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"Teutone hoch Vier"




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Von Gerhard Strejcek

  • Vor 150 Jahren wurde der deutsche "Heidedichter" Hermann Löns geboren, der trotz NS-Vereinnahmung immer noch große Popularität genießt.



Hermann Löns um 1900.

Hermann Löns um 1900.© Creative Commons Hermann Löns um 1900.© Creative Commons

Dass es in Deutschland zahlreiche Goethe-Schulen, Schiller-Denkmäler, Kant-Statuen und eine Humboldt-Universität gibt, wird niemanden verwundern. Seltsame Blüten treibt aber der Erinnerungskult rund um den 1914 an der französischen Front bei Reims gefallenen "Heidedichter" Hermann Löns, der durch simple Lyrik, plattdeutsche Fabeln ("Mümmelmann", "Lüttjemann und Püttjerinchen") und gewaltgeladene historische Erzählungen ("Geschichte der Haidbauern: Der Wehrwolf") bekannt wurde, ansonsten aber vor allem durch ex-tremen Nationalismus, Alkoholexzesse und familienzerstörendes Dandytum aufgefallen ist. Nicht weniger als 140 Löns-Erinnerungsorte verzeichnet das allwissende Web, darunter auch Denkmäler in Österreich.

"Grün ist die Heide, die Heide ist grün/Rot sind die Rosen, eh’ sie verblühn" (bzw "wenn sie blühn") - so lautet einer der bekanntesten Verse aus dem Fundus Löns’scher Heide-Lyrik ("Rosengarten"), für die der norddeutsche Germanist und Kafka-Herausgeber Hans-Gerd Koch die Bezeichnung "Kitsch" noch als "Euphemismus" ansieht.

Information

Literatur:

Heinrich Thies: Mein Herz gib’ wieder her. Lisa und Hermann Löns.
Romanbiographie. Dietrich zu Klampen Verlag, Springe 2016, 320 Seiten.

Thomas Dupke: Hermann Löns. Mythos und Wahrheiten. Claassen, Hildesheim 1996.

Dem am 29. August 1866 in Kulm/Chełmo bei Bromberg in Westpreußen (heute Polen) geborenen Naturbeobachter Löns sind allerdings einige Phrasen und "fliegende Worte" zuzuschreiben, die sich bis heute gehalten haben, wie etwa das Wahrnehmen von jenem Getier, "das da kreucht und fleucht" (ursprünglich: "fleugt"). Auch die wenig sympathischen Gestalten der Wehrwölfe stammen von Löns, der damit die verschworenen Haidbauern im Dreißigjährigen Krieg meinte. Ansonsten dominieren Scheinidyllen: "Im Wald und auf der Heide", "Was ich von den Tieren erlauschte", "Draußen vor dem Tor" - keine Banalitätsbarriere bewahrte den Leser vor Löns-Titeln.

Natürlich konnte Löns die finalen Ausmaße des nationalistischen Wahns nicht erahnen, starb er doch neunzehn Jahre vor Hitlers Machtübernahme. Bei gehöriger Distanz zu den politischen Implikationen Löns’scher Texte muss dem Autor immerhin journalistisches Talent zugebilligt werden. Der Studienabbrecher reüssierte nach erfolglosen Versuchen in Kaiserslautern und in Gera bei der "Hannoveraner Allgemeinen Zeitung", wo er die Pseudonyme "Fritz von der Leine" und "Ulenspiegel" verwendete.

Seit dem Jahr 1996 liegt eine kritische Löns-Biographie von Thomas Dupke vor. Als er aus seinem Werk an Löns-Gedenkstätten lesen wollte, kam es zu tumultartigen Szenen. Die für manche schmerzhafte, biographische Arbeit zerstörte langjährig gesponnene Löns-Mythen. Gleichwohl treibt der Löns-Erinnerungskult, der bei uns weniger spürbar ist, rund um Hannover und Münster wilde Blüten. In der ehemaligen "Schänke" mit dem treffenden Titel "Zur Falle" und dem Redaktionsgebäude, das einst das jüdische Bankhaus Heyne (Heinrich Heines Onkel gehörend) beherbergte, finden sich jene Räume, in denen Löns um 1890 seine Glossen verfasste.

Aber auch in anderen Städten gibt es Löns-Monumente und sogar Löns-Parks, wie etwa in Düsseldorf, Münster oder Hamburg. Weitere Gedenkstätten, bei denen kritischen Anmerkungen Mangelware sind, finden sich in der Heidegegend Westfalens. Ein Dutzend Löns-Apotheken laden mit Naturheilmitteln zum Genesen am deutschen Wesen ein. Auch ein Löns-Museum kann in der Heidegegend besichtigt werden, die Koordina-
tion der Löns-Gesellschaften durch einen zentralen Verein ("e.V.") hat ebenfalls ihr Zentrum in der "Hermann-Löns-Stadt" Walsrode.

Autoren wie Wilhelm Deimann erinnerten vor dem Krieg an Löns’ "soldatisches Vermächtnis" und machten ihn post festum (1966) zum Ahnherrn der Verhaltensforschung. Beides ist zweifelhaft, da Löns vor seinem Tod bei Loivre /Reims nur acht Wochen Ausbildung genoss und als einfacher Füsilier mit 48 Jahren am 26. 9. 1914 in das Mündungsfeuer der französischen Verteidiger geriet. Zuvor hatte er noch in seinem Tagebuch vermerkt, dass er unter "lauter Niedersachsen" war, sein Regiment war auch jenes der Hannoveraner, in dem später Ernst Jünger diente.

Mythos und Kult

Der frühe Tod an der Front trug zum "Mythos Löns" bei, wobei die Epigonen in verklärender und verfälschender Weise den potenziellen Selbstmord nach mehreren Nervenzusammenbrüchen zur patriotischen Heldentat hypostasierten. Dem holzbraunen National-Fass schlägt hier ein Werk von Carl Kuhle den Boden aus, indem es Herbert Löns gemeinsam mit Gorch Fock und Walter Flex zu "Vaterlandsbejahern" adelte. Auch die Löns-Gedenkbücher, ein Löns-Brevier und andere biographische Werke aus der 1930er und 1940er Jahren kehrten die nationale Seite des Heidedichters hervor.

Man hätte daher füglich vermuten dürfen, dass nach 1945 Schluss mit dem Löns-Kult sein würde, aber spätestens ab 1949, als der Entnazifizierungsdruck nachließ, entstanden bereits wieder neue Traditionen und die mehr als sieben Millionen Löns-Bücher erhielten neue Auflagen. Der Heidedichter erlebte eine Renaissance, auf welche viele der verfemten und "verbrannten" Dichter lange warten mussten.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-08-18 17:41:11
Letzte ─nderung am 2016-08-18 17:46:39



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