• vom 04.08.2016, 10:00 Uhr

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Araber von gestern, heute und morgen




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Von Martin Reiterer

  • Riad Sattoufs autobiografischer Comic über eine Kindheit im Nahen Osten.




© Knaus Verlag © Knaus Verlag

"Der Araber von morgen geht zur Schule!" Das vielversprechende Motto steht am Ende des ersten Bandes von "Der Araber von morgen. Eine Kindheit im Nahen Osten". Es stammt von Abdel-Razak Sattouf, dem Vater des kleinen Protagonisten Riad. Ein Stipendium erlaubte es dem aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Syrer, in den 1960er Jahren nach Frankreich zu kommen und an der Sorbonne zu studieren. Als er 1978, inzwischen mit einer Französin verheiratet, sein Doktorat in Geschichte abschließt, wird sein Sohn Riad geboren.

Information

Riad Sattouf: Der Araber von morgen. Eine Kindheit im Nahen Osten (1978-1984) / (1984-1985). Band 1/ Band 2. Aus dem Französischen von Andreas Platthaus. München: Knaus Verlag, 2015 / 2016

Der damals potenzielle Araber von morgen schreibt und zeichnet heute die Geschichte seiner Kindheit auf, die sich zwischen zwei Kulturen - in Frankreich und neben Libyen vor allem in Syrien - abspielt. Bereits mit Band eins, 2014 auf Französisch erschienen und mit dem renommierten Comic-Preis des Festivals von Angoulême (Bestes Album) bedacht, hat Sattouf in Frankreich einen Bestseller gelandet und erinnert damit auch an den 2000/2003 erschienenen und inzwischen weltweit bekannten Comic "Persepolis" von Marjane Satrapi, der eine Kindheit im Iran und zugleich die politische Geschichte des Landes vor und nach der Islamischen Revolution erzählt. Der ursprünglich auf drei Bände angelegte Comic ist laut Verlag inzwischen auf fünf Bände erweitert worden, an dessen Ende die mühselig organisierte Flucht von Sattoufs Familienangehörigen aus dem kriegszerrütteten Syrien nach Frankreich stehen soll. Die beiden bisherigen Bände sind inzwischen auch ins Deutsche übertragen worden.

Bewundert und angelächelt wie Staatsoberhaupt Gaddafi

Auffallend ist die farbliche Dramaturgie des Comics, die den Länderwechsel in monochromen Kolorierungen markiert und an verinnerlichte Bilder des Autors anknüpft: das Blau des französischen Meeres, das Gelb der libyschen Wüste, das Rosarot des syrischen Bodens. Durch sparsame Kontraste werden Szenen mit überraschender Spannung
aufgeladen.

Schildert der erste Band die Umzüge der Familie von Frankreich nach Libyen, wo Riads Vater eine Stelle an der Uni bekommt, und später nach Syrien, so konzentriert sich der zweite Band auf das erste Schuljahr 1984/85 des inzwischen sechsjährigen Riad in Ter Maela, dem Dorf seines Vaters nahe bei Homs. Die wenigen Ausflüge unter anderem nach Palmyra lassen die Abgeschnittenheit und Rückständigkeit des Dorflebens hervortreten. Bezeichnend für den Comic ist der Blickwinkel des Kindes, aus dem heraus die Geschichte erzählt wird.

Humor und Witz spielen dabei eine herausragende Rolle. Das beginnt etwa mit der ironischen Stilisierung des kleinen Riad, der mit seinem blonden Haar nicht selten alle Aufmerksamkeit auf sich zieht; in Libyen stellt er eine gewisse Ähnlichkeit zwischen sich und dem allseits präsenten Gaddafi fest: "Wie ich war er von Leuten umgeben, die ihn die ganze Zeit bewunderten und
anlächelten."

Indem der Autor die Perspektive des Kindes mit der eines Kommentators verknüpft, skizziert er ein detailreiches Hintergrundpanorama für die Kindheitseindrücke und liefert ein spannendes Bild arabischer Alltagsszenen in den 1980er Jahren. Nach seiner Ankunft in Syrien tritt Riad in eine Sphäre der Gewalt ein: Die Art, wie die Cousins über ihn herfallen, löst anfänglich bei dem Buben eine eigenartige Mischung aus Gefühlen der Irritation, aber auch Faszination aus: "Die Gewalt zog mich an." Allmählich aber ruft die ungewöhnliche Selbstverständlichkeit an alltäglichen Gewaltformen, die er in seinem Umfeld beobachtet, auch Verstörungen bei ihm hervor.

Schlagartig gerät ihm sein engelhaftes Aussehen zum Nachteil, als der Neuankömmling als Jude etikettiert wird. "Jehuda", also "Jude", war entsprechend "das erste Wort im syrischen Arabisch, das ich gelernt habe." Und das ist die zweite ins Auge springende Besonderheit: das tief sitzende anti-israelische Bild, das sich in der Alltagskommunikation der Kinder, im Fluchrepertoire sowie in den Kriegsspielen unverblümt niederschlägt.

Gewalt und Anti-Israelismus als roter Faden

Doch keineswegs ausschließlich. Im Rahmen des Schulbetriebs werden die Themen der Gewalt wie des Anti-Israelismus gleichsam auf einer höheren Ebene durchgespielt und sichtbar. Das erschreckende Talent der Lehrerin in Hidschab und kurzem Rock, die Schüler zu disziplinieren, lässt den Leser noch aus sicherer Distanz erschaudern, wenn sie unter höchster Konzentration den Einsatz ihres Holzstabs zelebriert. Zunehmend wird deutlicher, dass sich in der Gewaltfaszination der Kinder lediglich die strukturelle Gewalt einer Gesellschaft und einer allgegenwärtigen Diktatur spiegelt. Die Schule dient vornehmlich als Instrument zum Einbläuen blinden Gehorsams und simpler genehmer Botschaften, die zu hinterfragen den Schülern offensiv abgewöhnt wird. Geradezu erholsam wirkt dazu die Suggestionsübung, mit der die Lehrerin die Schüler anlässlich der Präsidentschaftswahl von Hafiz al-Assad die richtige Antwort verinnerlichen lässt: "Los, lasst uns alle zusammen ein paar Mal ‚Ja‘ sagen."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-08-03 16:41:11
Letzte Änderung am 2016-08-03 21:49:19



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