• vom 03.09.2016, 16:00 Uhr

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Literatur und Zeitgeschichte

Ein Sündenbock für jede Couleur




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Von Gerald Sommer

  • Heimito von Doderers Staatsroman "Die Dämonen" wurde nach seinem Erscheinen vor sechzig Jahren allseits bewundert, aber zugleich in wesentlichen Aspekten missverstanden.

Die Unruhen während des Wiener Justizpalastbrands vom 15. Juli 1927 werden in Doderers "Dämonen" literarisch verarbeitet. - © ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com

Die Unruhen während des Wiener Justizpalastbrands vom 15. Juli 1927 werden in Doderers "Dämonen" literarisch verarbeitet. © ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com

Als "Die Dämonen" 1956 erschienen, wurde das Werk von Publikum und Kritik nahezu einhellig begrüßt. Bald schon galt es als österreichischer Staatsroman, nicht zuletzt, weil ÖVP und SPÖ mit seiner Darstellung des Justizpalastbrandes am 15. Juli 1927 gleichermaßen gut leben konnten. Beide Seiten vermochten in dem als ",Ruass‘" bezeichneten Gesindel den eigentlichen Schuldigen der Katastrophe zu erkennen. Zudem enthielt der Roman eine berührende Szene, in der ein bei den Straßenkämpfen getöteter Polizist von Arbeitern und Polizisten gemeinsam betrauert wurde.

Die seit dem 21. November 1947 in einer Großen Koalition verbundenen Parteien und ihre Anhänger konnten in dieser hoffnungsvollen Utopie einer künftigen Aussöhnung ihre friedliche Kooperation in der Zweiten Republik literarisch gewürdigt finden. Der Autor hatte offensichtlich den Nerv der Zeit getroffen, ohne rechte Absicht freilich und mit dem Glück, teilweise missverstanden worden zu sein.


Das "Feuer"-Kapitel
Doderer hat den Tag des Justizpalastbrandes nicht aus erinnernder Sicht auf eigenes Erleben beschrieben. Anders als etwa Elias Canetti hat er vom "Cannae der österreichischen Freiheit" am 15. Juli 1927 fast nichts mitbekommen. Das 127 Seiten starke "Feuer"-Kapitel der "Dämonen" ist, obwohl es teils auf realen Begebenheiten beruht, weder Erlebnisbericht noch Tatsachenerzählung. Und auch wenn es bis heute immer wieder als politische Aussage verstanden wird, so ist es doch vor allem eine Fiktion, deren Wert primär in ihrer Gestaltung von Erfundenem besteht. Damit sei nicht behauptet, dass Doderers Roman unpolitisch oder gar unhistorisch sei. "Die Dämonen" sind politisch, aber nicht in expliziten Aussagen, sondern durch die Art, wie darin etwas erzählt oder auch ausgespart wird.

Das zeigt sich schon an der quantitativen Verteilung: Nur ein Drittel der Textmasse des "Feuer"-Kapitels betrifft den Demon-strationszug der Arbeiter sowie die daraus entstehenden Straßenkämpfe und deren Folgen. Seinen Schwerpunkt bilden die mal banalen, mal bedeutenden Privatangelegenheiten der Figuren. Beschrieben wird zwar auch das zentrale Ereignis, wesentlich ist aber, in welcher Weise einzelne Figuren davon betroffen sind (oder nicht) und wie sie damit umgehen. Akute Lebensgefahr in und Rückzug aus der Kampfzone ist hier ebenso möglich wie ein gänzlich kenntnisloser und unbeteiligter Aufenthalt in sicherer Distanz. Nicht wenige Figuren des Romans bemerken weder das Feuer noch die Straßenkämpfe, sondern allein den Stromausfall infolge des Streiks der Elektrizitätswerker.

Information

Gerald Sommer lebt in Berlin und ist Germanist und Vorsitzender der Heimito von Doderer-Gesellschaft. Er hat Editionen aus dem Nachlass Doderers herausgegeben, sowei zahlreiche Arbeiten zu Doderer veröffentlicht.

So auch der Historiker Neuberg, der nicht weit vom Schmerlingplatz in der oberen Josefstadt wohnt und vom Balkon seiner hoch gelegenen Wohnung eine perfekte "Fernsicht über die Innere Stadt hin" hat, jedoch - und das mag ein selbstironisches Aperçu des Historikers Doderer sein - den Morgen des 15. Juli mit einer Arbeit über die Karolinger zubringt und den Rest des Tages und damit ein bedeutendes Ereignis der österreichischen Geschichte schlicht verschläft.

Dass es dem Autor nicht darum zu tun war, den Justizpalastbrand in all seinen Details, Facetten und Hintergründen gültig zu dokumentieren, zeigt neben dem Verhältnis der Erzählanteile auch der Umstand, dass von den Figuren des Romans nur eine, Georg von Geyrenhoff, sich längere Zeit im Zentrum des Geschehens, am Schmerlingplatz, aufhält. Da seine Sicht eingeschränkt ist, taugt er gleichwohl nicht zum allwissenden Erzähler. Tatsächlich überblickt keine Figur das Geschehen. Jede kennt kaum mehr als den Ausschnitt, der sie betrifft. Keine vermag, das währende Ereignis angemessen einzuschätzen. Vieles, was historisch von Belang ist, wird im Text nicht reproduziert. Die Darstellung ist fragmentarisch und, wie im Text einmal eine flüchtende und sich dabei auflösende Menschenmenge beschrieben wird, ",pointillistisch‘".

Wer von einem Roman Belehrung oder eine Bewertung der darin erzählten Ereignisse erwartet, muss eine solche Vorgehensweise naturgemäß als unbefriedigend empfinden. Sie hat allerdings den Vorzug, dass Doderer, anders als viele große Erzähler vor ihm, sein Publikum nicht mit der Illusion abspeist, ein komplexes Ereignis wie der Justizpalastbrand ließe sich detaillierter als bloß punktuell und mehr als nur repräsentativ literarisch erfassen.

Das zu Beginn angedeutete Missverständnis liegt in Doderers Art der Darstellung begründet: Gerade bei umfangreichen und zugleich heterogenen Texten werden einzelne Punkte oft als repräsentativ angesehen, obwohl nur ihre Summe ein repräsentatives Ganzes ergibt. In den 50er und 60er Jahren hat man den ",Ruass‘" aus bekannten Gründen nur zu gern als repräsentative Größe der "Dämonen" definiert und den Roman geschätzt, weil der darin vorgeführte Sündenbock staatsdienlich, wenn nicht staatstragend erschien. Repräsentativität wird Doderers ",Ruass‘" bis heute zugebilligt; spätestens seit den 90er Jahren wird dem Autor jedoch gern unterstellt, sich damit der Großen Koalition angedient zu haben. Der Sündenbock (den er so gar nicht vorgesehen hatte) habe diesen die Beschönigung ihrer problematischen Vergangenheit leicht gemacht.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-02 15:29:11
Letzte nderung am 2016-09-02 16:39:20



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