• vom 31.07.2016, 15:00 Uhr

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Update: 31.07.2016, 15:57 Uhr

Literatur

Außen West, innen Ost




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Von Piotr Dobrowolski

  • Der skurrile postsowjetische Roman lässt Lebensweisen von Ost und West aufeinanderprallen - und dekliniert Stereotype beider Hemisphären lustvoll durch.

- © Fotolia/by-studio busse/yankushev,

© Fotolia/by-studio busse/yankushev,

Der Vater stammt aus Polen und ist ein seltsamer Kauz. Ein Erfinder, der es in Wien zu Millionen gebracht hat und der nun die Galopprennbahn im Prater pachtet - für hundert Jahre "samt Haupt- und Nebengebäuden". Dort hält er nicht nur Huzulenpferde, sondern bewohnt die historischen Gebäude. Ab und an gibt die Familie Feste, wie etwa das "Freistil-Damenderby", bei dem Gattinen aus der besseren Wiener Gesellschaft wie Pferde gegeneinander laufen müssen - in Stöckelschuhen, mit Startnummer und selbstverständlich zu einem wohltätigen Zweck. Soweit die Ausgangslage in Marjana Gaponenkos jüngstem Roman "Das letze Rennen".

Die Mutter ist eine Wienerin der vierten Generation, ausnehmend schön, exaltiert und, wie sich nach und nach herausstellt, schwer alkoholabhängig. Nach Jahren erst erfährt der Sohn des Paares, der Ich-Erzähler Kaspar Nieć, dass der tödliche Badeunfall der Mutter am Gardasee sich in Wirklichkeit ein wenig anders zugetragen hat als die Familienchronik zu berichten weiß.

Information

Piotr Dobrowolski, geboren 1965, war u.a. Außenpolitik-Chef bei "Format" und Chefredakteur des Nachrichtenmagazins "Frontal" und ist nun als freier Journalist tätig

Anti-Helden

In der Wäschekommode des Vaters findet er, akkurat zusammengefaltet, einen Zeitungsausschnitt, in dem es heißt: "Die schöne Gattin des polnischstämmigen Millionärs Adam N. kam am vergangenen Wochenende in einem Nobelhotel am Gardasee unter grotesken Umständen ums Leben. Beim Versuch, einen Schnapsschrank zu öffnen, verlor die Wienerin das Gleichgewicht und stürzte. Dabei zog sie sich durch herabfallende Flaschen ein Schädel-Hirn-Trauma zu, von dem sie sich nicht mehr erholte." Wen mag es da verwundern, dass Kaspar ebenfalls ein eher ungewöhnlicher und labiler Charakter ist. Er schwankt beständig zwischen Selbstüberschätzung und Selbstzweifel, hadert mit der Tatsache, ein in den Reichtum Hineingeborener zu sein und ahnt, dass er - obwohl als Informatiker nicht unbegabt - letztlich sein Leben lang dem Vater auf der Tasche liegen wird. Und er ahnt auch, dass der Vater das auch ahnt. Und es dulden wird: "Wir waren beide bequem. Nur war er dabei der Überlegene."

Auch in der Liebe - im Wesentlichen treten hier in Erscheinung: eine Pastorentochter und ein Callgirl - scheitert Kaspar an seinem Mangel an Entschiedenheit. Und so zweifelt der Nicht-Held des Romans Monate und Jahre vor sich hin, bis ein von seinem Vater angezetteltes Pferde-Wettrennen der Geschichte eine entscheidende Wende gibt.

Sowohl der Plot als auch die Hauptfiguren von "Das letzte Rennen" fügen sich perfekt in ein Literaturgenre, das zwar nie als solches bezeichnet wird, dennoch aber seit Jahren höchst erfolgreich ist. Man könnte es vielleicht am besten als den skurrilen postsowjetischen Roman benennen. Womit auch eine Abgrenzung zu allerlei Skurrilem gegeben wäre, das noch vor der Wende im damaligen Ostblock produziert wurde und wofür symbolisch, wenn auch gewiss nicht ausschließlich, Wenedikt Jerofejews "Die Reise nach Petuschki" stehen mag.

Einen der ersten skurrilen postsowjetischen Romane schrieb 1996 der damals 35-jährige Andrej Kurkow. Mit "Picknick auf dem Eis" (deutsche Übersetzung 1999) wurde er schlagartig bekannt und blieb von da an im Großen und Ganzen dem Genre treu.

Rund zehn Jahre später lieferte Marina Lewycka mit der "Kurzen Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" einen weiteren Meilenstein der Gattung. In seinem Kern ist dieser Roman die Geschichte einer Heirat zwischen einem 84-jährigen britischen Exil-Ukrainer und einer 36-jährigen, auf eine Aufenthaltsgenehmigung spekulierenden Landsfrau. Dass dann Marjana Gaponenko in "Das letzte Rennen", wieder rund zehn Jahre später, diesen Handlungsstrang ein wenig verändert wiederaufnimmt, sei hier nur am Rande erwähnt.

Das Groteske

Während Kurkow immer wieder das eine oder andere Klischee über das Wesen von Osteuropäern aufblitzen lässt, um dann damit zu spielen, geht Lewycka in ihren Texten einen Schritt weiter und legt es darauf an, derartige Stereotypen möglichst flächendeckend durchzudeklinieren. Damit ist sie als Fortschreiberin dessen, womit Kurkow begann, durchaus stilbildend. Denn inzwischen kommt kein auf das Groteske angelegter postsowjetischer Roman ohne ein ganzes Arsenal an mehr oder minder stark ironisierten Osteuropa-Klischees aus. Zum Beispiel dem des Osteuropäers, der sich im Westen immer kleiner fühlt, als er ist. So heißt es etwa bei Gaponenko über den Millionär Adam Nieć: "Er blieb seiner Fremdheit treu und schaffte es immer wieder, so durch ein Zimmer zu gehen, als hätte er eben erst mit 30 Dollar in der Tasche einen Abstecher nach Wien gemacht."

Der bessere Mensch

Was Gaponenko darüber hinaus mit Kurkow und Lewycka gemeinsam hat, ist auch der ukrainische Hintergrund - und die Tatsache, dass keiner der Drei in der neuen ukrainischen Staatssprache schreibt. Kurkow ist, wie viele Ukrainer aus Kiew, russischsprachig. Lewycka, als Kind ukrainischer Flüchtlinge in Großbritannien aufgewachsen, schreibt auf Englisch. Gaponenko wiederum kam zwar in Odessa zur Welt, schreibt aber auf Deutsch. Wie überhaupt Auswanderer das skurril-postsowjetische Genre ganz massiv prägen. Wladimir Kaminer,dessen "Russendisko" sich millionenfach verkaufte, wanderte mit 23 aus der Sowjetunion aus. Sein gewissermaßen österreichisches Pendant, Radek Knapp, stammt aus Polen und kam im Alter von zwölf nach Österreich. Seine Bücher, darunter den Bestseller "Herrn Kukas Empfehlungen", schreibt Knapp - wie Kaminer - auf Deutsch.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-07-29 14:56:04
Letzte nderung am 2016-07-31 15:57:26



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