• vom 04.09.2016, 15:00 Uhr

Autoren


Literatur

Erziehung durch das Leben




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Wend Kässens

  • "Die Sommer der Porters", der vierte Roman von Elizabeth Graver, beginnt etwas altbacken, entfaltet dann aber zunehmend Witz und Charme.

Elizabeth Graver, geboren 1964.

Elizabeth Graver, geboren 1964.© Lee Pellegrini/elizabethgraver.com Elizabeth Graver, geboren 1964.© Lee Pellegrini/elizabethgraver.com

Die Sommerfrische ist ein bekannter Topos der Literatur. Im Wörterbuch der Brüder Grimm als "Erholungsaufenthalt der Städter auf dem Lande zur Sommerzeit" definiert und seit dem 19. Jahrhundert gängig, als die Eisenbahn es wohlhabenden Adligen und Bürgern möglich machte, größere Entfernungen zu überbrücken. Die Halbinsel Krim im Schwarzen Meer ist der Ort der Sommerfrische schlechthin, Tschechow, der aus gesundheitlichen Gründen auf der Krim lebte, schrieb dort u.a. sein Drama "Drei Schwestern".

Drei Schwestern, Helen, Dossy und Janie, bringt auch die wohlhabende Familie Porter aus Grace Park in New Jersey alljährlich zur Sommerzeit mit auf die Halbinsel Ashaunt in Neuengland an der Ostküste der USA, wo sie ein Haus besitzt. Die Handlung des Romans beginnt mit dem Jahr 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg. Sie endet 1999, also unmittelbar vor der Jahrtausendwende. Über knapp 60 Jahre ist der Bogen gespannt, über vier Generationen mit mehr oder weniger durchschlagenden Verweisen auf die historischen Hintergründe - sprunghafte Einblicke mit großen Abständen in die Entwicklung der Familie und der Zeit.

Information

Elizabeth Graver

Die Sommer der Porters

Roman. Aus dem Amerikanischen von Juliane Zaubitzer. mareverlag, Hamburg 2016, 464 Seiten,
22,- Euro.




Ashaunt, das Anwesen der Porters, ist das Zentrum des Romans, in dem sich die Beteiligten immer mal wieder einfinden. Es ist in die Herzen der Porters eingebrannt. Hier hat man schon im Kindesalter die schönsten Monate des Jahres verbracht.

Die amerikanische Autorin Elizabeth Graver, Jahrgang 1964, baut ihren vierten Roman wie aus einem literarischen Baukasten. Sie unterrichtet am Boston College englische Literatur und creative writing, kennt sich also aus in Motiven, Topoi und literarischen Tricks. Um den auktorialen Erzähler mal abzulösen baut sie Brief- und Tagebuchpassagen und auch zahlreiche Gedichtzeilen ein, arbeitet mit Vor- und Rückblenden. Der Verweis auf Tschechow ist kein Zufall, allenfalls eine sehr hohe Messlatte, an die der Roman nicht heranreichen kann. Das Thema "Sommerfrische" ruft fast automatisch wichtige Motive der Literatur ins Bewusstsein, nicht nur der russischen. Der Roman stand in den USA auf der Longlist für den National Book Award.

Die Ambivalenz des Lebens und der Liebe, die Erziehung durch das Leben ist das Thema. Auf Ashaunt ist 1942 ein Militärstützpunkt entstanden, auf dem Soldaten ausgebildet werden. Aber die Porters finden schnell in die übliche Urlaubsstimmung, zu der die Beschäftigung mit den Töchtern eher weniger gehört. Der fast erwachsene Sohn Charlie lässt sich an der Heeresfliegerschule in Texas ausbilden, heimlich hat er Suky geheiratet, ihn zieht es in den Krieg. Und die pubertierenden Dossy und Helen lernen das Flirten mit den Soldaten bei der Vorführung der Gasmasken, auf der Straße und beim Tanz im nahen New Bedford. Das Kriegskapitel endet mit der Nachricht vom Tod Charlies. Am 23. Dezember 1943 ist er in Italien gefallen.

