• vom 12.09.2016, 18:00 Uhr

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Update: 12.09.2016, 18:51 Uhr

Schriftstellerporträt

Der Spion, der Kinderbücher schrieb




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Von Edwin Baumgartner

  • Vor 100 Jahren wurde der britische Schriftsteller Roald Dahl geboren - seine Geschichten sind populär geblieben.

- © Corbis/Ronald Dumont

© Corbis/Ronald Dumont

Den Teufel werd’ ich tun und das Ende verraten! Nur so viel: Ein naiver junger Mann nimmt bei einer Frau Quartier. Sie strömt einen seltsamen Geruch aus. Ihre verstorbenen Haustiere stopft sie eigenhändig aus. Wie alles, was sie liebt.

Und dann wäre da noch die Geschichte von dem Bienenzüchter, der seinem untergewichtigen Baby Gelée Royale verfüttert - also, die geht echt übel aus. Aber noch lange nicht so übel wie die Idee des Neurochirurgen, nach Williams vermeintlichem Tod dessen Gehirn und eines seiner Augen am Leben zu erhalten.


Eine Art James Bond
Roald Dahls Geschichten sind skurril, und wenn man ihnen schwarzen Humor nachsagt, muss man "schwarz" erst definieren, denn das herkömmliche Schwarz ist Weiß im Vergleich zu dem, was Dahl schrieb. Heute vor genau 100 Jahren ist der britische Schriftsteller in Llandaff bei Cardiff (Wales) zur Welt gekommen. Seine Eltern waren norwegische Einwanderer, was den Vornamen erklärt: Roald Amundsen war (und ist vielfach noch heute) für Norweger eine Gestalt wie einer der alten Götter. Der Südpol-Eroberer thront da neben Thor und Odin - und hat den Vorteil, eine reale Person zu sein.

Nach einem Treffen mit C. S. Forester, einem in England hoch angesehenen Autor von Romanen über den Seekrieg in napoleonischer Zeit, beschloss Dahl, Schriftsteller zu werden.

Und zuvor?

Dass Dahl im Zweiten Weltkrieg Jagdpilot gewesen war und nach einer Verwundung aus dem aktiven Dienst ausschied, war bekannt. Dass er quasi der James Bond dieser Tage war, kam erst nach dem Tod des Schriftstellers am 23. November 1990 in Great Missenden in vollem Umfang ans Tageslicht: Dahl arbeitete ab 1942 in den USA für den britischen MI6 - und, ganz wie James Bond, gab es keine schöne Frau, die er nicht verführte. Das Drehbuch zum 007-Film "Man lebt nur zweimal": Man könnte meinen, Dahl schrieb es aus eigener Erfahrung. Mit dem Bond-Erfinder Ian Fleming war er übrigens befreundet. Schriftstellernde Spione unter sich, sozusagen. Könnte der Womanizer Dahl für den smarten britischen Agenten gar Modell gestanden sein?

Dahls autobiografische Texte geben keinen Aufschluss darüber. Und selbst wenn: Sie sind von - nennen wir es: subjektiver Wahrheit geprägt. Das haben wohl Autobiografien an sich.

Überhaupt die biografische Seite des Roald Dahl: Es fällt schwer, ihn wirklich sympathisch zu finden, obwohl er später mit seiner Roald Dahl Foundation die Gebiete Neurologie und Hämatologie unterstützte und den Analphabetismus bekämpfte. Doch sein Umgang mit Menschen, und speziell Frauen, war, gelinde gesagt, gewöhnungsbedürftig. "Ich glaube, er schlief mit jeder Frau an der Ost- und Westküste, die mehr als 50.000 Dollar Einkommen im Jahr hatte", wird einer seiner Bekannten zitiert.

Mag sein, dass auch die Beziehung mit Patricia Neal als Affäre begann. Die außergewöhnlich schöne Filmschauspielerin hatte Beziehungen mit dem damals noch als Schauspieler tätigen späteren US-Präsidenten Ronald Reagan und mit Gary Cooper gehabt. Diesmal ging es tiefer. 1953 heirateten sie und Dahl, worauf 30 Jahre einer Ehe folgten, die als "stürmisch" zu beschreiben die reine Untertreibung wäre. "Roald the Rotten" nannte sie ihn, "Roald den Verdorbenen". 1983 ging Dahl mit seinen Affären endgültig zu weit. Neal reichte die Scheidung ein. Sie habe Dahl nie wirklich geliebt, behauptete sie, aber sie hatte unbedingt Kinder haben wollen.

Zurück ins Leben gezwungen
Deren fünf bekam sie mit Dahl, doch die Elternschaft war von Tragödien überschattet: Ein Sohn erlitt bei einem Unfall einen schweren Hirnschaden, eine Tochter starb an Masern. Während der fünften Schwangerschaft erlitt Neal, mittlerweile Oscar-Preisträgerin, mehrere Schlaganfälle, war halbseitig gelähmt, auf einem Auge teilerblindet, und ihr Sprechvermögen war eingeschränkt.

Dahl zwang seine Frau zu einem harten Rehabilitationsprogramm, das er selbst kontrollierte. Die von ihm verordneten Maßnahmen scheinen roh, aber sie wirkten: Zehn Monate später blieb als einziger Schaden der Sehverlust zurück. Dahl hatte seine Frau zurück ins Leben gezwungen. Als "Patricia Neal Story" wurde diese Geschichte eines Genesungsprozesses für das Fernsehen verfilmt. Neal konnte sogar ihre Schauspielkarriere fortsetzen. Sie starb im Jahr 2010.

Dahl heiratete 1983 ein zweites Mal: Seine zweite Frau, Felicity Crosland, war der Scheidungsgrund für Neal gewesen.

Genug der Biografie - was ist dran an Dahls Geschichten? Seine Kurzgeschichten waren in den Fünfziger- und Sechzigerjahren legendär. "...und noch ein Küsschen" und "Küsschen Küsschen" musste man gelesen haben, obwohl die Geschichten in "Kuschelmuschel" noch origineller sind - nur darf man sie nicht als "erotisch" missverstehen, obwohl der Verlag sie als solche ausgab. Auch der Roman "Onkel Oswald und der Sudan-Käfer" ist nur an der Oberfläche Softporno und in Wirklichkeit eine Aneinanderreihung zunehmend bizarrer Anekdoten, in denen Größen wie Igor Strawinski, Giacomo Puccini, Pablo Picasso, Marcel Proust, Thomas Mann und viele mehr Tango tanzen. Die Geschichte hat etwas von der Komik des (späteren) Films "Ein Fisch namens Wanda" aus der Monty-Python-Umgebung.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-12 16:05:08
Letzte nderung am 2016-09-12 18:51:27



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