• vom 30.07.2016, 17:00 Uhr

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Autobiographie

Im Eiswind des 20. Jahrhunderts




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Von Michael Rohrwasser

  • Richard Krebs alias Jan Valtin erzählte 1941 in seiner Autobiographie, wie er allmählich in die inneren Kreise der kommunistischen Bewegung geriet und zu einem politischen Agenten wurde.



Jan Valtin im Jahr 1950.

Jan Valtin im Jahr 1950.© anonym/Wikimedia Commons Jan Valtin im Jahr 1950.© anonym/Wikimedia Commons

"Out of the Night", im Frühjahr 1941 in den USA erschienen, war ein skandalöses Buch, das wilde Debatten provozierte und gewaltigen politischen Wirbel verursachte, weil die USA gerade dabei war, mit Sowjetrussland ein militärisch-politisches Bündnis einzugehen. Es war aber nicht nur ein Buch über kommunistischen Terror, sondern auch einer der ersten literarischen Berichte über nationalsozialistische Konzentrationslager. Zudem war man neugierig auf den Autor, der sich hinter dem Pseudonym Jan Valtin verbarg - nämlich Richard Krebs -, und der sich nur mit verdecktem Gesicht fotografieren ließ. Das Buch erreichte bald Millionenauflage und verführte seine Leserschaft zu heftigen Reaktionen; die "Time" ernannte es 1941 zum Buch des Jahres, während in der deutschsprachigen Exilzeitschrift "Freies Deutschland" Ernst Bloch von einer neuen "Literaturgattung des Verrats" schrieb, als deren Giftblüte er das Buch von Valtin sah.

Aber als es dann 1957 in Deutschland erschien, unter dem Titel "Tagebuch der Hölle" und immer noch unter dem Pseudonym Jan Valtin, herrschte seltsames Schweigen, gerade so, als wüsste man schon über alles bestens Bescheid. Die wenigen Rezensionen waren routiniert und gingen auf Distanz, man tat das Buch ab als eine Räuberpistole oder als Seemannsgarn, und die Geschichtsforschung ließ es, wie alle Renegatenberichte, als unzuverlässigen Zeugenbericht rechts liegen (dass Margaret Thatcher es später in ihren Erinnerungen als eines ihrer Lieblingsbücher lobte, hat dem Buch auch nicht geholfen).



Information

Jan Valtin
Tagebuch der Hölle
Bahoe Books, Wien 2016, 650 Seiten, 16, 90 Euro.


Michael Rohrwasser
, geb. 1949, ist Literaturwissenschafter und Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Wien. Zahlreiche
Publikationen, u.a.: "Der Stalinismus und die Renegaten. Die Literatur der Exkommunisten" (Metzler Verlag).

"Anrüchig"

Skandalös aber ist, dass sich die Exilliteraturforschung bis heute um das Buch nicht gekümmert hat, obwohl es das wohl auflagenstärkste der gesamten Exilliteratur ist - ganz offensichtlich passte es nicht so recht ins Selbstbild einer Exilliteratur, die in heroische Geschichten des Antifaschismus verliebt war; man versah "Out of the Night" in den Handbüchern der Exilliteratur, wenn man es denn überhaupt erwähnte, mit dem Etikett "anrüchig". "Die literaturhistorischen Troglodyten fassen das nicht an", schrieb in den 80er Jahren spöttisch Gerhard Zwerenz, ein Autor, der sich mit politischen Abwegen und literarischen Konjunkturen recht gut auskannte.

Richard Krebs, Jahrgang 1905, war schon als Kind durch die Welt gekommen - sein Vater war Kapitän im Dienst des norddeutschen Lloyd. Nach dessen Tod war er, wie viele bürgerliche Zeitgenossen, in die KPD eingetreten und als Seemann mit den frühen Geheimapparaten der deutschen und sowjetischen Partei in Berührung gekommen. Seine Aufträge führen ihn rund um die Welt, eine Odyssee (ohne ein Ithaka) durch den kommunistischen Untergrund Europas und Amerikas, die ihm 1926 eine Gefängnisstrafe in San Quentin einbringt, wo er Jack London und Joseph Conrad liest, Schreibkurse belegt und Romane zu schreiben beginnt.

Aber er stellt seinen Traum, Schriftsteller zu werden, zurück, um wieder in die Dienste der Komintern zu treten. Seine Freunde warnen ihn: "Die Komintern hat sich verändert. Sie ist ausgerichtet worden. Sie läuft jetzt wie ein Torpedo. Immer nur in eine Richtung. Es gibt keine Abweichungen mehr, keine internen Diskussionen, keine Kompromisse". 1932 erreicht er als politischer Instrukteur (Krebs spricht vom "reisenden Offizierskorps der dritten Internationale") den Gipfel seiner Laufbahn, ist verwickelt in Operationen des militärischen Geheimdienstes der Sowjets (GRU), beteiligt auch an Mordaktionen der Apparate gegen Nazis.

Zwischen den Blöcken

Ernst Wollweber (ein späterer Stasi-Chef der DDR) sendet ihn im November 1933 zu einem Auftrag nach Deutschland, wo er in die Fänge seiner Gegner gerät; er wird gefoltert und lässt sich im Konzentrationslager im Auftrag der Komintern "umdrehen". Seine Frau bleibt als Geisel der Nazis in Deutschland zurück; Krebs liefert von der Komintern-Zentrale in Kopenhagen gefälschtes Material an die Deutschen. Als er aus Angst, seine Frau zu gefährden, flieht, wird er von Gestapo und NKWD gejagt, auch noch in den USA.

Er kann dort seine Spuren verwischen und untertauchen. Dann wählt er, unterstützt von alten Genossen, darunter Robert Bek-Gran, einem Freund B. Travens, einen für seine Zeit nicht untypischen Ausweg: mit einer "Autobiographie" wendet er sich an die amerikanische Öffentlichkeit und bittet so um politisches Asyl.

"Mit achtzehn war ich mir wie ein Riese vorgekommen. Mit einundzwanzig war alles ganz einfach: ‚Eine Handgranate ins Gesicht der Gegenrevolution!’ Mit zweiundzwanzig machten die Polizeibehörden von einem halben Dutzend Nationen auf mich Jagd, weil sie in mir den Hauptunruhestifter der Komintern an den Küsten Europas sahen. Mit einunddreißig war ich beschäftigt, Hitlers Gefängnisse in Schulen für den proletarischen Internationalismus zu verwandeln. Und jetzt, mit dreiunddreißig, stand ich vor der Frage: ‚War das alles Lüge gewesen, ein elender Spuk?’ Niemand kann sich selbst die Haut abziehen"


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-07-29 15:26:04
Letzte ─nderung am 2016-07-29 15:45:07



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