• vom 18.09.2016, 08:30 Uhr

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Update: 19.09.2016, 16:02 Uhr

Sachbuchkritik

Die Systeme des Bösen




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Von Oliver vom Hove

  • Die Philosophin Bettina Stangneth über "Böses Denken" als den Urgrund des Terrors.

Böses Denken manifestiert sich in Terror und Tugend-Terror, sagt Bettina Stangneth.

Böses Denken manifestiert sich in Terror und Tugend-Terror, sagt Bettina Stangneth.© apa/afp/Doug Kanter Böses Denken manifestiert sich in Terror und Tugend-Terror, sagt Bettina Stangneth.© apa/afp/Doug Kanter

Die Empörung war groß, als Immanuel Kant vor 224 Jahren feststellte, der menschlichen Natur wohne das "radikal Böse" inne. Der Aufbruchsoptimismus der Aufklärung war empfindlich gestört. Einen "Alleszermalmer" nannte der Philosoph Moses Mendelsohn seinen Königsberger Kollegen. Was Kant den Zeitgenossen mit seinem Urteil über die Gefährlichkeit der menschlichen Spezies antat, empfanden noch Generationen nach ihm als narzisstische Kränkung.

Der Homo sapiens als dauerhaftes Sicherheitsrisiko - das können bis heute all jene nicht akzeptieren, die mit Rousseau glauben wollen, die menschliche Natur sei ab ovo gut und das Destruktive entstamme nur falscher Erziehung oder verderblichem Milieu.


Der Mensch, so hielt Kant dagegen, sei sich "des moralischen Gesetzes bewusst, und hat doch die gelegentliche Abweichung von demselben in seine Maxime aufgenommen". Denken und Handeln stehen nicht zwangsweise in logischer Verbindung.

"Wir sind radikal böse"
Das Böse ist somit die Bedingung unserer Freiheit, im Denken wie im Handeln. Die Hamburger Philosophin Bettina Stangneth hält in ihrer Studie über "Böses Denken" fest: "Wir sind radikal böse, denn das moralische Gesetz ist immer nur ein Antrieb unter mehreren, die uns interessieren; und obwohl wir so sehr danach gesucht haben, ist es nicht unsere liebste Option. Der Gegner der Moral ist dabei nicht die Begierde oder ein sinnlicher Antrieb, sondern es ist unsere Lust an der Freiheit, die sich von der Vernunft ebenso widerwillig einschränken lässt wie von der Sinnlichkeit."

Die Spannweite von Stangneths Untersuchung reicht von Kant bis zu Hannah Arendt, die in Adolf Eichmann die "Banalität des Bösen" verkörpert sah. Das Beispiel sei falsch, urteilt Stangneth, weil Eichmann vor Gericht den Ahnungslosen gespielt habe. Aber Arendts allgemeines Urteil stimme dennoch.

Spätestens nach der Nazi-Diktatur sah Hannah Arendt die Notwendigkeit, bei ethischen Problemen das Wagnis eines "Denkens ohne Geländer" einzugehen. "Während Kant von demselben Punkt aus fragt, wie es möglich ist, dass wir wissentlich etwas Böses tun, fragt Hannah Arendt, wie es möglich ist, unwissentlich etwas Böses zu tun."

Die Feindseligkeit der totalitären Systeme gegen den Vernunftanspruch auf Wahrheit und moralische Dignität hat, so Stangneth, zur Entwicklung von "erstaunlich komplexen Methoden" geführt, "uns zum freiwilligen Verzicht auf unsere Aufgeklärtheit zu überreden." Denn: "Wir haben es seit dem letzten Jahrhundert mit einer Gegnerschaft zu tun, die unter Einsatz genau des Werkzeugs gegen die Aufklärung zu Felde zieht, das wir doch für ihr wesentliches Mittel halten: Das Böse, mit dem wir hier zu rechnen haben, kommt also nicht aus schwachem Willen oder Gedankenlosigkeit, lässt sich auch nicht als Rückfall in unsere Tierheit oder als Triebstruktur erklären, sondern stammt aus dem systematischen Denken selbst, das uns als mündige gebildete Menschen anspricht. Mit anderen Worten: Wir müssen nicht mehr nur mit unserer Inkonsequenz und Bequemlichkeit rechnen, sondern auch mit dem akademisch Bösen."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-16 17:11:05
Letzte nderung am 2016-09-19 16:02:05



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