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Wunderwelten am Wortförderband




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Von Evelyne Polt-Heinzl

  • Er hat 1977 den ersten Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen und wäre heuer 70 Jahre alt geworden: Eine Erinnerung an den großen Kärntner Poeten Gert Jonke.

Gert Jonke 2008 bei den Proben für sein Stück "Freier Fall" im Akademietheater. - © Apa/H.K. Techt

Gert Jonke 2008 bei den Proben für sein Stück "Freier Fall" im Akademietheater. © Apa/H.K. Techt

Gert Jonke wäre am 8. Februar dieses Jahres 70 Jahre alt geworden - und er war 31, als er für seinen Burgmüller-Text "Erster Entwurf zum Beginn einer sehr langen Erzählung" beim damals erstmals abgehaltenen Wettlesen in Klagenfurt den Ingeborg Bachmann-Preis erhielt (1977). Die umfänglichen Querelen, die dem Event vorausgegangen waren, mündeten in weitgehend einhelligem Lob für die Entscheidung der 13-köpfigen Jury.

Auch jene Kritiker waren mit der Wahl einverstanden, die zuvor ausführlich über den Boykottaufruf der Grazer Autorenversammlung und das Misstrauen gegen die Organisatoren, den "Reiseschriftsteller" Humbert Fink und den "Nicht-Schriftsteller" Ernst Willner berichtet oder sich über die schlechte Performance der heimischen Literaturbetriebsgrößen Weigel und Torberg in ihrer Jurorenrolle lustig gemacht hatten.


"Kuriositätenhändler"
Den Bachmann-Preis hätte man nach dem ersten Preisträger schon "wieder verschwinden lassen können, denn niemand wird je Gert Jonke das Sprachwasser reichen können", schrieb Helmut Schönauer 1999. An ehrenden Bezeichnungen hat es in der Rezeption nie gemangelt; es ist erstaunlich, wie sehr seine Texte die Kritikersprache beflügelten: Jonke, der "Waldschrat des Satzgestrüpps und Jäger des verlorenen Wortschatzes, ein Kuriositätenhändler der vier Jahreszeiten und selbst ernannter Naturschutzbeauftragter für den Wildwuchs in Sprache und Welt" (Christine Dössel), ein "Sprachartist, Worterfinder, Kaskadenkünstler" (Joachim Lux) und "Flügelausleiher in traumlosen Zeiten" (Helmut Schödel).

Trotzdem passiert es bei Jonke - wie bei Barbara Frischmuths "Die Klosterschule" (1968) - bis heute, dass sein Werk bei flüchtiger Betrachtung auf sein Debüt "Geometrischer Heimatroman" (1969) reduziert wird. Tatsächlich sind beide Bücher Meilensteine des Aufbruchs der österreichischen Literatur Ende der 1960er Jahre. Aber in beiden Fällen ist eine Reduktion auf diese im wörtlichen Sinn epochalen Debütromane von höchster Ungerechtigkeit.

Trotzdem ist die Neuauflage von Jonkes "Geometrischer Heimatroman", die der Verlag Jung und Jung soeben in der überarbeiteten Fassung von 1980 vorgelegt hat, verdienstvoll, auch weil Anke Bosse im Nachwort einen Überblick über die Änderungen liefert. Verwunderlich ist allenfalls der Kontext: In das Konzept der "Grundbücher der österreichischen Literatur" fällt der Roman zweifellos, in die Reihe "Österreichs Eigensinn. Eine Bibliothek" bei Jung und Jung hätte ein anderer Titel vielleicht besser gepasst. Im Übrigen hat es diese Reihe geschafft, bei den seit 2012 publizierten neun Bänden bisher noch keine einzige eigensinnige Autorin zu entdecken.

Wurde heuer neu aufgelegt: Jonkes Debütroman.

Wurde heuer neu aufgelegt: Jonkes Debütroman. Wurde heuer neu aufgelegt: Jonkes Debütroman.

Dass Jonke "nie wirklich" über sein Debüt bzw. Frühwerk "hinausgekommen" sei, wie Uwe Schütte kürzlich in der "Wiener Zeitung" behauptete, kann freilich ein Blick in jedes seiner Bücher leicht widerlegen. Als Einstieg bietet sich etwa sein großer Künstlerroman "Der ferne Klang" (1979) an, eine "Abenteuerreise zwischen Buchdeckeln", bei der "einem Hören und Sehen derart vergeht, daß man Hören und Sehen von neuem lernt" (Ulrich Greiner).

"Uhrturmchor"
Oder der Wien-Roman "Erwachen zum großen Schlafkrieg" (1982), in dem die Stadt in ihrer traditionsreichen Fassaden-Symbolik greifbar wird, wo steinerne Figuren beiderlei Geschlechts - Karyatiden und Atlanten - ihre Balkone "so in den Himmel" stemmen, dass sie sie "jederzeit auch wurfbereit haben". In "Sanftwut oder Der Ohrenmaschinist" (1990) machen sich Beethoven und Waldmüller dann lustig über das Projekt der Stadt Wien, den "Uhrturmchor" zu synchronisieren; alle Uhren der Stadt sollen viertelstündlich "im funktionierenden Gleichschritt" zum "Exerzierdienst" antreten, alle Kirchtürme "eine einzige Ansammlung monströser himmelaufwärts gemauerter und wirklich funktionierender Mälzelscher Metronome!"

Der beste Zugang zu Jonkes Werk war zweifellos, den Autor selbst bei einer seiner Textpräsentationen zu erleben. Lesend fehlt zwar wie bei einer Partitur ein zentrales Element des Wirkungspotentials, aber dass seine Arbeiten oft als Sprechsonaten komponiert sind, vermitteln die wirbeligen Fantasien bei jeder Lektüre-Begegnung. Etwa wenn in "Sprecher rund um die Uhr" (2003) ein Ich antritt, endlich das zu sagen, "was schon ganz lange längst gesagt gehört hätte", doch eigentlich ist es nur der Mund, der sich verselbständigt und ein Eigenleben führt. Am Höhepunkt der Sprach- bzw. Identitätsstörung hält das lose und losgelöste Schandmaul eine mehrere Seiten lange Brandrede wider den Ungeist der Zeit, die Zerstörung der Erde, die Hybris des technozistischen Weltgeistes.

Bürokratiesatire
Jonke entwirft Figuren und Szenerien stets mit leichter Hand und erbaut daraus Wunderwelten, die Weltbilder ins Wanken bringen können. Denn seine poetischen Texte ankern mit einer Fülle von realen Bezügen erstaunlich fest in der Wirklichkeit und reagieren sehr genau auf Zeitereignisse und Stimmungen. So ist schon sein erstes Stück, "Damals vor Graz" (1965), keineswegs nur die Geschichte einer verpassten Liebe, sondern zugleich ein Kommentar zum zeitgenössischen Kulturleben, das sich gerade anschickte, nach Graz zu übersiedeln, wo die Zeitschrift "manuskripte" bereits ins vierte Jahr ging.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-30 17:59:15
Letzte nderung am 2016-06-30 18:13:01



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