Etwas mühsam und altbacken kommt der Roman in Fahrt, nimmt dann aber Tempo auf, ent-wickelt Charme und Witz, die Personen in ihren Facetten werden schillernder. Das zweite Kapitel nimmt die Jahre 1947-1961 in den Blick, die Zeit der Ausbildung. Helen schreibt aus der Schweiz an die Eltern. Sie studiert in Lausanne, hat hier den Schweizer Arzt André Benoit kennengelernt. Und befürchtet, nicht in der Schweiz bleiben zu dürfen, zu skeptisch blicken ihre Eltern auf das unsichere Europa des Kalten Krieges. Zwölf Jahre später erleben wir Helen mit Mann André, zwei Söhnen und einer Tochter auf Ashaunt. Helen ist wieder schwanger, genauso wie auch die zu Besuch weilende Janie. Die jüngste Schwester ist inzwischen mit Paul verheiratet und hat ihre Tochter Ellie dabei. Später wird sie sechs Kinder haben.

Die Porter-Töchter und Enkelinnen sind gebärfreudig. Selbst Dossy, von Krankheiten geplagt, ist verheiratet und hat zwei Kinder - bleibt aber im Roman etwas farblos. "Heute liebe ich Ashaunt - meine erste große Liebe -, und der Gedanke ans Abreisen bereitet mir körperliche Schmerzen." schreibt Helen im Tagebuch.

Das lebendigste und humorvollste Kapitel des Romans spielt 1970. Charlie, Helens Ältester, inzwischen 19, vertändelt mit Drogen und der Angst vor der Einberufung zum Militär seine Tage auf Ashaunt. In der Hütte im Wald hat er sich eingerichtet. Es ist die Zeit des Krieges der USA in Vietnam und Kambodscha - und der weltweiten Protestbewegung.

Charlie lernt Jerry Silva kennen, dem es ganz ähnlich geht, man nennt sich gegenseitig Bruder. Auch Jerrys Eltern soll ein Teil der Halbinsel gehören, die von Rodungen des Waldes bedroht ist. Mit einem Wildzaun, 15 Zentimeter im Boden und kaum höher - und mit Schildern des Protestes, die noch zu malen sind, gehen die jungen Männer gegen den Frevel vor. Eine Slapsticknummer! Aber auch diese Eskapaden nehmen ein glückliches Ende, während Janis Joplin und Jimi Hendrix im Jahr 1970 ihren Drogenkonsum nicht überlebt haben.

Das letzte Kapitel gilt dem Jahr 1999. Helen ist inzwischen 73, vom Krebs zerfressen. Es ist trotzdem ihr schönster Sommeraufenthalt im Kreis der zahlreichen Kinder und Enkel, und auch ihr letzter. Ihre jüngere Schwester Janie wird den Empfang nach dem Gottesdienst ausrichten, Charlie, inzwischen Jurist, die Sammelklage der Grundbesitzer gegen die Verursacher der Ölpest vorbereiten. Er will in Zukunft in Ashaunt leben, sein erstes Zuhause, "vielleicht sogar eine erste Mutter, weil es die Spuren seiner Mutter in sich trägt und ihn nährt, wie sie es oft nicht konnte."

Ein eher leiser, aber durchaus nicht freudloser Roman über die Vergänglichkeit auf der einen, über das Dauernde, vielleicht sogar Bleibende auf der anderen Seite. Wie das Leben eben so spielt. Dass der Wohlstand bessere Voraussetzungen ermöglicht - wer wollte es bestreiten?





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-02 15:53:05
Letzte ─nderung am 2016-09-02 15:58:00



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Zerbricht der Westen?
  2. Anne Frank und die Generation iPhone
  3. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
Meistkommentiert
  1. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
  2. Die Stadt der Bücherleser
  3. zeichen?

Werbung





Werbung


Werbung