• vom 05.08.2016, 22:08 Uhr

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Schriftsteller als Hobby-Olympionike




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Von Gerald Schmickl

  • Ilija Trojanow hat sich vier Jahre lang in 80 sommersportlichen Disziplinen versucht und darüber ein vergnügliches Buch geschrieben, während der deutsche Autor und Schwimmer John von Düffel einmal mehr in die Wasserwelt einlädt.





Da sage noch einer, das Anschauen von Sport-Übertragungen im Fernsehen verleite zu Passivität und unsportlichem Verhalten als "Couchpotato"! Zumindest bei Ilija Trojanow war genau das Gegenteil der Fall, als er 2012 die allermeisten Bewerbe der Olympischen Sommerspiele von London vor dem TV-Schirm verfolgte. Der Schriftsteller fühlte sich vom Betrachteten regelrecht aktiviert: "Als lebenslanger Sportfan, als Aktiver (vor allem Tennis) sowie als Passiver (vor allem Leichtathletik), saß ich in jenem Sommer vor dem Fernseher und fragte mich: Was macht den Reiz dieser Sportarten aus? Was erzählen sie vom Menschen? Und: Wie würde ich mich anstellen, wenn ich sie betreiben würde?"

Vor allem die letzte Frage hatte für Trojanow Konsequenzen von olympischen Ausmaßen: Er beschloss nämlich, sich in den nächsten vier Jahren in allen Disziplinen selbst zu versuchen. Gut, die Mannschaftssportarten fielen aus nahe liegenden Gründen aus, denn dafür würde er kaum genügend Gleichgesinnte finden. "Aber es blieb ja Arbeit genug übrig: dreiundzwanzig Sportarten, achtzig Disziplinen. Als Nächstes musste ich dieses Programm auf gut drei Jahre verteilen."

Information

Ilija Trojanow
Meine Olympiade
Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen. S. Fischer, Frankfurt a.M. 2016, 335 Seiten, 22,70 Euro.

John von Düffel
Gebrauchsanweisung fürs Schwimmen
Piper Verlag, München/Berlin 2016, 196 Seiten, 15,50 Euro.

Selbstversuche

Gesagt - getan: Der in Bulgarien geborene, lange in Kenia und Deutschland und seit einigen Jahren in Wien lebende Romancier und Essayist setzte seinen kühnen Plan tatsächlich weitgehend um - und herausgekommen ist dabei neben vielen Erkenntnissen, Muskelkatern und einem Schrank voller Ausrüstung das vorliegende Buch, das Trojanows Selbstversuche penibel Bewerb für Bewerb auflistet - und auf sehr vergnügliche Weise reflektiert und kommentiert.



Neben der Ausübung aller sportlichen Tätigkeiten hatte sich der Autor noch ein weiteres ehrgeiziges Ziel gesetzt, nämlich in möglichst vielen Disziplinen halb so gut abzuschneiden wie der jeweilige Olympiasieger 2012. In manchen gelingt das auch: etwa auf den meisten Laufstrecken (erst beim Marathon bleibt er mit einer Zeit von 5:58:30 - gegenüber der Siegerzeit von 2:08:01 - deutlich über dem selbst gesetzten Limit). In manchen Sportarten geht es völlig daneben: So trifft Trojanow etwa beim Wurfscheibenschießen (". . . jeder Schuss eine Hommage an den Zufall") sowohl im Trap- als auch im Skeet-Bewerb nur jeweils zwei von 25 Scheiben. Die Olympiasieger hatten 24 Mal (Trap) bzw. 25 Mal (Skeet) getroffen!

Desaströs auch die Ausbeute beim Bootfahren im sogenannten Kanadier (in welchem man knieend paddelt): Trojanow kommt entweder gar nicht von der Stelle - oder er kentert. "Als ich mich schließlich doch halbwegs auf dem Boot halten kann, drehe ich mich im Kreis. Immer rechts herum. Wie das Opfer einer besonders perfiden Höllenstrafe. (. . .) Nach dem dritten, überwiegend erfolglosen Training gab mein Trainer mich auf."

In anderen Sportarten stellt sich der Hobby-Olympionike geschickter an. Von einem US-amerikanischen Boxtrainer bekommt er ein zwar zwiespältiges, aber doch unverkennbares Lob: ". . . ,für ’nen verdammten europäischen Liberalen bist du gar nicht so übel: Aus dir hätte ein anständiger Fighter werden können‘." Beim Radfahren fällt die Beurteilung wiederum weniger schmeichelhaft aus: "Typen wie ich würden ,Hinterradlutscher‘ genannt, erzählen mir die erfahrenen Radler . . ."

Neben den Trojanow’schen Fähigkeiten erfährt man in dem Buch auch eine Menge über die jeweiligen Sportarten, ihre Geschichte, ihre Rituale, ihre Subkulturen. "Wer den Sport studiert, betreibt Anthropologie." In diesem Sinne erfreuen kurze, aperçu-hafte Beschreibungen des ewigen menschlichen Bewegungsstrebens, wie folgende kleine Auswahl zeigt:

"Beim Rudern hat man die Zukunft im Rücken."

Badminton ist "Blitzschach auf zwei arg strapazierten Beinen".

"Ringen ist die intimste Form des Kräftemessens."

"Beim Judo geht es einem im wahrsten Sinne des Wortes an den Kragen."

"Radfahren wäre eine prima Sportart, gäbe es den Sattel nicht."

"Turmspringen ist die Kunst des anmutigen Absturzes."

"Manche behaupten, beim Diskuswurf tanze ein Bulldozer Ballett."

"Hammerwerfen ist Kugelstoßen mit Verlängerungskabel."

"Der 3000-Meter-Hindernislauf ist eine kenianische Disziplin, die irrtümlicherweise in Irland erfunden wurde."

Und: "Laufen kann jeder, Gehen muss gelernt sein."

Reiseführer

Das Buch ist aber nicht nur ein anschauliches Lexikon olympischer Sommersportarten, sondern auch ein kleiner Reise- und Städteführer, da der Internationalist Trojanow sich ein jeweils besonders geeignetes Umfeld für seine Trainings und Wettbewerbe sucht. So wird er zwar überraschend oft in Wien fündig (vom Bogenschießen im Prater, über Tischtennis in der Josefstadt, Rudern auf der Alten Donau, Laufen im Tiergarten Schönbrunn bis zum Radfahren auf der Strecke Wien-Tulln: "Erstaunlich, wie schnell aus Wien Wald wird"), begibt sich aber auch gerne auf sportliche Reisen: Surfen in Sri Lanka, Boxen in Brooklyn, Ringen in Teheran, Judo in Tokio, Taekwondo in Zürich, Beachvolleyball in Rio, Turnen in Sofia, Marathon historisch korrekt auf der Strecke Marathon-Athen - und Reiten in Brandenburg, bei Schriftstellerkollegin Juli Zeh, einer versierten Dressurreiterin, auf ihrem Pferd Neo. Trojanows Resümee der Begegnung mit Zwei- und Vierbeiner: "Neo ist ein Menschenfreund, bei Juli bin ich mir nicht immer sicher. . ."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-08-05 14:59:05
Letzte ─nderung am 2016-08-05 22:07:39



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