• vom 03.09.2016, 12:00 Uhr

Autoren

Update: 03.09.2016, 12:28 Uhr

Literaturgeschichte

Stiege zwischen Himmel und Hölle




  • Artikel
  • Lesenswert (28)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andrea Reisner

  • Vor 120 Jahren wurde Heimito von Doderer geboren. Aus den Trümmern Altösterreichs konstruierte er seine Wien-Romane.

Heimito von Doderer (5. September 1896 - 23. Dezember 1966) verhalf einer verborgenen Wiener Treppenanlage zu literarischem Ruhm. - © Imagno / Franz Hubmann

Heimito von Doderer (5. September 1896 - 23. Dezember 1966) verhalf einer verborgenen Wiener Treppenanlage zu literarischem Ruhm. © Imagno / Franz Hubmann



Doderer am Schreibtisch. Füllfedern in unterschiedlichen Farben hatte er stets griffbereit.

Doderer am Schreibtisch. Füllfedern in unterschiedlichen Farben hatte er stets griffbereit.© Franz Hubmann/Imagno/Getty Images Doderer am Schreibtisch. Füllfedern in unterschiedlichen Farben hatte er stets griffbereit.© Franz Hubmann/Imagno/Getty Images

Wien, Ende 1944. Die Stadt ist vielerorts schon mit Schutthaufen und Bombentrichtern übersät. Zahlreiche noch verbleibende Denkmäler sind zum Schutz eingemauert, die meisten Lokale geschlossen. Da spaziert ein Herr in altmodischem Gewand, fast wie aus der Nestroyzeit, samt Gamaschen und Spazierstock mit Knauf, über die Landstraße. Auf einen 16-jährigen Schüler, der als Luftwaffenhelfer im Flakturm am Arenbergpark eingesetzt ist, macht dieser Aufzug starken Eindruck - er kommt ihm wie "ein gewisser Protest" vor.

So prägte sich der Schriftsteller (und damals Hauptmann der Luftwaffe) Heimito von Doderer dem 32 Jahre jüngeren Helmut Qualtinger ein, wie dieser viel später in einem Interview berichtete. In diesem Erinnerungsbild wirkt der Literat, der Qualtingers väterlicher Freund, Förderer und Zechkumpan werden sollte, vielleicht nicht von ungefähr wie eine seiner eigenen Figuren. Nur der Hintergrund will partout nicht dazu passen.

Information

Von und über Doderer

Werkneuausgaben 2016:
Die Wasserfälle von Slunj. Mit einem Nachwort von Eva Menasse. 405 Seiten.
Ein Mord den jeder begeht. Mit einem Nachwort von Heinrich Steinfest. 384 Seiten.
Die Merowinger. Mit einem Nachwort von Denis Scheck. 377 Seiten.
Die Strudlhofstiege. Mit einem Nachwort von Daniel Kehlmann. 944 Seiten.
Alle erschienen im Verlag C.H. Beck.

Klaus Nüchtern: Kontinent Doderer. C.H. Beck 2016, 352 Seiten. (siehe Interview auf extra-Seite 36)

Eva Menasse: Heimito von Doderer. Deutscher Kunstverlag 2016, 88 Seiten.

Andrea Reisner, geboren 1982, Studium der Germanistik, arbeitet an einer Dissertation über Heimito von Doderer und ist Redakteurin des "Wiener Zeitung"-Geschichtsfeuilletons "Zeitreisen".

Das Unzeitgemäße, das der junge Qualtinger an Doderer wahrnahm, haftet auch dessen Literatur an. Oft wird sie irgendwo um die Jahrhundertwende eingeordnet, bei Arthur Schnitzler oder Hugo von Hofmannsthal. Doch Doderers monumentale Wien-Romane sind erst in der Zweiten Republik erschienen (und großteils auch entstanden) - "Die Strudl-hofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre" 1951, "Die Dämonen. Nach der Chronik des Sektionsrates Geyrenhoff" 1956 - in einer Zeit also, in der eine junge Literatengeneration der Sprache ihr Vertrauen entzog und die Erzählbarkeit der Welt für fragwürdig erklärte. Während für sie die "Stunde Null" geschlagen hatte, setzte Doderer auf Kontinuität und knüpfte mit seinen Romanen an die "Tiefe der Jahre" an. Sein auf den ersten Blick idyllisch wirkendes Bild der längst versunkenen (und in Wirklichkeit freilich weniger freundlichen) Donaumetropole begeisterte sogar Leserinnen und Leser, die gegen Doderer Vorbehalte hatten. Etwa Hilde Spiel, eine 1911 in Wien geborene und seit 1936 im Londoner Exil lebende Schriftstellerin und Journalistin jüdischer Herkunft. Sie zeigte sich von seinem Werk "so aufgerührt in meiner grenzenlosen, unermeßlichen Liebe zu Wien (. . .), daß ich ihm wehrlos gegenüberstehe."

