• vom 06.08.2016, 15:00 Uhr

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Afroamerikanische Lyrik

Dichterin mit Rasierklinge




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Von Bettina Figl

  • Gewalt, Elend, Tod: Es gibt kaum ein Tabu, vor dem die Dichterin Sonia Sanchez zurückscheut. Die 81-Jährige ist eine Ikone der afro-amerikanischen Kunstbewegung.

Sonia Sanchez bei einer Lesung.

Sonia Sanchez bei einer Lesung.© Jim Alexander/Beacon Press Sonia Sanchez bei einer Lesung.© Jim Alexander/Beacon Press

"Was bedeutet es, ein Mensch zu sein?" Die US-amerikanische Literatin Sonia Sanchez verschwendet keine Zeit mit Trivialitäten, auch nicht in ihrem TED Talk-Vortrag zum Thema "was es bedeutet, ein Mensch zu sein", indem sie ihrem Publikum mitgibt: "Wir sind alle gleich. Wir müssen lernen, einander zu respektieren. Ein Poet kreiert soziale Werte."

Das Ziel ihrer Arbeit sei es, die Welt zu verändern, erzählt die 81-Jährige im Gespräch mit dem "extra". Das hat sie längst: Sanchez, Lucille Clifton und June Jordan waren die Ersten, die Literatur von afro-amerikanischen Frauen an amerikanischen Universitäten unterrichteten und damit ein heute nicht mehr wegzudenkendes Studienfach ins Rollen brachten.

Information

Bettina Figl, geboren 1983, Redakteurin der "Wiener Zeitung", lebt und arbeitet derzeit als Korrespndentin in New York, wo sie seit Anfang des Jahres "Social Journalism" an der City University of New York studiert.


Sanchez ist überdies eine der wenigen weiblichen Vertreterinnen des Black Arts Movement, des künstlerischen Flügels des Black Power Movement der 1960er Jahre. Ihr politischer Aktivismus ist mit den Jahren nicht eingeschlafen: 2006 wollte sie sich, gemeinsam mit zehn weiteren Frauen, für den Irakkrieg rekrutieren lassen, um "anstelle ihrer Enkelkinder zu sterben", wie sie sagten. Die Protestaktion der "Großmütter gegen Krieg" ("Granny Peace Brigade") endete mit Verhaftungen und einem Gerichtsverfahren, die Anklage wurde letztendlich fallengelassen.

Inspirierende Mentorin
Sanchez gilt als Ikone der afro-amerikanischen Kunstbewegung, die Generationen von jungen Menschen, viele von ihnen schwarze junge Frauen, inspiriert hat. "Sie war eine Mentorin für so viele von uns", sagt Kamilah Aisha Moon. Die Dichterin traf Sanchez zum ersten Mal mit Anfang 20, und erzählt: "Sonia hat uns gefördert, uns zum Essen eingeladen und wichtigen Personen vorgestellt. Was sie für uns getan hat, ging weit darüber hinaus, was man normalerweise tun würde. Ihr Haus stand uns immer offen."

Auch für die New Yorker Dokumentarfilmerin Sabrina Schmidt Gordon, die Sanchez die vergangenen fünf Jahre mit der Kamera begleitet hat, war die Autorin prägend: "Ich war 12 Jahre alt, als ich ihre Gedichte zum ersten Mal in der Bücherei entdeckte, und ich war schockiert. Aber es war auch eine Offenbarung", erzählt Gordon. "Ich erinnere mich, dass ich damals dachte: ich hatte ja keine Ahnung, dass man so etwas sagen kann."

Tod, Schmerz, Vergewaltigung, Gewalt. Die Themen von Sanchez’ Poesie sind Exzerpte ihres eigenen Lebens, fein säuberlich zerlegt, und sorgsam, aber schonungslos wahrheitsgetreu neu zusammengesetzt.

"Die Art und Weise, in der ich meine Wahrheit beschreibe, ist Teil der Wahrheit", sagt Sanchez. Ihre frühen Gedichte waren oft improvisiert und experimenteller Natur, im Laufe der Jahre wurden ihr Form und Struktur wichtiger. Sie gilt als "Meisterin des Haiku", der japanischen Kurzgedichtform. Ihre Gedichte machen oft von der Alltagssprache Gebrauch, die Grammatik wird falsch eingesetzt und Buchstaben werden gezielt weggelassen.

Haiku

man. you write me so

much you bad as the loanhouse

asking fo they money

Die Dokumentarfilmerin Gordon beschreibt die literarische Begegnung mit Sanchez als "Befreiung", denn zuvor habe sie sich in ihrer Sprache eingeschränkt gefühlt. "Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich immer alle Möglichkeiten ausgeschöpft habe, die mir Sonia Sanchez aufgezeigt hat. Aber sie hat mir gezeigt, welche Kraft in den Wörtern und der eigenen Stimme liegt."

Während der Sklaverei war es Afro-Amerikanern untersagt, frei zu sprechen. Dieses Recht haben sie sich hart erkämpft, und Sanchez mahnt mit ihren Gedichten ein, Autoritäten die Wahrheit stets ins Gesicht zu sagen ("speaking truth to power"). Sanchez, gerade einmal 1,50 groß, der Kopf voller Dreadlocks, wird daher auch "literarische Löwin" und "Dichterin mit Rasierklingen zwischen den Zähnen" genannt.

Doch ihr poetisches Repertoire besteht nicht nur aus bitteren Pillen, sondern auch aus Stimmungsaufhellern wie diesem:

Let me wear the day

Well so when it reaches you

You will enjoy it.

(Morning Haiku, 2010)

Sanchez’ Stimme ist unverkennbar, und wenn sie spricht, schwingt immer auch ein wenig Blues mit. Ihr Gegenüber adressiert sie gerne mit "meine liebe Schwester" oder "mein lieber Bruder", manchmal fängt sie spontan an zu singen.

Ihre Poesie ist rhythmisch und fließt, dadurch erinnert sie an Hip Hop oder spoken word. Sanchez habe den Grundstein für Hip Hop gelegt, beschreibt der Hip Hop-Künstler Talib Kweli in dem erwähnten Dokumentarfilm: "Sie hat nicht nur die Türen für Hip Hop geöffnet, sondern das Dach weggefegt."

Poetische Rede

This is a poem about you / you / fun-loving men and women / You flint and feather men and women / You country and cathedral men and women / with hearts in your mouths / singing the morning when and becoming the when / tearing the wings off ignorance and greed and war and guns and assassination / and miseducation, no education / poverty, arrogance, war, war, war, war, war, war / war to yourself and the music of a Spanish guitar / forever strumming racial, sexual, economic, justice / peace, peace, peace (. . . )"

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-08-05 14:47:04
Letzte ─nderung am 2016-08-05 16:20:49



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