• vom 16.07.2016, 10:00 Uhr

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Elena Ferrante

Eine Wucht




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Von Christina Böck

  • Um Elena Ferrantes neapolitanische Freundinnen-Saga ist der größte Literatur-Hype seit langem entstanden.

Zwei Freundinnen im Italien der 1950er sind die Hauptakteure, ein Schuhmacher-Geschäft einer der Hauptschauplätze in Elena Ferrantes Roman "Meine geniale Freundin".

Zwei Freundinnen im Italien der 1950er sind die Hauptakteure, ein Schuhmacher-Geschäft einer der Hauptschauplätze in Elena Ferrantes Roman "Meine geniale Freundin".© Mario De Biasi\Mondadori Portfolio/ Getty Zwei Freundinnen im Italien der 1950er sind die Hauptakteure, ein Schuhmacher-Geschäft einer der Hauptschauplätze in Elena Ferrantes Roman "Meine geniale Freundin".© Mario De Biasi\Mondadori Portfolio/ Getty

In der jüngeren Fernsehgeschichte ist Rory Gilmore wohl eine jener Figuren, die sich am extensivsten mit Literatur beschäftigt. In der vergangenen Woche wurde ein Charity-Werbevideo veröffentlicht, in dem die strebsame Tochter aus den "Gilmore Girls" einen Stapel Urlaubslektüre ins Weiße Haus trägt. Michelle Obama pickt sich genau eines der Bücher heraus. Rory gibt ihrer Assistentin eilig noch drei und sagt: "Es ist eine vierteilige Serie. Sie wird es brauchen, glauben Sie mir!"

Das Buch, das sich Michelle Obama genommen hat, heißt "Meine geniale Freundin". Es ist der erste Teil der sogenannten "Neapelromane", das ist ein vierteiliges Epos über eine turbulente Frauenfreundschaft von den 50ern bis ins Heute. Geschrieben hat es eine gewisse Elena Ferrante, und mit diesem Clip hat der Hype um diese Autorin den bisher letzten Höhepunkt erlebt.


Verschlungene Bücher
2011 ist das Buch auf Italienisch erschienen, durch eine geschickte Mini-Expansion ihres Stammverlags "edizione e/o" in den angelsächsischen Raum wurde die Bekanntheit immer größer, und die an Harry-Potter-Tumulte gemahnende Veröffentlichung des Abschlussteils der Tetralogie auf Englisch im Vorjahr machte schließlich so richtig deutlich, wie groß die Fangemeinde bereits war. Längst hatten sich auch so unterschiedliche Prominente wie Gwyneth Paltrow, Jonathan Franzen oder der selbst schreibende Schauspieler James Franco als Bewunderer geoutet. Es gibt mittlerweile auch eigene Ferrante-Touren durch Neapel.

Die Menschen verschlingen die neapolitanische Saga (die auch in Turin und Pisa spielt) mit dem verschwenderischen Personal und den fein eingewobenen historischen Anspielungen samt diskreten Mafiabezügen nachgerade. Dann tauschen sie sich auf den Sozialen Medien mithilfe des Stichworts "FerranteFever" aus. Alle schwärmen und berichten hernach von Entzugserscheinungen: Wer mit dem letzten Band fertig ist, fällt in ein schwarzes Loch, das man aus Situationen kennt wie nach der letzten Folge eines Serienmarathons oder, wer ein bisschen anders gepolt ist, am Ende einer Fußball-EM.

Im deutschsprachigen Raum galt freilich bis zuletzt großteils das, was ein Kritiker des "New Yorkers" so beschrieben hat: "Ferrante ist die größte zeitgenössische Schriftstellerin, von der Sie noch nie etwas gehört haben". Ferrantes frühe Bücher (1992 veröffentlichte sie ihr erstes, "L’Amore molesto") schafften es zwar in die deutsche Übersetzung, aber den Trubel um die "Neapelromane" verschliefen die deutschen Verlage trefflich. Nun erscheint im Herbst (11. September) bei Suhrkamp "Meine geniale Freundin", die weiteren Teile folgen im Jahreszeitentakt. Die Marketingmaschinerie ist angelaufen. Als ob das noch nötig wäre.

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Dokument erstellt am 2016-07-15 17:17:08



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