• vom 02.07.2016, 14:00 Uhr

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Novizin als Meisterin




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Von Gerhard Strejcek

  • Christine Lavants zu Lebzeiten erschienenen Erzählungen sind erstmals gesammelt erschienen - und zeigen sie als ästhetisch höchst eigenständige Autorin.



Als am 4. Juli des Vorjahres die hundertste Wiederkehr des Geburtstages der lange schon verstorbenen Christine Lavant (geb. Thonhauser, verehelichte Habernig) anstand, ging ein Raunen durch den Blätterwald. Die ehemalige Nonne aus dem Kärntner Lavanttal, die es als Novizin im Ständestaat in das mittlerweile aufgelassene Frauen-Kloster im niederösterreichischen Eichgraben verschlagen hatte, erwies sich im Rückblick als ungewöhnliche, sensible und eigenständige Autorin - eine der besten, die Österreich je hervor gebracht hat.

Kettenraucherin

Information

Christine Lavant

Zu Lebzeiten erschienene Erzählungen

Herausgegeben von Klaus Amann und Brigitte Strasser. Mit einem
Nachwort von Klaus Amann. Wallstein-Verlag, Göttingen 2015, 800 Seiten,
39,90 Euro.

Christine Lavant, Sophie Rois, Franz Hautzinger, Matthias Loibner, Peter Rosmanith

Das Wechselbälgchen

Klangbuch mit 2 Audio-CDs. Mandelbaum Verlag, Wien, 49 Seiten, 24,90 Euro.

Dank der kundigen und umfangreichen Edition ihrer zu Lebzeiten publizierten Prosa im Göttinger Wallstein-Verlag bleibt uns die stille Kettenraucherin nun auch hundertein Jahre nach ihrer Geburt in Erinnerung. Ihre zugleich verstörenden wie auch ästhetisch ansprechenden Erzählungen, viele davon aus der Perspektive des Kindes oder der jungen Frau konzipiert, ziehen den Leser in ihren Bann. Da ist die magische Tür, durch welche die erkrankten Kinder im Pflegeheim in einen abenteuergeladenen Mikrokosmos tauchen, da sind die unheimlichen Kobolde, das Wechselbälgchen und andere Wesen, die einer Sage entsprungen zu sein scheinen.

Lavant ist und bleibt eine Ausnahmedichterin, deren von Rilke beeinflusste Lyrik vielen bekannt war, doch als Erzählerin ist sie eine späte Wieder-Entdeckung. Ihr Prosawerk war schwer zugänglich und bis vor kurzem größtenteils vergriffen. Dass es so wenige Ausgaben ihrer ansprechenden Werke gab, hing mit den Kosten und einer schwierigen Editionsgeschichte in der Nachkriegszeit zusammen.

Doch im Vorjahr konnte mit Hilfe Klagenfurter Germanisten eine vorzügliche und weitgehend vollständige Ausgabe der zu Lebzeiten verstreut erschienenen Prosa Lavants bei Wallstein erscheinen, die in jede Biblioteca Austriaca gehört und ebenso wie der Lyrikband in einer passenden Cyan-Farbe am Schutzumschlag und mit einer wertvollen. bibliophilen Ausstattung erschienen ist.

Einige der Erzählungen stammen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit und spiegeln das überaus karge Landleben sowie die ausufernde Phantasie der noch jungen Autorin wider. Später konnte die unkonventionelle, zerbrechlich-robuste Überlebenskünstlerin ihre sozialen und regionalen Grenzen ausdehnen. Inspirierend wirkte sie auf Thomas Bernhard, ein Teil seiner Autobiografie trägt ja den Titel "Ein Kind", der von der Lavant stammen könnte. Sie blieb mit ihm in Korrespondenz, oftmals aufmunternd, stets kollegial und warmherzig. Sie wusste um die harte Jugend Bernhards, kannte wohl auch die Fotos, die den Blondschopf in Lederhosen mit der verhärmt wirkenden, strengen Mutter Anna Bernhard und dem bürgerlich-fremden Stiefvater zeigen.

Bei Christine Lavant war das alle anders, aber wegen ihrer schwachen Konstitution ging es ihr auch nicht viel besser als Thomas Bernhard in der Kindheit. Darüber konnte sie sich mit ihm am Thonhof austauschen; von dort schied der Schwierige im Streit mit Gerhard und Maja Lampersberg, was er später bekanntlich in "Holzfällen" in extremer und kontroversieller Form thematisierte. Lavants Reflexionen sind milder, aber nicht weniger beunruhigend als die ihres Alter Ego in Ohlsdorf.

"Wechselbälgchen"

Wer sich zusätzlich zum dicken und bibliophilen Wallstein-Band, dem zweiten nach der Ausgabe ihrer Gedichte, den kleinen Luxus eines Hörbuchs mit musikalischen Intermezzi des Rosmanith-Trios gönnen will, dem sei die Ausgabe des "Wechselbälgchens" im Mandelbaum-Verlag empfohlen, deren Duktus durch die markante Stimme von Sophie Rois gewinnt.





Schlagwörter

Literatur, Christine Lavant

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-30 17:59:20
Letzte ─nderung am 2016-06-30 18:17:34



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