• vom 24.06.2016, 20:01 Uhr

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Update: 25.06.2016, 09:57 Uhr

Ingeborg Bachmann

"Kaum je solidarisch"




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Von Christina Böck

  • Am Samstag würde Ingeborg Bachmann 90. Geburtstag feiern.

Würde sich Ingeborg Bachmann heute selbst auf Facebook vermarkten?

Würde sich Ingeborg Bachmann heute selbst auf Facebook vermarkten?© Anonym/Imagno/picturedesk.com Würde sich Ingeborg Bachmann heute selbst auf Facebook vermarkten?© Anonym/Imagno/picturedesk.com

Einige tausend Treffer bekommt man, sucht man via Google "neuer Literaturstar". Der Hunger nach Neuem, der unter anderem Fernsehshows generiert hat, in denen die nächsten Superstars gesucht werden, ist eins der elementaren Symptome unserer Zeit. Die manische Jagd nach neuen Gesichtern, Namen und vor allem Stimmen macht natürlich auch vor der schreibenden Zunft nicht Halt. Dabei helfen immer auch außergewöhnliche biografische Hintergründe. Vor einigen Wochen wurde etwa die in Deutschland lebende US-Autorin Nell Zink zur neuen Heldin erkoren. Sie wurde von Literaturgröße Jonathan Franzen zum Schreiben bewogen, nachdem sie ihm einen wütenden, aber brillanten Leserbrief geschrieben hatte. Ein richtiger Hype beginnt sich auch gerade um die italienische Schriftstellerin Elena Ferrante zu entspinnen - nicht nur wegen der Qualität ihrer Bücher, sondern vor allem, weil sie ein Hauch des Mysteriösen umgibt. Niemand weiß, wer sie ist, Elena Ferrante ist ein Pseudonym.

Gespaltene Kulturszene

Information

Joesph McVeigh: Ingeborg Bachmanns Wien (Insel)

Hierzulande wird Stefanie Sargnagel, die vor allem mit Alltagsbetrachtungen, mal mehr, mal weniger provokant, punktet und die nächste Woche als einzige Österreicherin beim Bachmann-Preis lesen wird, als so ein literarischer Shooting Star gefeiert.

Kaum vorstellbar, dass es einmal eine Zeit gab, in der man nicht nur keinen ausufernden Hype um originelle Novitäten machte, sondern sich sogar vehement sträubte gegen junge literarische Stimmen. In Österreich war das aber in der direkten Nachkriegszeit genau so. Das war jene Zeit, in der Ingeborg Bachmann in Wien eingetroffen ist. Ein neues Buch, "Ingeborg Bachmanns Wien 1946 bis 1953" von Joseph McVeigh, beschreibt diese biografische Episode und ihr literaturgeschichtliches Umfeld.

Die Kulturszene war damals gespalten. Da gab es jene, die kein Interesse an einem Generationswechsel hatten und den Nachwuchs pauschal verdächtigten, schließlich hatte er ja eine NS-Bildung genossen. Der Schriftsteller Alexander Lernet-Holenia formulierte das so: "In der Tat brauchen wir nur dort fortzusetzen, wo uns die Träume eines Irren unterbrochen haben, in der Tat brauchen wir nicht voraus-, sondern nur zurückzublicken. Um es vollkommen klar zu sagen: Wir haben es nicht nötig, mit der Zukunft zu kokettieren und nebulose Projekte zu machen, wir sind, im besten und wertvollsten Verstande, unsere Vergangenheit, wir haben uns nur zu besinnen, dass wir unsere Vergangenheit sind - und sie wird unsere Zukunft werden."

Das andere Lager bestand aus zukunftsunverzagten Menschen wie Hans Weigel, der dem Nachwuchs nicht prophylaktisch skeptisch gegenüberstand und sich mit seinem Kreis aus literarischen Hoffnungsträgern im Wiener Café Raimund traf. Mit dabei war auch Ingeborg Bachmann.

Die junge Schriftstellerin war geschickt darin, Mentoren aufzutun und sich in Cliquen einzugliedern. Nachdem sie in Weigels Café-Raimund-Kreis reüssierte, schaffte sie ihren Durchbruch schließlich bei der Lesung der wichtigsten deutschen Nachkriegs-Literatur-Clique, der Gruppe 47. Dass sie diese Gruppen aus karrieretechnischen Gründen suchte und nicht aus sozialen, lässt McVeigh durchblicken: Sie war "kaum je solidarisch mit jungen Kollegen", schreibt er und zitiert einen Brief, in dem sie sich angewidert davon zeigt, in einer Anthologie mit anderen Autoren ihrer Generation aufzuscheinen. "Genauso, wie es mir unmöglich wäre, mich mit ihnen an einen Tisch zu setzen, kommt es mir unmöglich vor, mit ihnen in einem Buch zusammen zu sein und gemeinsam mit einem Dutzend anderer als ,junge Dichterin‘ abgestempelt zu sein."

Darin war die Bachmann schon sehr modern. Heute sind solche literarischen Zirkel obsolet, Anthologien haben meist den Geruch des Angestaubten oder, noch schlimmer, des Geschenkbuchs. Die Schriftstellerwelt ist heute eine Welt der Einzelkämpfer. Insofern kann ein Phänomen wie Stefanie Sargnagel als symptomatisch für die aktuelle Ära gelten: Sie kurbelt ihre erfolgreiche Eigen-Vermarktungsmaschinerie, die sich geschickt der modernen, niederschwelligen Massenmedien (Facebook) bedient. Niemals würde jemand wie die links-feministische Sargnagel auf die Idee kommen, sich einen Mentor zu suchen, noch dazu einen Mann. Ingeborg Bachmann hatte gar keine andere Wahl, in einer Zeit, in der die weibliche Stimme der männlichen untergeordnet war.

Bürde der Versprechen

McVeigh findet in der Erzählung "Auch ich habe in Arkadien gelebt" Hinweise darauf, dass Bachmann mit diesen Abhängigkeitsverhältnissen auch gehadert hat: "Ich hatte immer neue Versprechen einzulösen, die ich gegeben hatte, immer neue Aufgaben zu erfüllen, die ich übernommen hatte, mich immer neu zu bestätigen, da man nun einmal mich bestätigt hatte", heißt es da einmal.

Eines hat sich in 70 Jahren nicht geändert: die Anziehung des deutschen Literaturmarktes für österreichische Autoren. Damals konnte man aber schlicht nicht leben von den kargen Einkünften im (besetzten) Österreich. Heute muss man sich wenigstens nicht mehr mit einem beleidigten Fürsprecher herumschlagen, wie Ingeborg Bachmann mit dem enttäuschten Hans Weigel nach ihrem "Gruppe 47"-Triumph.

Freilich haben damals Neid und Sarkasmus auch kreative Blüten getragen, die heute durch politische Korrektheit verdorren. So schrieb Autor Herbert Eisenreich, der in der österreichischen Literaturgeschichte, freundlich gesagt, nicht unter den Top Ten gelandet ist, über Bachmann: "Es ist ja wirklich nichts dran an diesen Verserln. (...) Nebenbei: In Österreich käme niemand auf die Idee, die Bachmann für eine große Dichterin zu halten. Genies in dieser Preislage haben wir rudelweise bittascheen!"





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-24 16:14:05
Letzte ─nderung am 2016-06-25 09:57:31



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