• vom 03.09.2016, 15:00 Uhr

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Der Drache ist immer woanders




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Von Ingeborg Waldinger

  • Die französische Autorin, Journalistin und Politikerin Françoise Giroud verfasste ihre posthum erschienene Autobiographie als schonungsloses Selbstbild, gesellschaftskritisches Panorama - und als Vergangenheitskur.

Franoise Giroud und Jean-Jacques Servan-Schreiber beim 20-jährigen Jubiläum ihres Nachrichtenmagazins "L’Express".

Franoise Giroud und Jean-Jacques Servan-Schreiber beim 20-jährigen Jubiläum ihres Nachrichtenmagazins "L’Express".© afp/picturedesk.com Franoise Giroud und Jean-Jacques Servan-Schreiber beim 20-jährigen Jubiläum ihres Nachrichtenmagazins "L’Express".© afp/picturedesk.com

Wie frei und wie glücklich darf man sich eine Frau vorstellen, die dem Vater als "verpatzter Sohn" galt, den eigenen Sohn auf tragische Weise verlor, von der großen Liebe verlassen und von der Gestapo verhaftet wurde - und die zwei Suizidversuche unternahm? All dies hatte Lea France Gourdji durchgestanden, die ihren Namen in Françoise Giroud ändern und als Journalistin große Karriere machen sollte: als Chefredakteurin der Modezeitschrift "Elle" und als Mitbegründerin und Redakteurin des Nachrichtenmagazins "L’Express". Ihr Ringen um Freiheit gelang - mit der Schreibmaschine als Geschütz.

Emanzipation

Information

Françoise Giroud
Ich bin eine freie Frau
Autobiographie. Aus dem Französischen von Patrizia Klobusiczky. Zsolnay, Wien 2016, 240 Seiten, 20,50 Euro.

Wie hart sie sich dieses Ziel erkämpft hat, ist in der nun auf Deutsch erschienenen Autobiographie "Ich bin eine freie Frau" nachzulesen. Den "rasenden" Text hat Giroud bereits im Sommer 1960 verfasst, gleichsam als Selbsttherapie nach dem zweiten Suizidversuch. Doch sie hat das Werk - auf Anraten von Freunden - nicht veröffentlicht. Was die mit ihr ebenfalls befreundete Journalistin Alix de Saint-André bedauerte: Sie holte das im Nachlass aufgetauchte Manuskript (samt einer zweiten, bearbeiteten Variante) ans Licht, verschmolz die beiden Textversionen zur "bestmöglichen Fassung" und publizierte diese 2013 ("Histoire d’une femme libre"). Patricia Klobusiczky hat das Konstrukt stimmig ins Deutsche übersetzt - ein Buch, in dem sich kühle Analyse und tiefe Emotionalität zu einem runden Ganzen verbinden. Und das sowohl Girouds (chronologisch zweite) Autobiographie aus dem Jahr 1997 ("Arthur ou le Bonheur de vivre") ergänzt, als auch jene Lebensbilder zurechtrückt, welche die Journalistinnen Laure Adler und Christine Ockrent mit ihren Giroud-Biographien vermittelt hatten.



Françoise Giroud akzentuiert in dieser posthum erschienenen Autobiographie ihren Emanzipationsprozess: Lea France Gourdji, am 21. September 1916 als Tochter orientalisch-jüdischer Emigranten in Lausanne geboren, wuchs in Frankreich auf. Nach dem frühen Tod des mythenumwobenen Vaters brach sie das Pariser Lycée vorzeitig ab und machte eine Sekretärinnenausbildung. Sie jobbte als Skriptgirl für Filmregisseur Marc Allégret, ihren damaligen "Sonnengott", und vermerkt dazu: Dass die Liebe "immer ein Gefängnis ist und niemals lebenslänglich", wisse man mit 15 eben noch nicht.

Aus dem Skriptgirl wurde dann eine Drehbuchautorin. Bei einem Dreh im Maghreb lernt sie beispielsweise Saint-Exupéry als "brandgefährlichen Charmeur" kennen. Die Arbeit linderte nicht nur das angekratzte Selbstwertgefühl, sie brachte auch wirtschaftliche Freiheit - "Und nichts wirkt sich stärker auf die Beziehung zwischen Mann und Frau aus." Für manch Mütter "kostbarer Söhne" war das denn doch zu libertär, und so hielten sie ihre Sprösslinge "mit Bedacht" von der Emanze fern.

