• vom 20.06.2016, 15:42 Uhr

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Update: 21.06.2016, 12:53 Uhr

Sachbuchkritik

Der unbedingte Wille zur Macht




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Von Wolfgang Taus

  • Eine neue Erdogan-Biografie zeigt den Politiker als gewieften Taktiker.

Wie hat es der junge konservativ-islamisch geprägte Mann aus kärglichen Verhältnissen geschafft, der mächtigste Politiker nach dem Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938) zu werden? Die Parallelen zwischen Atatürk und Recep Tayyip Erdogan (Jahrgang 1954) sind auffallend: "Der eine schuf einen neuen Staat - der andere schaffte sich ein neues System; beide verschoben die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten", hält die deutsche Journalistin mit irakisch-türkischen Wurzeln, Cigdem Akyol, in ihrer tief greifenden Erdogan-Biografie fest.

Unbestreitbar hat Erdogan - von 1994 bis 1998 Oberbürgermeister Istanbuls, von März 2003 bis August 2014 türkischer Ministerpräsident - mit seiner seit 2002 regierenden islamisch-konservativen AKP dem Land am Bosporus politische und wirtschaftliche Stabilität beschert. Erdogan forcierte die Hinwendung zur Europäischen Union, startete zwischenzeitlich einen Neuanfang im Umgang mit den Kurden, baute die Infrastruktur auf und "demilitarisierte" das Land, indem er die bisherige Machtfülle des Militär- und Polizeiapparates deutlich beschnitt. Die Türkei sei heute dennoch eine "defekte Demokratie" mit einem "gelenkten Rechtssystem". Aus Sicht der Autorin ist Erdogan "kein Islamist", sondern ein gewiefter "Taktiker". Seine politische Agenda sei er selbst, behauptet sie. Der "unbedingte Wille zur Macht".


Krisen und Machtkämpfe
Zwar hat er bisher alle Krisen seiner Amtszeiten überstanden - von den Gezi-Protesten, über den Machtkampf mit seinem ehemaligen Weggefährten Fethullah Gülen, die Terrorwelle durch mutmaßliche IS-Dschihadisten, bis hin zum Ende des Friedensprozesses mit der Kurdischen Arbeiterpartei PKK. Der Krieg gegen die PKK droht zu einem echten Bürgerkrieg zu eskalieren, der das Land noch mehr destabilisiert und spaltet.

Dazu kommt die "Eiszeit" in den Beziehungen Ankaras zu Russland infolge des Abschusses eines russischen Kampfjets. Die EU habe sich wegen der Flüchtlingskrise mittlerweile abhängig gemacht von Erdogans Türkei - mit ungewisser Zukunft.

Erdogan befinde sich nahe seinem Ziel einer Umwandlung des einst säkular ausgerichteten, kemalistischen Staates in ein Präsidialsystem mit umfassenden Vollmachten - in eine "neoosmanisch ausgerichtete, muslimische Autokratie".

Sachbuch

Erdogan - Die Biografie

Cigdem Akyol

Verlag Herder 2016, 384 Seiten, 25,70 Euro




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-20 15:47:04
Letzte ńnderung am 2016-06-21 12:53:03



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