• vom 10.06.2016, 17:02 Uhr

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Update: 10.06.2016, 17:25 Uhr

Familie

Vatertag? Unaufgeregt!




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Von Katharina Schmidt

  • Wolfgang Pennwieser, Autor und Psychotherapeut, über Freud und Leid des Vaterlebens.



Wolfgang Pennwieser plädiert für mehr Ruhe und Gelassenheit in der Kindererziehung.

Wolfgang Pennwieser plädiert für mehr Ruhe und Gelassenheit in der Kindererziehung.© Christoph Liebentritt Wolfgang Pennwieser plädiert für mehr Ruhe und Gelassenheit in der Kindererziehung.© Christoph Liebentritt

"Wiener Zeitung:" In Ihrem Buch "Ich und Vater" schildern Sie, wie ein nervöser, verunsicherter Mann an der Seite einer selbstsicheren Schwangeren die Schwangerschaft erlebt. Entspricht Ihre Hauptfigur dem modernen Vaterbild?

Wolfgang Pennwieser: Dieses Vaterbild hat es vor 30 oder 40 Jahren noch nicht gegeben, ja.

Information

Zur Person
Wolfgang Pennwieser
Der gebürtige Oberösterreicher (Jahrgang 1975) studierte Medizin in Innsbruck, Berlin, Wien und Ho Chi Minh City. Seit 2002 ist er Kolumnist beim Fußballmagazin "ballesterer". Der Vater zweier Kinder hat eine eigene Ordination für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin in Wien. Der Roman "Ich und Vater" ist heuer im Czernin Verlag erschienen (192 Seiten, 19,90 Euro).

Von Besuchen beim Gynäkologen über die Anwesenheit im Kreißsaal bis zur Babykarenz wird von Vätern im 21. Jahrhundert viel verlangt. Empfinden Sie das als angenehme Neuorientierung oder als beängstigend?

Beides. Ich bin froh, dass ich in einer Zeit lebe, in der ich Verantwortung übernehmen und mich einbringen kann, wenn ich das möchte. Und in der ich nicht nur das Familienoberhaupt bin, das ab und zu ein Machtwort spricht, aber keinen Gestaltungsspielraum hat und keine Nahebeziehung aufbauen kann. Natürlich sind durch diese Möglichkeiten die Erwartungen an den modernen Vater hoch und es entsteht Druck. Man muss zwischen all dem, was die Gesellschaft, die Frau, die Familie, Freunde und Kollegen von einem erwarten, seine Rolle finden. Das ist nicht immer einfach, aber so kann man dem Druck standhalten und tut nicht Dinge, die man nicht will.



Durch die Aufhebung der klassischen Rollenverteilung entsteht oft Zerrissenheit - Frauen wollen nicht auf Karriere, Gehalt und Pension verzichten, aber auch nicht auf die Kinder. Den Männern geht es ähnlich, sie werden aber von den Arbeitgebern nur selten im Wunsch nach mehr Familienzeit unterstützt. Was übrig bleibt, sind zugekaufte Dienstleistungen und das ständige Gefühl, da und dort nicht genug zu leisten. Wie kann man dieses Dilemma lösen?

Dafür gibt es wohl keine Lösung. Manchmal ist weniger mehr. Man macht einen Schritt zurück und fragt sich, ob man etwas wirklich braucht. Betty (die schwangere Frau des Ich-Erzählers, Anm.) beschreibt, dass sie sich überlegt, ob sie wirklich dieses eine Projekt annehmen muss, von dem es in ihrer Karriere noch hundert weitere geben wird, oder ob sie nicht lieber beim Kind wäre. Es ist wichtig, sich das gut zu überlegen und mit dem Partner auszumachen. Meistens gibt es einen, der eine größere Sehnsucht hat, beim Kind zu bleiben. Auch wenn es nicht so ist, muss man sich einigen - in der Partnerschaft braucht es viele Kompromisse, Austausch, auch Handeln. Es ist auch die Frage, warum man das alles wollen muss. Ich komme aus der Psychiatrie und finde, dass man da viel in der eigenen Biografie finden kann: Warum erwarte ich von mir, dass ich so eine gute Mutter oder so ein guter Vater bin? Warum erwarte ich von mir, dass ich Karriere mache? Mit Blick auf diese Fragen gibt es vielleicht eine Lösung.

Sie beschreiben Erlebnisse, die man kaum erfinden kann, etwa den Schwangerschaftstest, für den aus Mangel an anderen Gefäßen der Urin im Erdbeerjoghurtbecher eingefangen wurde - ganz romantisch essen die Protagonisten vorher noch das Joghurt gemeinsam. Wie viel von Ihren eigenen Erlebnissen steckt in dem Buch?

Der Schwangerschaftstest im Erdbeerjoghurtbecher ist erfunden. Ein Freund von mir ist Koch, er hat mich gefragt, welche meine Zutat in dem Buch ist. Meine Zutat ist sicher das Stadt-Land-Thema. Wir haben uns lange überlegt, ob wir aufs Land ziehen oder in der Stadt bleiben wollen, also kenne ich den Streit der Protagonisten aus eigener Erfahrung gut.

Sonst ist wirklich alles erfunden?

Nein, man kann nicht nicht über sich selbst schreiben, wenn man ein Buch schreibt. Ich habe auch viele Zutaten von meiner täglichen Arbeit. Ich bin Psychiater und ärztlicher Psychotherapeut, ich habe ganz viele Geschichten in meinem Kopf, die sich irgendwie vermischt haben.

"Die schwierigste Phase im Leben eines Mannes ist die Geburt des ersten Kindes", habe ich einmal von einer Psychotherapeutin gehört. Können Sie das bestätigen?

Hm. Aus dem Bauch heraus würde ich zuerst einmal Nein sagen. Aber wenn ich länger darüber nachdenke: Warum schreibe ich ein Buch übers Vaterwerden? Es ist wahrscheinlich etwas dran. Ich glaube, es liegt aber nicht nur am Vaterwerden an sich, sondern an jeder Übergangsphase. Das Vaterwerden ist ein Übergang von der Phase des Alleinseins zur Phase des Familienlebens. Wir kennen das aus der systemischen Familientherapie, dass die Übergänge am meisten Energie kosten und auch extrem schwierig sein können. Manche sagen, das erste Kind war überhaupt kein Problem, andere straucheln. Es ist sicher eine riesige Veränderung.

Ihr Ich-Erzähler starrt auf den positiven Test und sagt: "Ich werde Vater. Schön, affektarm, womöglich bleich im Gesicht und mit schweißnassen Händen." So geht es vermutlich vielen werdenden Eltern, egal ob geplant oder ungeplant. Gibt es einen richtigen Zeitpunkt, um Kinder zu bekommen?

Nein, den gibt es nicht. Auch die, die es genau planen und glauben, es ist der richtige Zeitpunkt, stoßen auf Probleme. Natürlich gibt es Momente, in denen es besser passt - in denen der Partner gut passt und man nicht mehr 14 Jahre alt ist. Die Diskussion über das Kinderkriegen, Erziehung und den idealen Zeitpunkt ist das Problem an sich. Wenn ich mir dauernd überlege, was das Beste für mein Kind ist, erzeuge ich mir und dem Kind einen riesigen Druck. Wir müssen beim Thema Kindererziehung von diesem Perfektionismus weg kommen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-10 17:05:07
Letzte ─nderung am 2016-06-10 17:25:49



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