Schon früh zeigt sich auch die soziale Seite Girouds. Sie fühlt sich mit der Arbeiterklasse solidarisch, allerdings ohne Parteimitgliedschaft oder Sozialromantik. Das vom Bürgertum verstoßene Kind verarmter Bürger ahnt: als Arbeiterin könne man sich nicht "einbürgern" lassen.

Ab den späten 1930ern nannte sie sich Françoise Giroud, das "klang besser" in der Medienwelt, die sie nun betrat (ab 1964 war der Name dann "amtlich"). Gemeinsam mit der Mutter konvertierte die (innerliche) Atheistin taktisch zum Katholizismus. Vor den Nazis schützte das freilich nicht: als Verbindungsglied der Résistance landete sie für mehrere Monate im Gestapo-Gefängnis von Fresnes. Ihre geliebte ältere Schwester "Douce" hingegen wurde ins KZ Ravensburg deportiert und überlebte dieses nur kurz; sie starb nach der Heimkehr.

Kurz währt auch Girouds Ehe mit dem Filmproduzenten Anatole Eliacheff. Ihr entstammt Tochter Caroline, geboren 1947. Da ist Giroud seit einem Jahr Chefredakteurin der frisch gegründeten, feministisch-modernen Modezeitschrift "Elle". Und sie verstört mit ihren Artikeln über die selbstbestimmte Frau, über Scheidung, Abtreibung, Sexualität. Denn im katholischen Nachkriegsfrankreich wollen die meisten Leserinnen träumen - "im Einvernehmen mit dem Beichtvater". Dass Giroud gleichzeitig mit ihren VIP-Portraits zur Festigung des damaligen Idealbildes der Gesellschaft beitrug, bekennt die Autorin aber ebenso selbstkritisch ein wie das Faktum, nie über die "Fußsoldaten der freudlosen Fron in ihren Schützengräben" geschrieben zu haben. Gelegentlich greift sie "harte politische Themen" in anderen Medien auf. Das sollte sich bald ändern.

Kampfblatt

Im Jahr 1951 begegnet Giroud (noch verheiratet) ihrem wahren Sonnengott, Jean-Jacques Servan-Schreiber (kurz JJSS). Der Pariser Starintellektuelle erweist sich als weltgewandter, charmant-lässiger (gleichfalls verheirateter) Womanizer. Er wird ihre große Liebe. Das Kind, das sie von ihm erwartet, treibt sie ab. . . 1953 gründen die beiden ein gemeinsames "Kampfblatt", das Nachrichtenmagazin "L’Express". Sie leiten es gleichberechtigt. Und Giroud begibt sich wieder auf "Drachenjagd" - so nennt sie ihre Ambition, die Welt besser machen zu wollen. Freilich, längst weiß sie: der Drache ist immer woanders. Dennoch sei er "leichter aufzutreiben als die Lanze, mit der man ihn bekämpfen kann". Girouds Tätigkeit beim "Express" endet 1974. Da ist ihre Liebe zu Servan-Schreiber bereits Geschichte.

Es folgt ein Intermezzo als Staatssekretärin für Frauenangelegenheiten, dann für Kultur. Ab 1979 arbeitet Giroud wieder als Journalistin - und als Autorin erfolgreicher, vielfach übersetzter Bücher, etwa ihre Biografien von Cosima Wagner oder Alma Mahler (deutsch bei Zsolnay). Giroud starb am 19. Jänner 2003 in Paris.

Ihre hier vorgestellte Autobiographie wertete sie als "Vergangenheitskur", in der sie u.a. auch harsche Kritik an manchem Doktor der Psychoanalyse übt: moderne Mephisto-Gestalten seien da unterwegs - und betrieben im Grunde Gehirnwäsche. . . Einschlägige Therapie-Erfahrungen ließen sie einst zu Jacques Lacan wechseln.

Das Buch ist aber auch ein spannendes Zeitdokument - und liefert so manchen Denkanstoß. So fordert Françoise Giroud in gesellschaftspolitischen Fragen vehement ein undogmatisches Urteil ein: "Sonst handelt es sich nicht mehr um Politik, sondern um Religion, und die führt stets zum Schisma oder zur Inquisition."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-02 16:11:08
Letzte ─nderung am 2016-09-02 16:36:25



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