Die Diskrepanz zwischen dem Wien der "Strudlhofstiege" und jenem der Kriegs- und Nachkriegsjahre - die Stadt ist nach wie vor in Sektoren eingeteilt und der Staatsvertrag lässt auf sich warten - könnte kaum größer sein: prunkvolle Palais statt Bombentreffer, weitläufige Bürgerwohnungen und lichtdurchflutete Dachateliers statt Luftschutzkeller, Eau de Lavande und Kampferduft statt Staub und Rauch, Klavierklänge aus der Nachbarwohnung statt dröhnender Bombengeschwader und heulender Sirenen. Zur Nil-Zigarette ein frisch gebrauter türkischer Mocca statt Ersatzkaffee.

Ein wolkenloser Himmel, heiteres Markenzeichen der Doderer’ schen Wien-Romane, hatte wenige Jahre zuvor noch eine ganz andere Bedeutung: "Nie war auch nur zu träumen," schrieb Doderer im November 1944 bei anhaltenden Luftangriffen auf Wien ins Tagebuch, "daß man ein solches Aug’ zum erblauenden Himmel dereinst aufschlagen werde, wie man heute tut, und zu den blitzenden Sternen oder dem erleuchtend hervortretenden Monde: die Zeichen des Himmels, früher unsre Tröster, sind uns zu Zeichen der Angst geworden (. . .)." Der Nebel erscheint ihm hingegen "wie ein gnädig über die schwerverwundete Stadt gelegter Verband (. . .)."

In dieser Zeit beginnt er mit der Arbeit an der "Strudlhofstiege", in der er zwei in der Vergangenheit liegende Zeitebenen, um 1910/11 und Mitte der 1920er, in einem opulenten Teppich aus zahlreichen Handlungssträngen miteinander verwebt. Den Bruch des Weltkrieges blendet er dabei weitgehend aus.

Worum es in der über 900 Seiten starken "Strudlhofstiege" im Einzelnen geht, ist ebenso schwer nachzuerzählen wie der Inhalt seines zweiten großen Werkes, "Die Dämonen", das noch umfangreicher ist. "Doderer schreibt einen neuen Roman", scherzte der Autor Hans Weigel einmal. "Sein Inhalt? Herr von X geht über die Ringstraße. Die ersten tausend Seiten sind schon fertig."

"Ein Werk der Erzählungskunst", notierte Doderer hingegen 1966 in seinem typisch dozierenden Duktus, "ist es umso mehr, je weniger man durch eine Inhaltsangabe davon eine Vorstellung geben kann."

Nach der Lektüre blickt man auf diesen Roman wie auf die großen Ferien der Kindheit, die endlos schienen, solange sie andauerten, im Nachhinein aber zu einem einzigen schönen Sommertag gerinnen. Die "Strudlhofstiege" ist ein heißer Augusttag in Wien, im aufglänzenden Kupfergeschirr brodelt Kaffee, es wird geraucht und über den Lebensstil der Engländer diskutiert. Wenn eine Straßenbahn vorbeifährt, erklingt ein äolischer Ton. Zum Dessert gibt’s Indianerkrapfen.

Der Zauber (aber auch die Tücke) liegt bei Doderer stets im Detail. Doch das Idyll wird allenthalben gestört: So blitzt in Melzers Erinnerung immer wieder die "Ernstfarbe" Rot auf, ein blutiger Widerschein aus dem Ersten Weltkrieg, in dem er "so ziemlich mitgemacht (hat), was es da mitzumachen gab: Gorlice, Col di Lana, Flitsch-Tolmein . . ." Wie man abgetrennte Gliedmaßen abbindet, scheint er jedenfalls gelernt zu haben. Als am kunstvollen Höhepunkt des Romans, am 21. September 1925, Mary K.s rechtes Bein am Althanplatz von der Straßenbahn abgefahren wird, ist er geistesgegenwärtig zur Stelle und schnürt mit Gürtel und Spazierstock routiniert den Oberschenkel der Verletzten ab.


weiterlesen auf Seite 2 von 3




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-02 15:29:07
Letzte nderung am 2016-09-03 12:28:37



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. steiermark
  2. Weltreise in der Badewanne
  3. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
Meistkommentiert
  1. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
  2. Tumulte bei Höcke-Auftritt
  3. Ein Asyl-Appell

Werbung





Werbung


Werbung