• vom 14.08.2016, 08:30 Uhr

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Update: 14.08.2016, 11:18 Uhr

Literatur

Unbequem über den Tod hinaus




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Von Otto A. Böhmer

  • Bertolt Brecht war ein Meister der Einfachheit. Heute jährt sich sein Todestag zum 60. Mal.



Blieb stets unbeirrbar auf seiner Linie: Bertolt Brecht (1898-1956).

Blieb stets unbeirrbar auf seiner Linie: Bertolt Brecht (1898-1956).© dpa Blieb stets unbeirrbar auf seiner Linie: Bertolt Brecht (1898-1956).© dpa

"Wahrheit besteht nicht in Beweisen, sie besteht im Zurückführen auf die letzte Einfachheit", befand der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry und sprach damit eine Erkenntnis aus, die auch sein deutscher Kollege Bertolt Brecht befolgte. Der war ein Meister der Einfachheit; wie kaum ein anderer verstand er sich darauf, komplizierte Zusammenhänge in einer schlagenden Einsicht zusammenzufassen.

Bertolt Brecht, der eigentlich Eugen Berthold Friedrich B. hieß, stammt aus bürgerlichem Milieu. Der Vater steigt vom kaufmännischen Angestellten zum Direktor einer Augsburger Papierfabrik auf. Wenn man in begüterten Verhältnissen aufwächst, wird man nicht automatisch zum Konservativen, im Gegenteil: Man findet Zeit und Muße, kritisch zu sein, sich der eigenen Privilegien auf privilegierte Weise ein wenig zu schämen.

Frühe Krankheit

Im Rückblick hat Brecht seine Jugend so zusammengefasst: "Ich bin aufgewachsen als Sohn/ Wohlhabender Leute. Meine Eltern haben mir/ Einen Kragen umgebunden und mich erzogen/ In den Gewohnheiten des Bedientwerdens/ Und unterrichtet in der Kunst des Befehlens. Aber/ Als ich erwachsen war und um mich sah,/ Gefielen mir die Leute meiner Klasse nicht,/ Nicht das Befehlen und nicht das Bedientwerden./ Und ich verließ meine Klasse und gesellte mich/ Zu den geringen Leuten."

Brechts Jugend verläuft weitgehend sorgenfrei - aber doch nicht ganz: Er entdeckt eine Krankheit an sich, die ihm Sorgen macht. Schon in jungen Jahren wird bei ihm eine Herzneurose diagnostiziert, die sich in schmerzhaften Krämpfen und Panikattacken äußert. Bertolt Brecht, gerade 12 Jahre alt, bekommt Kuraufenthalte verordnet, die jedoch keine nennenswerte Besserung bringen. Als sich abzeichnet, dass er mit der Krankheit leben muss, macht er sie zu seiner inspirativen Vertrauten, zumal ihm auffällt, dass man als Kranker, der, wie er selbst meint, "ständig vom Tode bedroht ist", auf andere interessanter wirkt.

Fachleute, die sich mit Brechts Beschwerden im Nachhinein beschäftigt haben, fanden dafür, wen wundert’s, vor allem psychosomatische Ursachen, unter anderem eine möglicherweise etwas zu innige Beziehung zu seiner Mutter, die den Knaben tröstet und stärkt, auch als der kein Muttersöhnchen mehr sein will, sondern sich als junger Mann mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein präsentiert: "Ich bin schon etwas verdorben, wild und hart und herrschsüchtig", konstatiert er wohlig erschauernd. "Wenn ein Mann richtig lebt, lebt er wie im Sturm, den Kopf in den Wolken, mit wankenden Knien, im Finstern, stark und schwach, oftmals besiegt und nie unterworfen."

Wenn man zu wissen meint, wie ein Mann lebt, muss man sich auch den Frauen zuwenden, ist Brechts Überzeugung; er fängt damit früh an und hört erst auf, als es nicht mehr geht. Bei den Frauen kommt er gut an; seine Lässigkeit wirkt, und auch dass er die Welt erklären kann, ohne sie verstanden zu haben, erweist sich als vorteilhaft. Allerdings sind Frauen mit Vorsicht zu genießen, man sollte lieber nicht allzu viel Nähe aufkommen lassen und die Beziehungsfäden in der Hand behalten: "Wer selbst weggeht, kann nicht verlassen werden."

Nachdem Brecht die Schule absolviert hat, schreibt er sich an der Universität München ein und beginnt ein Medizinstudium. Das letzte Kriegsjahr, als man nur noch "die Siebzehnjährigen und die Greise einziehen" konnte, macht er als Sanitäter mit. 1918 schreibt er sein erstes Stück, "Baal", ein Jahr später "Trommeln in der Nacht", für das er den Kleist-Preis erhält.

Im Frühjahr 1920 stirbt Brechts Mutter an Krebs. Die Unwiderruflichkeit ihres Todes macht ihm zu schaffen, er hätte ihr noch viel zu sagen gehabt:
". . . Aber das Wichtige haben wir nicht gesagt, sondern gespart am Notwendigen." Das Gespräch, das er mit der Mutter führte, kann er mit dem Vater nicht fortsetzen, denn der betrachtet die literarischen Umtriebe seines Sohnes eher argwöhnisch: "Er möchte wissen, was ich schon für die Allgemeinheit getan hätte, noch rein gar nichts . . . Er wolle jetzt einmal eine ernste Arbeit bei mir sehen. Das, was ich mit meiner Literatur getan hätte, halte er persönlich für rein gar nichts."

Die "kleinen Brechts"

Brecht ist desillusioniert, aber nicht lange; er kennt seinen Wert, weiß, dass er einiges zu erwarten hat. 1924 zieht er nach Berlin, wo er sich, nach anfänglichem Fremdeln, bestens einlebt; in seinem Selbstporträt "Vom armen B. B." heißt es: "(. . .) In der Asphaltstadt bin ich daheim. Von allem Anfang/ Versehen mit jedem Sterbsakrament:/ Mit Zeitungen. Und Tabak. Und Branntwein./ (. . .) In meine leeren Schaukelstühle vormittags/ Setze ich mir mitunter ein paar Frauen/ Und ich betrachte sie sorglos und sage ihnen:/ In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen."

Brecht setzte sich die Frauen bekanntlich nicht nur in Schaukelstühle: Mit 26 hat er bereits drei Kinder von drei verschiedenen Frauen; "lasst sie wachsen, die kleinen Brechts", ist seine Devise.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-08-12 14:53:06
Letzte nderung am 2016-08-14 11:18:06



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