fried untersucht in "Dies irae" die wiederkehrenden Ängste vor dem Weltuntergang.

Von der Lust am Weltuntergang war auch der niederländische Maler Hieronymus Bosch erfasst. Im "Weltgerichtstriptychon" (Ausschnitt) verkündete er die Schrecken der Apokalypse einer Welt, die an ein nahes Jüngstes Gericht glaubte.

Von der Lust am Weltuntergang war auch der niederländische Maler Hieronymus Bosch erfasst. Im "Weltgerichtstriptychon" (Ausschnitt) verkündete er die Schrecken der Apokalypse einer Welt, die an ein nahes Jüngstes Gericht glaubte.© Akademiegalerie Wien Von der Lust am Weltuntergang war auch der niederländische Maler Hieronymus Bosch erfasst. Im "Weltgerichtstriptychon" (Ausschnitt) verkündete er die Schrecken der Apokalypse einer Welt, die an ein nahes Jüngstes Gericht glaubte.© Akademiegalerie Wien

Angst ist seit jeher das wirksamste Machtmittel. Schon immer haben sich Regierungen, Glaubensgemeinschaften wie auch Geschäftemacher aller Art der Einschüchterung von Menschen durch tatsächliche oder behauptete Gefahren bedient. Der Weltuntergang ist der größte anzunehmende Katastrophenfall. Mehr geht nicht, und das macht auch seine Anziehung aus: "Ein bisschen Lust am Untergang" hieß einst ein Essayband von Karl Heinz Bohrer. Diese Angstlust grassiert wieder mächtig.

"Ein apokalyptisches Lebensgefühl hat sich breitgemacht", konstatiert Johannes Fried in seiner "Geschichte des Weltuntergangs". Der namhafte Mittelalter-Historiker, der zuletzt mit einer umfassenden Darstellung zu Karl dem Großen hervorgetreten ist, untersucht hier den Wandel der Ängste vor der globalen Nemesis: "Die Botschaft vom Weltuntergang führt von den frühen religiösen Verkündigungen über kirchliche, politische, gesellschaftliche, kulturelle Umbrüche in die Welt der Religionsskepsis von heute, zu nacktem Materialismus und Gottlosigkeit", schreibt Fried.


Mit Underground
in den Untergang

"Die ‚Propheten‘ von heute beschwören zwar noch immer den Weltuntergang, aber es geschieht nun in der Sprache abgesicherter naturwissenschaftlicher, ‚gottloser‘ Erkenntnis, begleitet von Underground-Musik in den ‚diabolischen‘ Klängen des Heavy Metal, doch durchaus noch mit dem moralischen Appell von einst."

Die gesamte Geschichte des Abendlands seit den frühchristlichen Zeiten ist gekennzeichnet durch chiliastische Fantasien vom Weltende. In seiner Ideengeschichte der Apokalypse erinnert Fried umfassend daran: "Immerzu vorauseilende Schau von schlimmen Übeln. Juden und Christen vertraut. ‚Die Zeiten werden gefährlich‘. So die von Gott inspirierten Worte eines frühen Christen, der Jerusalems Untergang zwar noch nicht vor Augen hatte, aber vom Endgericht wusste (2 Tim 3,1)."

Um 1000 nach Christus kulminierte diese Angst in einer wahren Weltuntergangshysterie. Hier wirkte die einflussreiche Prophezeiungsschrift der "Apokalypse" des Johannes nach, der für die letzten Tage das Erscheinen des lügnerischen Antichrist voraussagte, den spätere Interpreten wie Irenäus von Lyon und Hippolytos von Rom zur teuflischen Kriegergestalt stilisierten, der seine Scharen in die mörderische Endschlacht gegen die wahren Christen beim geheimnisvollen Ort Armaggedon führe. Die Intelligenzija unter dem Klerus suchte den eschatologischen Vorstellungen entgegenzusteuern, indem sie die Bildung förderte und beispielsweise die Benediktiner ihre Felder in den Klöstern selber bestellen ließ.

Kometenangst und
andere Warnungen

Die Verbreitung des apokalyptischen Denkens forderte die Wissbegier der Gelehrten heraus und wirkte anregend auf sämtliche Forschungsgebiete der mittelalterlichen und neuzeitlichen Wissenschaften. Fried zaubert dazu eine Vielzahl faszinierender Beispiele aus dem Hut seiner immensen Gelehrsamkeit. Jahrtausendelang hatte die Astrologie als Wegweiser der Zukunft, aber auch des Untergangs gewirkt.

Sie wurde abgelöst durch die Furcht vor den Kometen, die Katastrophen bis zum Weltenende auslösen könnten. Noch Nestroy spottete im "Lumpazivagabundus" über die Kometenangst seiner Zeitgenossen: "Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang". "Mal um Mal, seit zwei Jahrtausenden apokalyptische Warnungen. Sie verhallen seit Jesu Zeiten nicht mehr", schreibt Fried, der darin ein besonderes Phänomen der westlichen, christlichen Kultur sieht. Den Islam klammert er aus, obwohl der Koran gleichfalls eschatologische Vorausdeutungen enthält. Und obwohl politisch motivierte islamistische Gruppen der Gegenwart unter erschreckend viel Zulauf zum "großen Krieg am Ende der Zeit" aufrufen.

Sachbuch

Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs

Johannes Fried

C.H.Beck, München 2016

353 Seiten, 27,80 Euro




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-06 15:59:05
Letzte ─nderung am 2016-06-07 14:08:04



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